Der Traum vom besseren Leben

Kaum ein Unternehmen kann es sich heute noch leisten, Geschäfte auf Kosten der Umwelt zu machen. Und tatsächlich denken viele Firmen um: Vom Global Player bis zum Start-up gibt es Ideen, wie nachhaltig gewirtschaftet werden kann – nicht nur aus Freude am Grün, sondern weil es sich für alle lohnt.

Jürgen SchmidtDemonstrationen mag Jürgen Schmidt bis heute nicht. Das war schon in den Achtzigerjahren so, als seine Mitschüler sich in der Umweltbewegung engagierten und gegen die Zer­störung der Natur protestierten. Während auf den Straßen Steine flogen, trieb Schmidt sich lieber in den ersten Fabriken für Recyclingpapier herum. Schon als 17-Jähriger hatte er die Idee, die Umwelt auf ganz eigene Weise zu schützen:  nämlich mit nachhaltigen Produkten. So begann er, an seinem Würzburger Gymnasium Hefte aus Altpapier an seine Klassen­kameraden zu verkaufen. Die Demonstranten kauften gerne. Das Geschäft lief so gut, dass Schmidt bald expandierte: Von seinen ersten 100 Mark Gewinn erwarb er einen Renault-Kastenwagen, den er grün lackierte und mit dem er von Schule zu Schule pendelte. Jetzt nahmen ihm auch die Sekretariate das Papier ab. 1989 gründet Schmidt das Versandhaus Memo, dessen Aufsichtsrat er inzwischen vorsitzt. Mit 19 Millionen Euro Umsatz im Jahr und über 10.000 Produkten im Angebot ist Memo heute Marktführer im Bereich nachhaltige Büroartikel. Aber nicht nur die Produkte des Versenders sind Öko, sondern das ganze Unternehmen: Vom Elektroauto im Fuhrpark über Energiesparlampen und Wasser sparende Technik in Büros und Lagern bis zu eigenen, immer wieder verwendbaren Verpackungen ist Memo konsequent auf Umweltschutz getrimmt.

Als Schmidt seine Unternehmerkarriere begann, war er seiner Zeit weit voraus. „Umweltfreundliche Produkte waren eine Nische“, sagt der grüne Pionier.  Inzwischen ist das Wort Nachhaltigkeit in aller Munde. Kein Wunder. Denn die Probleme, die Schmidt damals schon sah, sind heute noch drängender: Rohstoffknappheit, Umweltverschmutzung, Klimawandel.

In Zahlen stellen sich die Probleme so dar: Wirtschaften wir weiter wie bisher, benötigen wir laut der Umweltorganisation WWF im Jahr 2035 theoretisch zwei Erden, um alle Menschen mit Nahrung, Energie und Lebensraum zu versorgen. Denn weltweit verbrauchen Unternehmen jährlich insgesamt 60 Milliarden Tonnen Rohstoffe wie Kohle, Eisen, Holz und Wasser; die Hälfte mehr als 1980. Angesichts dieser Fakten fordern mittlerweile viele Forscher, Politiker und Kunden von Unternehmen, nachhaltiger mit Ressourcen umzugehen. Produkte und ihre Produktion sollen die Erde schonen, statt sie auszuplündern. Experten wie der Umweltforscher Ernst Ulrich von Weizsäcker halten das durchaus für möglich: „Wir haben heute schon die nötige Technik, um  den Rohstoff- und Energieverbrauch der Industrie um 80 Prozent zu senken“, sagt er. Nutzten die Unternehmen diese Verfahren, würden sie jährlich sogar rund 100 Milliarden Euro sparen, hat die Deutsche Materialeffizienzagentur demea berechnet.

Aber Nachhaltigkeit bedeutet mehr, als nur Energiespartechnik zu installieren. Sie erfordert eine ganzheitliche Strategie: von der umweltschonenden Herstellung und Verarbeitung von Nahrungsmitteln und Stoffen zum Beispiel, über das Recycling von Produktionsresten in der Fabrik bis hin zur Vermeidung von unnötigen Flugreisen.

Unternehmen, die ein solch umfassendes Engagement zeigen, sind aber bisher die Ausnahme, hat der Nachhaltigkeitsforscher Stefan Schaltegger von der Lüneburger Leuphana Universität festgestellt. „Viele Manager sind dem Klischee verhaftet, dass Nachhaltigkeit zwangsläufig Kosten verursacht“, sagt er. Im Klartext: Viele Unternehmer bezweifeln immer noch, dass sie grün sein können und trotzdem schwarze Zahlen schreiben. Dabei beweisen neben dem Versandhaus Memo deutschlandweit Unternehmen vom Start-up bis zum Großkonzern, dass sich umweltfreundliches Wirtschaften und Geschäftserfolg nicht ausschließen. Erfolgsrezepte gibt es dabei viele.

Claus HippEines stammt von Claus Hipp: Er setzt mit seiner Nachhaltig­keitsstrategie nicht auf kurzfristige Quartalsgewinne und hohe Renditen, sondern auf langfristigen Geschäftserfolg. Der 73-Jährige, der bis heute im Büro und in Werbefilmen einen bayerischen Janker statt Anzug trägt, führt seit 1967 den Baby­kostproduzenten HiPP. Das Unternehmen hat rund 2.000 Mitarbeiter, die 1,5 Millionen Gläschen Babybrei produzieren – pro Tag.

Jenseits von allem Marketing-Sprech hat Hipp eine verblüffend einfache Definition für Nachhaltigkeit entwickelt: „Nachhaltiges Wirtschaften ist vergleichbar mit der Apfelernte“, sagt er. „Sie dürfen die Früchte nehmen. Sobald Sie aber einen Ast absägen, um schneller an die Früchte zu gelangen, ist es nicht mehr nachhaltig.“ Um den Ast nicht abzusägen, so ist Hipp überzeugt, muss Landwirtschaft ökologisch arbeiten. Deshalb verwendet er nur Obst und Gemüse aus biologischem Anbau für seine Produkte. Aber das genügt Hipp nicht. Schon 1997 stellte er die Energieversorgung für sein Unternehmen komplett auf grünen Strom um. Seit 2001 produziert der Babynahrungshersteller durch den Einsatz von erneuerbarer Energie sogar CO2-neutral. Mitarbeiter, die mit der Bahn statt mit dem Auto ins Büro kommen, erhalten außerdem die Fahrtkosten erstattet. Und wer das Fahrrad nimmt, bekommt bis zu 14 Cent pro Kilometer. Hinzu kommt die Überprüfung und Analyse der Zutaten in einem eigenen Hightech-Labor. Außerdem werden hier Bodenproben von den Vertragslandwirten untersucht. So weiß Hipp genau, wie umweltverträglich auch seine Zulieferer arbeiten. Bei vielen Unternehmen fehlen diese Informationen schlicht.

Zweifellos profitiert von diesem Aufwand die Umwelt. Aber tut es auch die Bilanz? Wenn ein Unternehmen diesen Aufwand in Werbung verpackt, wie HiPP es tut, dann schon: In einer gro­ßen Umfrage wählten die Verbraucher den Babykosthersteller kürzlich unter 65 Unternehmen zur nachhaltigsten Marke Deutschlands. „An den hohen Imagewerten lässt sich ab­lesen“, sagt Karin Pretzel, die bei HiPP für die Nachhaltigkeits-Kommunikation verantwortlich ist, „dass sich unser Engagement auch positiv auf die Kaufentscheidung der Verbraucher auswirkt.“ Sprich, sie greifen eher zu einem Glas von HiPP als zu dem der Konkurrenz.

Wie HiPP beweist, kann Nachhaltigkeit durchaus ein Wettbewerbsvorteil für Unternehmen sein. Dafür genügen aber nicht einzelne grüne Produkte, sondern es bedarf einer glaubwürdigen Gesamtstrategie. In diesem Zusammenhang kann Nachhaltigkeit auch bedeuten, regional zu produzieren. Dieses Prinzip setzt zurzeit vielleicht niemand so radikal um, wie die Unternehmerin Sina Trinkwalder.

Dabei sieht die 34-jährige ehemalige Werberin nicht aus wie eine Ökofundamentalistin. Sie fährt BMW, trägt dunkle schicke Kleider und hat meistens eine große Sonnenbrille ins Haar gesteckt. Ihre Idee: Die Textiltradition ihrer Heimat Augsburg wiederzubeleben. Und das so umweltschonend wie möglich. So gründete sie 2010 das Bekleidungslabel Manomama.

Sina TrinkwalderBei Trinkwalder hat Nachhaltigkeit auch eine soziale Komponente: Sie beschäftigt ausschließlich arbeitslose Näherinnen und Schneider, deren vorige Jobs schon vor Jahren aus Deutschland in billigere Schwellenländer verlagert wurden. Hinzu kommen Ungelernte, die sie ausbildet. Auf die Idee mit der Regionalität brachte sie eine Jeans: Heute gehe zum Beispiel eine Levis-Hose, bevor sie im Geschäft lande, vom Schneidern bis zum Färben zweimal um den Globus, sagt sie. „Das ist eine unglaubliche Verschwendung von Energie und Rohstoffen.“

Dass es auch anders geht, beweist sie mit ihrer Kollektion. Außer der Baumwolle, die Trinkwalder aus der Türkei bezieht, werden alle Rohstoffe für ihre Kleidung und Taschen, darunter Schurwolle und Leder, in der Region um Augsburg produziert und verarbeitet. Da die Kleidung zu 100 Prozent kompostierbar sein soll, will sie nur natürliche Materialien verwenden.

Einfach macht es sich die Unternehmerin mit ihrem Ansatz nicht: So musste sie ein Schulterpolster aus Hanffasern ebenso erst entwickeln wie kompostierbare Knöpfe.  Beides gab es bisher nur mit Kunststoffanteil. Gerade arbeitet sie an plastikfreien Reißverschlüssen. Ausgangsstoff: weggeworfene Panzer von Krustentieren wie Schrimps. Die Idee kam ihr beim Kochen. An der Hochschule Reutlingen lässt sie derzeit außerdem prüfen, welche Baumwolle umweltfreundlicher ist: die türkische, die per LKW transportiert, aber mit Grundwasser gegossen wird, oder die afrikanische. Die muss zwar von weiter her mit dem Schiff kommen, wird aber mit Regenwasser getränkt. „Das ist eine Wissenschaft für sich“, sagt sie. Ihr Erfolg scheint den Aufwand zu rechtfertigen: Gerade stellt Trinkwalder 50 neue Mitarbeiter ein und zieht um in eine alte Stofffabrik – mit zehnmal mehr Platz als in ihrem Hinterhofhaus, wo sie zwölf Angestellte beschäftigte. Für ihr Engagement wurde sie außerdem vergangenes Jahr in der Kategorie „Social Entrepreneur“ mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet.

Dabei ist Sina Trinkwalder nur eine von vielen Gründern eines neuen Typus, den der Lüneburger Nachhaltigkeitsforscher Stefan Schaltegger als Ecopreneure bezeichnet. „Sie sind von der Überzeugung getrieben, dass auf marktwirtschaftlichem Wege mit überzeugenden nachhaltigen Produkten die Gesellschaft zum Besseren verändert werden kann“, sagt er.

Viele dieser Ecopreneure sind auch im Technologiebereich aktiv, wo sie Lösungen entwickeln, um Ressourcen zu schonen. So zum Beispiel die Ingenieure Holger Ulland und Gerhard Span vom Duisburger Start-up O-Flexx Technologies. Ihre streichholzkopfgroßen Thermogeneratoren, die noch dieses Jahr auf den Markt kommen sollen, können Abwärme von Maschinen in Strom umwandeln. Bei Autos könnte Elektrizität aus der Motorblockwärme Heizung, Klimaanlage und Autoradio antreiben und so den Spritverbrauch um bis zu fünf Prozent drücken, so Ulland – bei einem Jahresverbrauch von rund 36 Milliarden Litern Benzin und Diesel in Deutschland eine ganze Menge.

Max ThiniusDass grüne Start-ups wie O-Flexx langfristig glänzende Geschäftsaussichten haben, davon ist der Unternehmensberater Max Thinius überzeugt. Er arbeitet unter anderem für die Berliner Investmentfirma Mama, die Geld in junge nachhaltige Unternehmen investiert und mit ihnen Geschäftsideen entwickelt. „Die Geschäftsstrukturen nachhaltiger Unternehmen sind häufig stabiler und sie arbeiten günstiger als solche, die keinen Wert auf Nachhaltigkeit legen“, sagt er. Der Grund: Sie nutzten Rohstoffe und Energie besser und produzierten in höherer Qualität – weil auch das auf Dauer Ressourcen schone.

Neben jungen Firmen berät Thinius auch Großunternehmen in Sachen Nachhaltigkeit. Kürzlich suchte er nach Möglichkeiten für einen großen Kosmetikhersteller, seine Umweltbilanz zu verbessern. Dabei stellte sich heraus, dass an den bestehenden Produkten teilweise gar nichts geändert werden konnte. Denn jede Veränderung in der Zusammensetzung hatte den Patentschutz aufgelöst, der bis zu 25 Jahre gelten kann. Genau mit diesen patentgeschützten Produkten verdiente das Unter­nehmen aber das meiste Geld. So konnten nur Neuprodukte nach umweltfreundlichen Kriterien entwickelt werden. „Junge Unternehmen haben deshalb oft Vorteile in Sachen Nachhaltigkeit, weil sie keine bestehenden Produkte und Prozesse haben, die sie verändern müssen“, sagt Thinius.
Genau dieser Herausforderung aber stellen sich mittlerweile immer mehr etablierte Mittelständler und Großunternehmen, indem sie so genannte Umweltmanager einsetzen. Deren Aufgabe ist es, auf allen Ebenen des Unternehmens Nachhaltigkeitspotenziale aufzuspüren und Prozesse umzustellen. Beim deutschen IT-Dienstleister SAP zum Beispiel, der rund 100.000 Unternehmen rund um den Globus mit Software beliefert, hatte dieses Konzept schon Erfolg.

Randolf HagerInsgesamt arbeiten bei SAP weltweit mehr als 30 dieser Umweltmanager daran, das Unternehmen nachhaltiger zu machen. „Ziel unserer Arbeit ist es“, wie Randolf Hager, der Projektleiter in Deutschland, erklärt, „den Ausstoß von Treibhausgasen bei SAP bis 2020 um 40 Prozent zu senken.“ Dafür wurde auf Recyclingpapier umgestellt, das nur doppelseitig bedruckt wird, und es wurden Programme installiert, sodass sich die Computer der 50.000 Mitarbeiter abends abschalten. Außerdem wurden die Büros mit energiesparenden LED-Lampen ausgerüstet. In den acht Bürogebäuden am Standort im kalifornischen Palo Alto liefern Solaranlagen mittlerweile die gesamte Energie. Diese und weitere Maßnahmen sparten dem Unternehmen in den vergangenen drei Jahren 185 Millionen Euro.

Jetzt versuchen die Umweltmanager, die Reisetätigkeit der Mitarbeiter zu reduzieren. Dafür wurden in einem ersten Schritt so genannte Telepräsenzräume eingerichtet. In ihnen sitzen zum Beispiel Mitarbeiter in Deutschland, den USA oder Indien und unterhalten sich über Monitorwände. „Das ist so echt, dass die Kollegen meinen, sich gegenseitig die Hand schütteln zu können“, sagt Hager. Das schont nicht nur die Umwelt, sondern spart dem Unternehmen Geld und den Mitarbeitern Flugstress.

Solche ganzheitlichen Ansätze wie bei SAP und HiPP sind es, die Wolfgang Astecker von der Schweizer Unternehmens­beratung Malik für den Königsweg in Sachen Nachhaltigkeit hält. Astecker hilft seit Jahren Managern und Konzernlenkern den Blick für die Zusammenhänge zwischen einzelnen Abteilungen, Produktionsprozessen in ihren Unternehmen und dem Markt zu schärfen. „Systemisches Denken“ heißt sein Stichwort. Es bedeutet, das ganze Unternehmen sich als einen Organismus zu betrachten, dessen einzelne Teile sich gegenseitig beeinflussen.

„Wenn das Thema Nachhaltigkeit in allen Bereichen des Unternehmens und bei den Produkten umgesetzt wird, kommt der langfristige Erfolg automatisch“, sagt Astecker. Um Managern ein Gefühl für die Wechselwirkungen zwischen Unternehmen und dem Markt zu geben, hat Malik eigens ein Computerspiel mit dem Namen Ecopolicy entwickelt. Hierbei leiten die Manager einen Staat mit seinem hoch komplexen Zusammenspiel von verschiedenen Einflüssen aus Gesellschaft, Wirtschaft und Politik.

Ecopolicy spielen seit 2008 bundesweit auch Schüler beim Wettbewerb Ecopolicyade. So hoffen die Berater bei Malik, eine neue Generation von Systemdenkern zu fördern, die ihr Wissen später in die Unternehmen tragen. „Denn heute schon“, sagt Astecker, „schneiden die Schüler oft besser ab als die Manager.“

Text: Benjamin Reuter | Fotos: Stephan Pramme

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