Der große Wurf

Es gibt Menschen, die wünschen sich eine Welt ohne Müll. Und es gibt Menschen, die haben dafür die passenden Ideen. Deutsche Wissenschaftler und Unternehmer probieren bereits heute, Abfälle möglichst effizient zu entsorgen, neu zu verwenden oder sogar ganz zu vermeiden.

Markus Antonietti hat ein Stück der Revolution in eine Kaffee­dose gesteckt. Er öffnet den Deckel und schüttet ein paar braune Kügelchen auf seinen Schreibtisch, die ein bisschen wie Kaffeebohnen aussehen. „Riechen Sie mal!“, sagt er herausfordernd.
Ein Geruch von Garten und faulem Obst, Kompost und Erde steigt auf. „Das ist Kohle“, erklärt er. „Bio-Kohle, um genau zu sein.“
Antonietti ist Leiter des Max-Planck-Instituts für Kolloid- und Grenz­flächenforschung und ihn beschäftigt die vermutlich drängendste Frage der Zukunft: Woher können wir Energie beziehen?

Um diese Frage zu beantworten, ist er vor etwa sieben Jahren in seinen Garten gegangen und hat Laub, feuchtes Gras, Pinienzapfen und was er sonst noch an organischem Material fand in eine Art Dampfkochtopf geworfen. Er gab Wasser hinzu, erhitzte das Gemisch unter Luft­abschluss auf 180 Grad Celsius und hatte nach einem halben Tag eine schwarze Brühe: Kohlepartikel, gelöst in Wasser. „Hydrothermale Carbonisierung“ nennt sich das Verfahren, bei dem Biomasse vollständig in Kohlenstoff umgewandelt wird. Ist der frische Kohlenstoff zu Pellets gepresst, hat er mehr Heizwert als Holz – und setzt bei der Verbrennung nicht ein Milligramm zusätzliches CO2 frei. „Es wird nichts Chemisches hinzugefügt, also kann auch nichts Schlechtes hinten rauskommen“, sagt Antonietti. Das einzige Nebenprodukt ist das Wasser, das sich beim Pressen der Pellets herausfiltert. Wie eine Gemüsesuppe sei es, in der alles drin ist, was ein Baum zum Wachsen braucht. Antonietti würde die Suppe gern als Dünger zurück in die Natur schütten, aber das verbietet momentan noch das Deutsche Düngemittelgesetz. Das Wasser muss also gereinigt werden. Trotz des kleinen Problems mit dem Wasser läuft seit drei Jahren in Kleinmachnow bei Berlin eine erste Anlage, die in einer Pilot- und Prüfungsphase zehntausend Tonnen Bioabfall im Jahr verarbeitet. Dabei entstehen knapp fünftausend Tonnen Biokohle. „Ich denke, in fünf bis zehn Jahren hat sich das Verfahren in Deutschland durchgesetzt“, sagt der Chemiker.

Einen wichtigen Unterstützer durch die lange Prüfphase hat Antonietti in der Berliner Stadtreinigung gefunden. Dort sucht man selbst schon lange nach einer ökologisch sinnvollen Idee, was man mit den Unmengen an Laub anfangen könnte, die im Stadtgebiet zusammengekehrt und eingesammelt werden.
In einem eigenen Ideenlabor dürfen sich die Mitarbeiter des kommunalen Entsorgers BSR richtig austoben. Sie bringen sich nicht nur in der Frage ein, was mit dem Laub passieren soll, sondern auch bei allen anderen Müllarten. In fast allem, was in unsere Mülltonnen wandert, könnte ein wertvoller Rohstoff stecken, den es lohnt, weiterzuverarbeiten. Mit immer ausgefeilteren Sortier- und Trennmethoden werden Rohstoffe recycelbar gemacht. Und was trotzdem übrig bleibt, verschwindet auch nicht einfach so. Es soll so effektiv wie möglich energetisch und stofflich genutzt werden. In anderen Worten: Der unvermeidliche Rest wird verbrannt. Das ist auch sinnvoll, denn dabei werden alle Schadstoffe vernichtet und damit dauerhaft die Biosphäre entlastet. Wie umweltfreundlich ein Müllheizkraftwerk sein kann, lässt sich in Ruhleben nachvollziehen. Die Anlage, aus der fünf Prozent der Berliner Haushalte ihren Strom beziehen, wurde in den letzten Jahren für insgesamt 150 Millionen Euro modernisiert. „Die Luft, die bei uns am Schornstein rauskommt, ist sauberer als alles, was Sie auf Berliner Straßen einatmen“, sagt der Leiter des Müllheizkraftwerks Ruhleben, Alexander Gosten. Das liege an der neuesten Filtertechnik. Außerdem könne man ein Viertel des hier eintreffenden Mülls noch recyceln: Fünf Sorten Schrott werden aus dem Restmüll heraussortiert und aus den über hunderttausend Tonnen Schlacke pro Jahr werden zwei verschiedene Baustoffe, die sonst aus natürlichen Qualitäten gewonnen werden. Wird in Ruhleben eine Tonne Müll verbrannt, dann entstehen über zwei Tonnen Hochdruckdampf. Der wird im benachbarten Kraftwerk in Strom umgewandelt und dieser in das Fernwärmenetz eingespeist – und ersetzt damit fossile Brennstoffe wie Kohle. Oder Öl.

Dass auch das schwarze flüssige Gold schon in wenigen Dekaden ganz versiegen könnte, ist bekannt. Aber die Folgen sind noch nicht absehbar. Deswegen suchen Wissenschaftler bereits vor dem endgültigen Aus nach Möglichkeiten, wie sich Rohöl aus bereits verarbeiteten Kunststoffen zurückgewinnen lässt. Wolf Eberhard Nill ist einer von ihnen. Der Verfahrenstechniker hat sich ein Verfahren patentieren lassen, in dem die Kunststoffe gekocht und zersetzt werden, bis alle Moleküle verdampfen – und Öl zurückbleibt. Das sei vor allem als Benzin und Heizöl brauchbar. „Es ist sogar viel besser als das Öl aus der Erde, das eine wilde Mischung aus Schwefel und Schwermetallen enthält und erst in Raffinerien gereinigt werden muss“, sagt Nill, der seit zehn Jahren an diesem Verfahren arbeitet. In der Schweiz laufen bereits kleinere Anlagen. Das Ende allen Plastiks hat er aber nicht eingeleitet, weil nicht alle Kunststoffe weggekocht werden können: In PET zum Beispiel sei zu viel CO2 enthalten, was zu Bränden und Explosionen führen würde. Auch mit PVC, das viel Chlor enthält, funktioniert es nicht. Und trotzdem ist Nill überzeugt: „Kunststoffabfälle lassen sich nicht besser recyceln.“ Der Energieaufwand sei nicht allzu hoch, 15–20 Prozent Verlust räumt er ein. In Zeiten, in denen die Ölpreise auf dem Weltmarkt immer weiter steigen und die Menschen ein neues Umweltbewusstsein entwickeln, ist die Chance jedoch groß, dass sich Nills Idee durchsetzt. Das Genehmigungs­ver­fahren ist bereits abgeschlossen. „In Deutschland schlummern etwa 170 Millionen Tonnen Kunststoffe auf den Mülldeponien. Würde man das als Potenzial sehen und nutzen, könnte Deutschland ein Jahr lang darauf verzichten, Öl zu kaufen“, rechnet er vor.

Verfahrenstechniker Nill hat über die Jahre einen anderen Blick auf Müll bekommen. „All das, was die Leute loswerden wollen, sind doch Wertstoffe. Wir können aus allem wieder etwas Neues machen“, sagt er. Es ist der Traum von der unendlichen Kreislaufwirtschaft. Einer hat diesen noch ein Stück weitergetrieben.

Der Chemiker und Umweltschützer Michael Braungart glaubt an eine Welt der unendlichen Wiederverwendung. Wenn es nach ihm ginge, muss kein Produkt irgendwann zu Abfall und verbrannt werden, alles lässt sich immer wieder neu erfinden, glaubt er. Cradle-to-Cradle heißt das Prinzip, von der Wiege zur Wiege, das er sich gemeinsam mit dem US-Amerikaner William McDonough ausgedacht hat. Dabei geht es vor allem darum, besonders „ökoeffektiv“ zu sein. Das bedeutet, dass Produkte entweder als „Nährstoffe“ in biologische Kreisläufe (Biosphäre) zurückgeführt werden können oder als „technische Nährstoffe“ durch Upcycling in technischen Endloskreisläufen gehalten werden (Technosphäre). „Es geht nicht darum, Abfälle nur zu vermeiden“, sagt Braungart, „es geht darum, sie zu nutzen und gute Produkte herzustellen“. Beispiele dafür gibt es bereits genug: Stifte, die aus 98 Prozent wiederverwertbarem Material sind, Bürostühle, deren Bestandteile in der Technosphäre ewig weiterverwendet werden können, Teppichböden aus rein natürlichen Stoffen, die zusätzlich noch die Luft reinigen, oder recyceltes Papier, das völlig ohne Schadstoffe auskommt und trotzdem so weiß ist wie Frischfaserpapier, das unter anderem mit Chlor gebleicht wird. Die Idee verbreitet sich rasend schnell. Laut Braungart gibt es bereits 1.300 Cradle-to-Cradle-Produkte überall auf der Welt.

Eines davon hängt auf einem filigranen Kleiderbügel in einem kleinen Modeatelier mit Laden im hippen Berlin-Mitte.
„UMASAN“ steht am Fenster, drinnen dominieren natürliche Farben und Naturmaterialien die schlichte, saubere Atmosphäre. Die Zwillingsschwestern Anja und Sandra Umann, zierliche Frauen mit ernsten Gesichtern, sind häufiger unterwegs als in ihrem Atelier. Sie tragen hinaus, was sie tun – nicht nur ihre Mode, sondern auch den Gedanken dahinter.
Alle ihre Kleider sind ausschließlich aus veganen Materialien hergestellt. Protein­fasern, Sojaseide, Bambus oder gar Algen sind die Basis der Stoffe, aus denen sie jenseits von kurzlebigen Trends langlebige Mode schneidern. Weil alle Mate­rialien aus der Natur stammen, können sie auch genau dahin zurückgeführt werden. Theoretisch wäre es möglich, einzelne Kleidungsstücke von Umasan auf dem Komposthaufen zu entsorgen. Aber das ist nur ein Aspekt, der für die Schwestern wichtig war. „Wir verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz“, sagt Sandra Umann. „Nicht nur das Ende der Wertstoffkette soll nachhaltig sein, sondern das gesamte Produkt.“ Dass ihre Kleider aus biologischen Abfallprodukten oder aus der Natur entnommenen Algen produziert werden und sich auch als Dünger eignen könnten, ist aber nicht das einzige zentrale Verkaufsargument für die beiden Schwestern. „Wir möchten die Menschen über das Design erreichen“, sagt Sandra Umann. Die Nachhaltigkeit gibt es noch on top. „Eigentlich sollte das ja selbstverständlich sein“, sagt die 34-Jährige. „Wir merken bereits, dass sich im Konsumverhalten etwas ändert. Die Leute wollen nicht mehr nur billig. Sie fragen, was dahintersteckt.“
Michael Braungart, der geistige Vater des Cradle-to-Cradle-Ansatzes, sieht in Unternehmerinnen wie den Umann-Schwestern den Anbruch eines neuen Zeitalters, was den Umgang mit Ressourcen angeht. „Da wächst eine Generation heran, die sagt: ‚Ich mache nichts mehr, das später zu Abfall wird.‘“ Es wird in Innovation und Qualität investiert und ganz nebenbei Müll vermieden. Unter Soziologen hat sich der Begriff der „LOHAS“ ausgebreitet, der für „Lifestyle of Health and Sustainability“ steht. Damit werden jene Menschen beschrieben, für die es zum Lebensentwurf dazugehört, gesund und nachhaltig zu leben. Meist gehören sie gebildeten und besser verdienenden Schichten an, weswegen sich vor allem Markenartikelhersteller und gehobene Dienstleister um ihre Gunst bemühen und umdenken. Auch im Hotelwesen kann ein grünes Herz mittlerweile sogar die goldenen Sterne wettmachen.

Dem Hotel Scandic, einem funktionalen Bau am Potsdamer Platz, sieht man seine ökologische Gesinnung nicht auf den ersten Blick an. Außen spiegelt eine gläserne Fassade, am Empfang fügt sich die puristische, skandinavische Einrichtung in Weiß mit dezenten Akzenten in die großzügige Eingangshalle ein. Ein bisschen grün wird es erst im dritten Stock am vertikalen Garten, einer bepflanzten Wand am Eingang zur Bar. Was das Haus aber wirklich grün macht, ist nicht auf den ersten Blick sichtbar. Heiko Kain erklärt es: „Ich sitze zum Beispiel gerade auf einem Hocker aus recyceltem Schaumstoff“, sagt der Marketingchef des Hotels und klopft mit der Handfläche auf den mit Cord bezogenen Sitz unter sich. Und das ist erst der Anfang. Kain weiß kaum, wo er anfangen soll, zu jedem Stichwort fällt ihm etwas ein, wie man im Hotel versucht, den Gedanken der Nachhaltigkeit umzusetzen. „Es sind die vielen kleinen Dinge, die wir unternehmen, um Müll zu vermeiden“, sagt er.

Die Materialien, die im Hotel verwendet werden, sind zu 80 Prozent wiederverwertbar, es werden viel Holz und recycelbare Kunststoffe verwendet. In den kalten Monaten werden auf der Terrasse Decken verteilt, die aus PET-Flaschen hergestellt wurden. Im gesamten Gebäude gibt es keine Single- und Kleinstverpackungen. Dafür nimmt das Hotel sogar in Kauf, kein offizielles 4-Sterne-Hotel werden zu können, da beispielsweise kleine Shampoo- und Seifenfläschchen oder Duschhauben zum Pflichtrepertoire gehören, will man die goldenen Sterne bekommen. Im Scandic gibt es größere Spender, sowohl in den Badezimmern als auch beim Frühstück für Marmeladen, Butter und Honig. In den Zimmern sind die Hotelinformationen nicht in gedruckter Form zu finden, sondern nur über ein internes Programm auf dem Fernseher. Die bereitgelegten Stifte in den Konferenzräumen sind aus Holz und das Hotel verzichtet auch auf „Klapperdeckchen“, die Unterlagen für Gläser und Teller. „Bei 170.000 Gästen im Jahr sparen wir 170.000 Mal das Papier.“ Kain korrigiert sich: „Wir sagen eigentlich nicht sparen. Sinnvoller Umgang mit Ressourcen heißt das bei uns.“ Er lächelt.

Dem Hotelangestellten ist wichtig, dass seine Gäste sich mitgenommen fühlen auf dem Weg, den das Hotel vorgibt. An vielen Stellen stehen Schautafeln, auf denen beschrieben steht, welche Maßnahmen das Hotel ergreift, um die Umwelt zu schützen und Müll zu vermeiden. Damit die Gäste verstehen, warum auf ihrem Zimmer ein Mülleimer steht, wo Papierabfall von Bioabfall und Restmüll getrennt wird. In vielen Scandic-Hotels wird der Müll danach noch einmal in bis zu 16 verschiedene Sorten getrennt. Im Berliner Scandic ist das nicht nötig. Denn verborgen von den Blicken der Bewohner und Besucher übernimmt tief im Inneren des Potsdamer Platzes jemand anderes diese Arbeit. Im unterirdischen Ver- und Entsorgungszentrum (VEZ) von Alba schlängeln sich Containerfahrzeuge durch ein kilometerlanges Gängesystem und transportieren den Abfall von Restaurants, Hotels, Büros und Privatwohnungen heran. Im Herzstück, einer stadiongroßen Halle, wird er sortiert und anschließend von LKW und Müllfahrzeugen zu den Recyclinganlagen oder Heizkraftwerken gefahren.

Die Idee, Abfälle unterirdisch zu transportieren, findet viele Anhänger – nicht nur aus dem Entsorgungsbereich. Die Designstudentin Kristin Dolz hat die Idee, unseren Müll unter Tage zu sammeln, noch einen Schritt weitergetrieben. In einem gemeinsamen Projekt der Kunsthochschule Weißensee und der BSR zur Abfallentsorgung hatte sie den Einfall, den Müll aus den Berliner Wohnhäusern über die Abwasserkanäle abzutransportieren. „Die Idee kam mir in meinem eigenen Hinterhof. Da stehen mittlerweile so viele Tonnen, dass kaum ein Durchkommen ist“, sagt die 25-Jährige. Sie erfuhr, dass es auf den Hauptstraßen alle sechzig Meter einen Kontrollschacht gibt, der in die unterirdischen Kanäle führt, und entwarf das Modell eines Containers, der in den bestehenden Schacht eingelassen werden kann und den Müll so lange sammelt, bis ein bestimmtes Gewicht erreicht ist. Dann löst sich ein Behälter, der wasser- und äußerst rissfest sein müsste, plumpst in den Kanal und treibt auf dem Wasser bis zu einer Stelle möglichst nahe der nächsten Entsorgungsanlage. Die infrage kommenden Abwasserkanäle sind an vielen Stellen so groß, dass ein Zug hindurchpassen würde, die Verstopfungsgefahr ist somit gering. Das größte Problem sieht Dolz beim Material des Behälters. „Im Optimalfall müsste er komplett biologisch abbaubar sein, um nicht zusätzlichen Müll zu produzieren. Und er braucht Luftkammern, damit er schwimmt.“

Es ist eher unwahrscheinlich, dass dieses Transportsystem für alle Müllsorten gleichzeitig funktionieren würde. Aber die Idee, weniger Müll über die Straßen zu leiten, ist gut. Denn auch das verbraucht fossile Brennstoffe und belastet die Umwelt. Die BSR hat deswegen bereits ihr erstes Entsorgungsfahrzeug mit Hybrid-Motor auf die Straße geschickt und wurde dafür als Klimaschutzpartner in Berlin ausgezeichnet. Andere Entsorger versuchen, weniger Gewicht auf die Achsen zu packen – und dörren den Biomüll vorher aus.

Klaus-Dieter Krüger greift beherzt in einen Behälter und holt eine Hand voll Kleingehäckseltes, das Endprodukt der Dehydrieranlage, heraus. Es ist trocken und riecht beinahe frisch. Herr Krüger ist der Leiter des VEZ, das unter dem Potsdamer Platz unter anderem auch die Speisereste aus den dort ansässigen Hotels durch die Dehydrieranlage schickt. „Das Prinzip ist das gleiche wie bei getrockneten Tomaten“, erklärt Krüger, „wir entziehen den Speiseresten einfach das Wasser. Dadurch wird die Masse viel leichter.“ Und nach dem Wasserentzug können die Speisereste ohne Fäulnis- und Schimmelbefall viel länger gelagert werden. Die Transportlast wird auf ein Drittel verringert – und das wiederum spart Kraftstoff und schließlich auch CO2.
Insgesamt ist es aber natürlich viel wünschenswerter, wenn gar nicht erst so viel Essensreste in der Mülltonne landen. Denn die Lebensmittelverschwendung ist ein ungeheures Problem – für die Umwelt, die Wirtschaft und die Moral. Fast die Hälfte aller Lebensmittel, die produziert werden, landen in der Tonne.

Das kann man ändern, dachte sich der Statistiker Björn Christensen. Man müsste nur genauer voraussagen können, wann was und wie viel gegessen wird. Gemeinsam mit dem Meteorologen Meeno Schrader hat er eine Art computergesteuertes Orakel erfunden, mit dem sich aus Wetterdaten und anderen Kalendereinflüssen auf den Tag genau bestimmen lässt, wie viele Kunden in einen Laden kommen und was sie kaufen. „Meteolytix forecast“ heißt das Computerprogramm. Die Hauptkunden sind momentan Bäcker, weil sie auch abends noch frische Brötchen anbieten wollen, diese aber am nächsten Tag nicht mehr verkaufen können. Je genauer sich vorhersagen lässt, wann Brötchen- und wann Kuchensaison ist, umso weniger muss am Ende des Tages weggeschmissen werden. „Ab Frühling, wenn das Wetter besser wird, verkaufen die Bäckereien deutlich mehr helles Brot“, gibt Christensen ein Beispiel, „wahrscheinlich zum Grillen.“ Bei Wintereinbruch gehe dagegen die Kundenzahl zurück, weil sie sich erst an das Wetter gewöhnen müssen.

Natürlich kann Meteolytix nicht bis auf das letzte Brot vorhersagen, wie viel verkauft wird. Es geht um Richtwerte und Tendenzen. „Aber mit unserer Hilfe können Kunden im Optimalfall ihre Müllmenge bei gleich bleibendem Umsatz um ein Viertel bis ein Drittel reduzieren. Denkbar ist der Einsatz des Programms auch für Einzelhändler oder Supermärkte. „Unser Tool lernt aus den eingespeisten Daten und kann mit der Zeit immer genauere Prognosen abgeben“, sagt Christensen.

Einer der ersten Kunden war der Bäckermeister Moritz Günther. Seit drei Jahren lässt er sich seinen Backwarenumsatz vorhersagen. „Für uns wurde es extrem schwierig, genaue Prognosen für die Frischware zu erstellen, sagt Günther. „Durch Meteolytix haben wir diesen Prozess deutlich optimieren können“.
Bei Keksen und Plätzchen sei das kein Problem, die könne man auch zwei oder drei Tage später verkaufen. Mit Sahnestücken, die nicht schnell genug verkauft werden, ist jedoch nicht mehr viel anzufangen. Sie wandern in den Müll – oder enden als Munition für eine Tortenschlacht nach Feierabend.

TEXT Felix Schnegg | FOTOS Kathrin Harms

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