Revolution in Dosen

Die Konservendose hat ein Problem: ihren Inhalt. In Zeiten von Biosupermärkten und Regionalläden wollen alle nur noch Frisches futtern. Warum sie trotzdem noch in den Läden steht? Sie ist einfach ein Klassiker. Eine Ehrenrettung.

Zugegeben, es gibt Appetitlicheres als eine Erbsensuppe aus der Dose. Wenn der Dosenöffner einmal rings um den Metalldeckel gewandert ist, sollte man lieber mal kurz die Luft anhalten, um vom typischen Dosensuppengeruch nicht übermannt zu werden. Und der Gedanke, dass die Pfirsiche zum Nachtisch schon seit Monaten, vielleicht sogar Jahren, in der Zuckersoße schwimmen, macht die Kost auch nicht schmackhafter. Gerade in Zeiten, in denen frisches und ökologisch angebautes Obst und Gemüse als die einzig richtige Nahrung gelten, haben Konservendosen ein Imageproblem. Sie scheinen zu billig, um gut zu sein, und nur für diejenigen interessant, die nicht kochen können oder Vorräte anlegen wollen, wenn schwere Zeiten bevorstehen. Doch mit diesem Image kommt die Konservendose offensichtlich gut zurecht.

Jedes Jahr werden 300 Milliarden Dosen produziert. Darin befindet sich Fleisch, Fisch, Gemüse, Cola oder Bier – fast alles Essbare wird in Dosen konserviert. Dazu gehören nicht nur einfache Gerichte wie Hot Dogs, Eier-Ravioli – das beliebteste Gericht der Deutschen wird pro Jahr rund 50 Millionen Mal in Dosen verkauft – oder Erbsensuppe. Auch Gourmethappen wie Krokodilsfleisch, Froschschenkel und geröstete Skorpione landen in der Dose und werden weltweit verschifft und verspeist. Denn so unsexy die Blechdose auch sein mag, sie hat unsere Esskultur revolutioniert.

Schon immer suchten Menschen nach Möglichkeiten, ihr Essen vor dem Verderben zu retten. Nordamerikanische Indianer schnitten Fleisch in dünne Scheiben, trockneten es in der Sonne oder über dem Feuer, zerstampften es, vermengten es mit Fett und würzten es mit Beeren. Es diente lange Zeit als nahrhaftes Dauergericht. Die Griechen und Römer aßen getrocknetes Obst, Afrikaner kochten eine Art Spinat, formten ihn zu Bällchen, pressten ihn aus oder trockneten ihn. Die Japaner legten Fisch in Salzlake ein. Diese Methoden wurden über Jahrtausende angewendet. Erst in der Neuzeit wurde das Haltbarmachen durch zwei Verfahren vereinfacht: das Einfrieren und das Einmachen in Dosen.

Im Jahr 1804 entdeckte der Franzose Nicolas Appert, dass Lebensmittel durch Erhitzen sterilisiert und anschließend unter Luftabschluss konserviert werden. Als Gefäße nutzte er Glasflaschen, die er verkorkte. Es war die Zeit der napoleonischen Kriege, die französische Regierung wollte den klugen Kopf mit 12.000 Francs belohnen, der das Heer mit haltbarer Nahrung versorgen konnte. Denn die Soldaten starben seltener durch Gewalt als durch Hunger und verdorbene Lebensmittel. Appert erhielt das Geld, seine Glasflaschen hingegen zerbrachen beim Transport per Fuhrwerk oder Schiff.

Engländer und Amerikaner übernahmen Apperts Idee und ersetzten die schweren Glasgefäße durch leichte Metalldosen. Der britische Geschäftsmann Peter Durand ließ sich 1810 die Konservendose aus Metall patentieren. Bald schon brachen Forscher mit Konservendosen im Gepäck auf, ganze Armeen lebten aus der Dose. Wenn auch nicht immer ganz gesund. Neben den Verletzungen, die man sich beim Öffnen einer Dose zuziehen konnte – man hantierte mit Schneide- und Schlagwerkzeugen wie dem Bajonett – starben etliche an Bleivergiftungen, denn die Deckel waren mit Blei verlötet. Der Brite John Franklin zum Beispiel ließ 8.000 Dosen verladen, um mit seinen Männern die Arktis zu erkunden. Keiner von ihnen überlebte die schleichende Bleivergiftung.

Für den Normalbürger aber blieben Dosenobst und -gemüse vorerst teurer Luxus. Dosenfleisch wurde erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts billiger als frisches. Die Erfindung des Dosenöffners 1858 machte die Dose weiter gesellschaftsfähig. Bereits 1900 wurden in den USA 700 Millionen Dosen produziert. Anfang der 1930er-Jahre begann man, auch Getränke in Dosen zu füllen, in Deutschlands Verkaufsregalen stand 1951 das erste Büchsenbier. Die Dose wurde zum Symbol einer neuen Zeit. Sie vereinfachte nicht nur den Transport von Lebensmitteln, sondern auch die Befriedigung von Hunger und Durst. Langwieriges Kochen oder Gemüseschnippeln wurde überflüssig. Die Dose wurde zur Pionierin der Fast-Food-Kultur, zur Königin des schnellen Imbisses. Der Popart-Künstler Andy Warhol setzte ihr ein Denkmal und malte und druckte alle 32 Sorten von Campbell’s Dosensuppen.

Technische Mängel haben moderne Dosen längst überwunden. Hergestellt aus Aluminium und Weißblech, sind sie innen mit Kunststoff beschichtet, sodass Giftstoffe aus dem Metall nicht mehr ins Essen gelangen können. In England hat die Dose Kultstatus, dort wird extra auf die Kunststoffbeschichtung verzichtet, um den typisch metallischen Dosengeschmack zu bewahren. Es hat auch nie einer behauptet, dass Essen aus der Dose Feinschmecker beflügeln würde. Die Konservierung in Dosen ist wohl die praktischste und einfachste Methode, Essen haltbar zu machen. Erst kürzlich fand ein Mann in seinem Garten bei Bremen eine Büchse mit Brot, die noch aus dem Zweiten Weltkrieg stammte. Gut schmeckte das Brot nicht mehr – es hatte einen leicht metallischen Geschmack –, aber es war immerhin noch essbar.

TEXT Claudia Euen | Illustration Julia Fernández

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