KunstMüll

Tom Deiningers Abfall-Art oder: 
Warum Künstler das Material Müll lieben.

Angefangen hat es 1919. Da machte Kurt Schwitters seine ersten Collagen aus Abfall. „Ich sah nämlich den Grund nicht ein, weshalb man die alten Fahrscheine, angespülte Hölzer, Garderobennummern, Drähte und Radteile, Knöpfe und altes Gerümpel der Bodenkammern und Müllhaufen nicht ebenso gut als Material für Gemälde verwenden sollte wie die von Fab­riken hergestellte Farbe.“ Triviales wurde Ästhetik, Entwertetes zum Wertvollsten.

Die künstlerische Faszination für Müll ist aber älter. Van Gogh 1883: „Heute bin ich auf dem Fleck gewesen, wo die Aschenmänner Müll hinbringen. Donnerwetter, war das schön…“ Das Nicht-mehr-Nützliche, Kaputte war für den Künstler auch ein Spiegel. Auch er funktionierte ja nach gängigen Normen nicht.

„Ich nehme den Müll der Reichen und verkaufe ihn ihnen als Kunst zurück.“ Tom Deininger

Ab den 60er-Jahren begann eine neue Müllkunst. Nicht mehr individuelle Stücke Abfall wurden aufgelesen wie bei Schwitters. Sondern man versuchte, einer Flut an Abfällen künstlerisch ordnend Herr zu werden. So schichtete etwa Arman Straßenkehricht in Glaszylinder – Ausstellungsstücke einer imaginären naturkundlichen Sammlung. Ilja Kabakov sortierte und beschriftete jahrelang jedes Stück Papier in seinem Leben für die Installation „Mann, der niemals etwas wegwarf“. Und Song Dong stellte im MoMA den kompletten, 50 Jahre gesammelten Hausrat seiner Mutter aus, eine Installation aus hunderten leerer Plastikflaschen, -becher und Dosen.

Das neueste Kapitel der Kunstmüllgeschichte heißt Recycling-Art. Abfälle erzählen nun nicht mehr ihre eigene Geschichte, sondern sind Material für figurative Arbeiten. Kunstvoll drapierte Müllhaufen, die als Schattenriss Figuren ergeben (Tim Noble und Sue Webster). Porträts aus Plastikmüll (Zac Freeman). Oder Landschaftsbilder und Stillleben aus allen Arten Abfall (Tom Deininger). Gemeinsam haben sie die konsum- und sozial­kritische Haltung. Tom Deiningers Motto: „Ich nehme den Müll der Reichen und verkaufe ihn ihnen als Kunst zurück.“

Manchen Müll können sich dann wirklich nur Reiche leisten. Der Abfall in einem Schwitters kostet heute circa 100.000 Euro.

TEXT Peter Quester | KUNST Tom Deininger

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