My Plattenbau is my castle

Martin Maier* lebt seit Jahren in einer Plattenbauwohnung zwischen Friedrichshain und Mitte. Was für andere klischeebeladen und unvorstellbar scheint, ist für ihn die perfekte Art, sich auszuleben, denn der 34-Jährige mag es nackt – zumindest an den Wänden.

„Es war ein absoluter Glücksfall, dass die Verwalterin der Wohnung mich noch vor dem Einzug fragte: Wollen Sie Raufasertapete? Das wollte ich auf keinen Fall, denn ich mag den Charme von rohem Beton.“

Tatsächlich ist der Beton nicht einfach nur grau. Er schimmert mal heller, mal dunkler, hier etwas rötlicher und dort eher braun. Die Spuren der Vergangenheit sind für Martin Maier Teil des Einrichtungskonzepts:
Reste von Kleister, Bohrlöcher und sogar die Markierungen aus dem Plattenwerk erzählen ihre eigenen kleinen Geschichten. Sie wurden in die Einrichtung integriert, die roten Zahlen in Flur und Essbereich finden sich im Hocker, in Schienensystemen und Leuchtenkabeln wieder.

Doch auch der Grundriss der Wohnung ist überraschend anders, denn Martin passte die Wohnung seinen eigenen Bedürfnissen an. Inspiriert wurde er dabei von der Website jeder-qm-du.de, auf welcher eine große Band­breite an Grundrissvariationen gezeigt wird. Jeder Besucher, der die Vorstellung des  „Arbeiterschließfachs“ im Kopf hat, ist völlig überrascht von der großen Küche im Plattenbau.

„In meinen anderen Wohnungen nutzte ich nie das Wohnzimmer. Darum habe ich jetzt diesen Raum in eine 27 m² große Küche mit Sofa verwandelt.“

Martin gab den Zimmern neue Funktionen, dank des zentralen Versorgungsschachtes war es einfach, die Leitungen zu verlegen. Dazu benötigte er nur einen Bohrhammer, vier Stunden schwitzen und ein Anschreiben an die Nachbarschaft mit dem Hinweis auf Lärm. Aus der ehemaligen kleinen Küche wurde ein Arbeits- und Gästezimmer, das ehemalige Wohnzimmer fungiert als kommunikatives Zentrum und Kochinsel der Wohnung.
In der neuen Traumküche findet sogar ein Tisch für acht Personen Platz.

Gebraucht und umfunktioniert

Martin versucht, in der Wohnung so viel wie möglich selbst zu machen: Alte Weinkisten werden zum Küchen­regal, die Arbeitsflächen waren einst Lkw-Platten, die Leuchtenkabel stammen von einer Baustelle.

„Wiederverwenden oder Zweckentfremden finde ich spannend. Und ich bin definitiv süchtig nach Baumärkten und Baustellen-Containern.“

Das Sofa aus dem VEB Polstermöbel Suhl ist trotz seiner 50 Jahre auf dem Buckel äußerst bequem. Und die Stühle hat er aus einem Schuttcontainer gezogen, sein Geschirr bei Freunden und Verwandten eingesammelt. Seine Wohnung ist ein Stück fortgeschriebener Geschichte: der von anderen und von sich selbst. Er kann hier sein, wie er sein will. Und außerdem hat er vom Balkon den vielleicht fantastischsten Blick auf den Fernsehturm.

* Name von der Redaktion zur Wahrung der Privatsphäre geändert

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