Ich war einmal…

… ein blasser Apfel an einem Baum auf einer idyllischen grünen Wiese in Südtirol. Mit meiner Familie wartete ich ängstlich auf den Moment, an dem uns der Bauer pflückte und begutachtete. Einzeln lagen wir auf seiner Hand. Neben ihm standen zwei Boxen. Rechte Box hieß: Du kommst in die Supermarkt-Auslage. Linke Box hieß: Du bist leider nicht so schön und nur als Saft gut. Nun, mich fand er wohl zu unscheinbar für eine Supermarkt-Karriere. Jedenfalls landete ich in der linken Box, wurde zu einem lokalen Saftproduzenten geliefert und dort mit vielen anderen Äpfeln in die Pressanlage geschoben. Aus mir heraus kam feinster süßer Saft. Von mir selbst aber war nur noch ein Haufen Schale übrig. So will mich ja niemand in seinem Saft haben. Also kam ich gleich in die Trocknungsanlage. Nach dieser Prozedur sah ich aus wie Sägespäne und fühlte mich in etwa so an wie Chipskrümel.

Viele Jahre über waren solche Apfelkrümel nur für den Heizofen gut. Doch ein findiger Unternehmer aus Bozen war überzeugt, dass ich noch zu etwas anderem zu gebrauchen sei. In seiner Firma „Frumat“ kippte er mich in eine Wanne und mischte mich mit anderen Stoffen richtig durch, unter anderem mit chlorfrei gebleichter, FSC-zertifizierter Zellulose und Wasser. Wir waren dann eine richtig schöne glatte Masse und wurden als nasser Bogen auf die Rollen einer Papiermaschine geschickt. Mehrere Minuten wurde ich gesiebt, gepresst und getrocknet – dann war ich echtes Papier. In der Dicke ähnele ich jetzt einem Kopierpapier, aber andere Apfelreste können auch dicker oder dünner verarbeitet werden. Mich braucht man nun für umweltfreundliche Notizbücher oder Kuverts. Ein Verlagshaus hatte vor einiger Zeit sogar die Idee, mich als Grundlage für ein Kochbuch zu nutzen. Dass jede Menge Buchstaben auf mir gedruckt wurden, hat mir gar nichts ausgemacht.