Ich war einmal … eine Weinflasche

…eine Weinflasche. Ich erinnere mich, wie ich in einer Winternacht durch die Straßen vom Wedding getragen wurde. Eine Hand umfasste fest meinen Hals, setzte ihn an die Lippen, schluckte den Riesling aus meinem Inneren bis auf den letzten Tropfen. Dann landete ich auf dem Asphalt vor einem Mülleimer. Es war kalt und ich ärgerte mich, dass mich der Schluckspecht nicht einfach in einem Glascontainer zu tausend Scherben zersplittert hatte.

Aber dann kam er: Jesper Jensen. Der junge Däne guckte mich durch seine goldumrandete Brille prüfend an, lud mich auf sein Lastenfahrrad und nahm mich mit in sein helles Atelier in der Gerichtstraße. Dort stand eine Zimmerpflanzen­skulptur mit Glasschälchen als Blättern, ein großer Tisch mit Kinositzbänken ringsrum und ein Brennofen in der Mitte. Ich war an einen ausgebildeten Glasbläser und studierten Designer geraten, der altes Glas neu belebt. Jesper wusch mich ordentlich aus, zerteilte mich mithilfe eines Plattenspielers und eines kleinen Brenners in der Mitte, stellte mich zwischen die Steine des Brennofens und gab mir eine neue Form. Damit ich nicht so schnell zerbreche, erhitzte und kühlte er mich mehrmals. Einen ganzen Tag ging das so. Jetzt warte ich in einer Holzverpackung aus alten Obstkisten darauf, dass mich jemand kauft – und vielleicht sogar einen Riesling mit mir trinkt.

www.jesper-jensen.com