Die Milch macht’s

Anke Domaske hat eine Textilfaser entwickelt, die aus überschüssiger Milch gewonnen wird. Ist das wirklich eine gute Idee?

Frau Domaske, ein Kleid aus Milch klingt nach einer ziemlich verrückten Idee.
Ist es aber gar nicht. Das gibt es schon seit 1930. Damals hat man die Fasern aber nicht wasserfest bekommen und musste deswegen sehr viele erdölbasierte Chemikalien zuführen. Am Ende hatte man mehr Chemie als Milch. Und das wollte ich nicht.

Was wollten Sie denn?
Ich habe nach einer Faser gesucht, die nur aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt wird und die Milch gefunden. Wir können die Faser mit nur zwei Litern Wasser innerhalb von einer Stunde komplett herstellen.
Es bleiben keine Abfälle übrig und selbst die Faser könnte man irgendwann einfach auf den Kompost werfen.

Aber sollten wir die gute Milch nicht lieber trinken als tragen?
Es ist ja Milch, die man gar nicht in der Lebensmittelindustrie einsetzen darf. In Deutschland
haben wir so strenge Gesetze, dass 20 Prozent weggekippt oder in Biogasanlagen verwertet werden. Das ist doch der absolute Wahnsinn!
Das muss man sich mal überlegen! 20 Prozent! Eine reine Verschwendung!

Was ist mit der Milch?
Da gibt es unterschiedliche Gründe. Es reicht, dass der Molkereiwagen im Winter zehn Minuten zu spät zur Molkerei kommt. Dann wird die Milch nicht mehr angenommen und der Bauer muss 10.000 Liter Milch wegkippen. Und da ist nichts Schlechtes dran.

Aber Sie können sich ja nun nicht auf verspätete Milchwagen verlassen. 
Woher bekommen Sie die Milch?
Wir bekommen das Eiweißpulver. Wenn die Milch sauer wird, dann schwimmen unten weiße Flocken und oben die Molke. Und wenn man die Molke von den weißen Flocken trennt und trocknet, bekommt man Eiweißpulver. Das wird normalerweise auch von Bodybuildern verwendet. Das Kasein, wie es richtig heißt, bekommen wir von Herstellern. Es muss aber aus artgerechter Tierhaltung stammen und darf nicht für Lebensmittel bestimmt sein. Das ist uns wichtig.

Und wenn Sie jetzt die Bodybuilder-Flocken haben, was passiert dann damit?
Dann packen wir einfach die zwei Liter Wasser dazu. Dadurch wird der Feststoff wieder flüssig. Das wird dann in einer Maschine gut durchgeknetet, die aussieht wie ein Fleischwolf. Am Ende wird die Masse durch eine Lochplatte gedrückt und schon hat man eine Textilfaser. Also vom Prinzip her ist es simpel.

Aber es kommen doch noch ein paar andere Zutaten mit rein?
Es ist nicht nur Kasein und Wasser. Aber alles nachwachsend und natürlich.

Geheim?
Ja, wir können nicht alles verraten. Ich verrate ja schon sehr viel.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie das Rezept für die Milchfaser hatten?
Das ging sehr schnell. Vor zwei Jahren haben wir mit dem Bremer Faserinstitut angefangen, im Labor zu experimentieren. Das kann man sich so vorstellen, als würde man nach dem richtigen Rezept für Eierkuchen suchen. Dass wir jetzt schon im Industriemarkt sind, ist ein großes Glück.

Warum?
Ich glaube nicht, dass wir die einzigen auf dem Markt mit Milchfasern bleiben werden. Es gibt einen enormen Bedarf nach neuen Fasern. Momentan fehlen eine Million Tonnen Baumwollfasern. Als das die Textilbranche gemerkt hat, sind alle auf Viskose umgestiegen. Davon fehlen jetzt schon fünf Millionen und das wird in den nächsten Jahren irgendwann elf Millionen betragen. Die Bevölkerung wächst, die Erdölquellen versiegen – ich will nichts beschwören, aber wir werden in den nächsten Jahren ein Problem bekommen, was wir anziehen sollen.

Wer interessiert sich für Ihre Milchfaser?
Das darf ich leider noch nicht verraten. Aber wir bekommen sehr viel positives Feedback von Großunternehmen aus der Bekleidungsbranche, Bettwaren- und Automobilindustrie.

Sie haben in einem Interview gesagt, Sie sehen für die Faser auch Potenzial in der Medizin. 
Wo könnte man die Faser denn einsetzen?
Das größte Potenzial für Milchfasern sehe ich da bei Wundverbänden.

So ähnlich wie Quarkwickel?
Ja, genau. Naturheilmittel sind in unserer Generation oft ver­gessen und das ist ein bisschen schade. In der Medizin sind Bio­materialien ein ganz großes Thema. Da gibt es Wundauflagen oder Verbände, in die Medikamente eingebracht werden können.

So was geht?
Man kann Fasern als Trägermaterial für Medikamente nehmen. Das geht jetzt schon und wird in Zukunft noch mehr werden, vor allem in der Krebstherapie. Ich bin da ja auch selbst ein bisschen vorbelastet. Mein Stiefvater ist an Krebs erkrankt und hat in der Folge auf alles Synthetische allergisch reagiert. Und da dachte ich: Es muss doch möglich sein, eine Faser herzustellen, die nur aus Naturprodukten besteht!

Nur Laktose-Allergiker werden Sie nicht für sich begeistern.
Nein, das stimmt nicht. Wir haben ja gar keine Laktose drin. Wir verwenden nur das Kasein. Außerdem ist es eine Lebensmittel­allergie. Sie könnten die Faser zwar theoretisch essen, aber sie schmeckt nicht gerade wie ein Schokoladen-Soufflee.

Haben Sie denn schon mal reingebissen?
Ich habe andauernd Leute, die sie essen. Es leben alle noch. Aber sie schmeckt nach nichts.

Forschen Sie jetzt auch noch weiter?
Ja klar, wir forschen immer weiter. Die ersten haben wir gerade abgeschlossen.

Was haben Sie herausgefunden?
Dass unsere Fasern dermatologisch verträglich sind. Ich würde nicht behaupten, dass unsere Fasern Allergien heilen können, aber sie sind antibakteriell, ohne dass wir Silberionen oder Zinkoxyd hinzufügen müssen. Je weniger Mittel man verwendet, umso weniger kann man darauf allergisch reagieren. Deswegen ist die Faser auch so vielseitig einsetzbar.

Sie hatten ja auch ein eigenes Modelabel – Mademoiselle Chi Chi – was wird jetzt damit passieren, wenn Sie in die Faserproduktion groß einsteigen?
Das gibt es noch! Und wird auch noch weiter bestehen bleiben. Da werden wir jetzt komplett auf Milchfaser umsteigen. Wir hatten nicht damit gerechnet, dass es so einschlagen würde und hatten zuerst auch noch andere Materialien. Es fing ja nicht alles mit der Milch an.

Wie fing es denn mit der Mode an?
Meine Urgroßmutter war Modedesignerin und Hutmacherin und deswegen habe ich Mode von der Pike auf mitbekommen. Trotzdem fand ich als Kind Bakterien und Jugend-forscht-Wettbewerbe toll. Mit zehn Jahren war Robert Koch mein großes Vorbild. Nach meinem Abitur bin ich nach Japan gegangen und als ich wiederkam, waren diese ganzen Manga-T-Shirts so in. Da hatte ich die Idee, Künstler aus den 50er-Jahren darauf zu drucken, und dann ist da eine ganze Kollektion für Tokio draus geworden. Da war ich 19 und dachte: „Lieber mal noch was Handfestes studieren.“ Trotzdem hab ich das Modemachen aber auch während des Biologiestudiums in Göttingen nie ganz aufgegeben und das Label MCC gegründet und beides durchgezogen.

Sie waren mit Ihrem Nebenher-Projekt so erfolgreich, dass sogar die Hollywood-Schauspielerin Mischa Barton und die deutsche Talkshow-Moderatorin Barbara Schöneberger Ihre Sachen trugen.
Ja, deswegen dachte ich, dass ich mich nach dem Studium vielleicht doch für die Mode entscheide. Aber das hat ja nicht lang gehalten. Ein paar Wochen nach meinem Abschluss hatte ich was von Milchfasern gehört und dann fing es an zu rattern. Ich habe aber auch nicht vor, mich irgendwann mal für etwas zu entscheiden. Mir macht beides Spaß.

Sie sind jetzt 28 Jahre alt, wo soll das mit Ihnen noch hinführen?
Also dieses Jahr muss ich erst mal die Produktion aufbauen. Und das reicht auch schon. Mehr muss ich mir dieses Jahr auch nicht vornehmen. Weil: Die ganze Infrastruktur muss ja von null aufgebaut werden.

Und ab wann werden wir die Milchfasern vom Handel präsentiert bekommen?
Die Kleider kann man jetzt schon bei uns, bei Mademoiselle Chi Chi, bekommen. Die Produkte, die von unseren Partnern aus Milchfasern produziert werden, kommen wahrscheinlich nächstes Jahr auf den Markt. Dann schlafen wir hoffentlich in Milch und tragen sie und fahren mit ihr.

Können Sie heute eigentlich noch ganz unbeschwert ein Glas Milch trinken?
Auf jeden Fall! Ich liebe Milch. Sie begleitet mich zwar den ganzen Tag, aber ich mache das einfach richtig gerne. Mir hat mal jemand gesagt: Wenn man mich aufschneiden würde, würden Milchfasern aus mir herauskommen.

INTERVIEW Clara Bergmann | FOTO Ines Klinger

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