In Indien geht der Abfall online

In der IT-Stadt Bangalore hilft eine App Müllsammlern.
Dank „I got Garbage“ können sie Abfälle finden, sortieren, verkaufen.

In einer Lagerhalle in Indiens IT-Stadt Bangalore sitzen acht Frauen und Männer auf Bastmatten. Ihre Hände fliegen durch den Müll, der vor ihnen liegt. Tetrapaks landen links, Plastik-Wasserflaschen rechts, Papier und Pappe hinter ihnen, alte Schuhe in einer großen Tüte in der Ecke, Kokosnüsse in einem Eimer.
„Meine Mitarbeiter kennen 72 Müllsorten“, sagt Mansoor stolz.

Die Müllabfuhr kommt mit dem Rad

Der 33-Jährige, der wie viele ärmere Inder nur einen Namen trägt, war bis vor kurzem selbst Müllsortierer. Heute beschäftigt er zehn Familien – und versteht sich als einer der zahlreichen Unter­nehmer in der 8,5-Millionen-Metropole. „Wenn die Säcke früh am Morgen reinkommen, werden sie gewogen, das Ergebnis in einem Tablet notiert und die Müllsammler ausgezahlt. Dann sortieren wir und verkaufen die Produkte an Recycler“, erklärt Mansoor. 15 Tonnen schlage er pro Monat um, erklärt der auf­ge­weckte, drahtige Mann. Mansoor platzt fast vor Stolz, wenn er von seinen Erfolgen spricht: Er gebe seinen Mitarbei­­tern Uniformen, schicke sie zu den Abfallverur­sachern, setze Fahrräder zum Sammeln ein, wisse die Markt­preise und kenne die besten Recycling-Kunden. „Ein gutes Geschäft“, sagt er. Möglich wurde die Professionalisierung von Mansoor
und etwa 600 anderen Müllsammlern dank eines IT-Unternehmens. Mindtree hat seinen Sitz ebenfalls in Bangalore, an dessen Hauptsitz im „Global Village“ sieht es ganz anders aus als in Mansoors Halle: Künstliche Wasserfälle begrüßen die Besucher, dahinter erstrecken sich frisch geteerte, schlaglochfreie Straßen, die von Palmen und Golfplatz-Rasen gesäumt werden.

Für Müll gilt keine offizielle Lieferkette

Mehr als 10.000 Menschen arbeiten in Bangalore für Mindtree.
45 davon versuchen seit anderthalb Jahren, das Müllproblem der Stadt zu lösen und gleichzeitig das Leben der Müllsammler der Metropole zu verbessern. „Technologie soll doch allen Menschen helfen, egal welche Art von Arbeit sie verrichten“, sagt Satyam Gambir von Mindtree.

Bislang landen fast 4.000 Tonnen Müll pro Tag unsortiert auf Deponien am Rande der Metropole. Das sei teuer, verpeste die Luft sowie die Erde rund um die Halden, sagt Gambir. „800 bis 1.000 Tonnen sortieren die Müllsammler schon vorher raus, vor allem Plastik und Pappe“, sagt er. Da sei noch mehr möglich.
„Bislang gab es für Abfall keine offizielle Lieferkette“, erklärt er.

Das ändere sein Unternehmen nun, in Zusammenarbeit mit vielen Nichtregierungsorganisationen (NGO), die sich direkt um die Armen kümmern. 190 Abfallsammelstellen wie die von Mansoor werden gerade eingerichtet, weitere sollen folgen. „Die funktionieren wie Warenhäuser: Eingang, Lagerbestand, Ausgang“, sagt Gambir. Alle Waren würden mit Hilfe einer App auf Tablets erfasst. Auch Betriebe, Läden und Hausgemeinschaften, die den Müll verursachen, nutzen die App „ I got Garbage“ (Ich habe Müll): Sie melden, wenn Abfall abgeholt werden soll.

„Bislang haben einzelne Abfallunternehmen oder Müllsammler nur eine bestimmte Sorte Abfall geholt, etwa Papier. Wir aber nehmen alles“, beschreibt Gambir den Vorteil für die Müllver­ursacher. Außerdem spiele es ihm in die Hände, dass es unter Indern langsam eine größere Bereitschaft gebe, sich des Müllproblems im Land anzunehmen. „,Swachh Bharat‘(die neue Kampagne des Premierministers für ein sauberes Indien) verändert das Bewusstsein. Die Menschen hören uns jetzt zu“, sagt Gambir.

Inder befassen sich zunehmend mit dem Müllproblem

Nalini Shekar, Mitgründerin der NGO Hasiru Dala (Grüne Kraft), sieht in „I Got Garbage“ die Zukunft. „Die App optimiert den ganzen Prozess und erlaubt es den Müllsammlern, sich zu professionalisieren“, sagt sie. Ihre NGO hilft bei der Schulung der Benutzer. „Wichtig war es, dass die App immer einfacher wurde, mit vielen Symbolen, denn viele Müllsammler sind fast Analphabeten“, sagt sie. Derzeit gingen mehr und mehr Tablets an die Abfall-Mitarbeiter raus. „Ich träume von Großem“, sagt sie.

TEXT Doreen Fiedler | ILLUSTRATION Paula Camara