Hochstapler

Die chinesische Wirtschaft wächst und wächst. Und mit ihr auch die Berge von Schrott, Reifen, Pappe, die von Lastenfahrrädern durch die Straßen gekarrt werden. Der Fotograf Alain Delorme hat der Gigantomanie ein fotografisches Denkmal gesetzt.

In Shanghai geht es zu wie in einem Ameisen­staat. Ständig türmt sich die Architektur der Stadt weiter dem Himmel entgegen. Es wimmelt unaufhörlich. Zwischendrin transportieren Lasten­fahrräder das Vielfache ihres eigenen Gewichts in manchmal abenteuerlicher Höhe und Konstruktion. Als der französische Fotograf Alain Delorme im Jahr 2009 das erste Mal in der chinesischen Groß­stadt war, faszinierte ihn dieser allgegenwärtige Drang des Hochstapelns. „Keiner der Arbeiter hat für mich posiert“, sagte Delorme in einem Interview. „Ich habe tau­sende Bilder gemacht und nach immer dem gleichen Verfahren neu zusammen­gesetzt: der Lastenträger und seine schwindel­erregend hoch gestapelte Ladung im Vordergrund, die mit den modernen Gebäuden im Hintergrund korrespondiert.“

Der Effekt ist verblüffend: Die Reifen, Kanister, Müllsäcke, Möbel oder Kartons wachsen über die kleinen Menschen auf der Straße hinaus. Die leuchtenden Farben der Bilder überstrahlen das harte Schicksal der Arbeitenden. „Totems“ nennt Delorme seine Reihe und es bleibt offen, wen oder was er zum Symbol dieser Zeit ernennt: die Müllberge oder die Menschen. In jedem Fall: die Last einer neuen chinesischen Ära.

 

„Als ich das erste Mal in Shanghai war, konnte ich kaum glauben, welch unfass­bare Mengen die Händler auf ihren Fahrrädern, Dreirädern oder Hand­wagen balancierten.“ – Alain Delorme

 

 

 

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