Im Magen der Kuh

Wilhelm Winkelmann weiß, welcher Schatz in der Biotonne schlummert. Und wie man ihn hebt.

Wilhelm Winkelmann muss seine weißen Hemden nicht mehr bügeln. Er braucht sie nicht mehr, er hat sie eingetauscht: gegen Polo-Shirt, Cargohose, Sicherheitsschuhe – Shirt und Hose bei 60 Grad waschbar, die Schuhe abwaschbar. Das ist es, was er jetzt braucht,  wenn er durch die Aufbereitungshalle der Biogasanlage geht. 67.000 Tonnen Biomüll kommen hier im Jahr aus Berlin an und werden die Förderbänder entlanggeführt. Kein Ort für weiße Kragen. Wie lebt und wie arbeitet einer, der aus vergehender Materie neue Energien hebt?

Wilhelm Winkelmann: Jahrgang 1965. Verheiratet. Drei Kinder. Erst Kraftfahrzeugmechaniker gelernt, dann ein Diplom in
Maschinenbau gemacht. Als Projektingenieur gearbeitet, der Geschäftsführung assistiert, sich Managementwissen bei einem MBA-Studium geholt, Abteilungsleiter geworden. Ein Mann mit einer Vita, wie sie die „Generation Bachelor“ mit ihren 22-jährigen Alles-richtig-Machern ohne Lebenserfahrung heute kaum noch hervorbringt, weil alle mit ihren tollen Noten aus der Schule an die Uni, aus dem Hörsaal ins Praktikum bei einem Top-Konzern und mit dem akademischen Abschluss in den Job hasten.

2010 hängte Winkelmann seinen Job als Abteilungsleiter an den Nagel und die weißen Hemden in den Schrank. Erst trieb er den Plan der Berliner Stadtreinigung für eine Biogasanlage mit voran und übernahm dann die Leitung des Betriebs in Spandau.

„Im Müll steckt nicht nur Material,  sondern auch Energie.“

Mit gut einem Dutzend Mitarbeitern und Billiarden an Bakterien kümmert sich der 51-Jährige seitdem darum, dass aus Biomüll wieder etwas Sinnvolles wird: Biogas.

Wer unter seiner Spüle mehrere Tonnen stehen hat, weiß, dass aus alten Gurkengläsern neue werden, dass aus Zeitungspapier wieder Zeitungen werden. „Aber Abfall“, sagt Winkelmann, „kann in Wirklichkeit noch mehr. Im Müll steckt nicht nur Material, sondern auch Energie.“

Bis Apfelgriebsche, Eierschalen und die Ergebnisse sonntäglichen Rasenmähens zu Energie werden, legen sie in Spandau einen langen Weg zurück. Wenn die BSR-Laster ihre Fuhren in den Müllbunker der Biogasanlage auskippen und der Fahrer eines Radladers den Biomüll dann in den großen Aufgabebunker schaufelt, beginnt die Verwandlung. Dort  fällt der Abfall zunächst gleichmäßig auf ein Förderband und wird in eine sehr große Trommel bugsiert. „Hier wird der Inhalt der Biotonnen durch ein Sieb gerüttelt“, sagt Winkelmann. Was darin hängen bleibt, wird über ein weiteres Förderband in einen Zerkleinerer geschickt, vorher aber Metall entfernt. „Nur was durch die Sieböffnungen der Trommel fällt, kommt in die Fermenter.“ Dort, in massiven Gebäuden aus Beton, sieben Meter hoch, sieben Meter breit, 42 Meter lang, wird der Mix unter Luftabschluss bei Tem­pe­raturen über 50 Grad Celsius vermischt und über drei Wochen vergoren. Bakterien, die sich in der Biomasse wohlfühlen, produzieren das gewünschte Biogas. Die vergorenen  Reste werden abgesaugt und später als Kompost und Dünger in der Landwirtschaft eingesetzt. Das Gas wiederum steigt auf, wird gereinigt und verdichtet. Es hat dann dieselben Eigenschaften wie Erdgas und wird ins Stadtgasnetz eingespeist. Aus diesem befüllt die BSR an eigenen Tankstellen 150 gasbetriebene Müllautos – mehr als die Hälfte der kompletten Flotte. Und weil Winkelmanns Anlage übers Jahr hinweg rund drei Millionen Kubikmeter Biogas produziert, werden so mehr als zweieinhalb Millionen Liter Diesel eingespart.

Wenn Winkelmann einem das erklärt, redet er so, dass auch Laien kapieren, worum es geht. Er ist stolz darauf, die Anlage mit den höchsten CO₂-Einsparungen Deutschlands zu betreiben. Unzählige Male hat er Besuchergruppen aus aller Welt über das drei Hektar große Gelände geführt und in einfachen Worten beschrieben, was hier passiert: „An sich funktioniert das genauso wie bei einer Kuh. Vorn kommt Grünzeug rein, hinten viel Methan und Fladen wieder raus. Leider fehlt die Milch.“

TEXT Max Gehry | FOTOS Stephan Pramme