Herr Graebel sucht Pappkameraden

Ich musste schon häufiger mal auf Pappe sitzen. Leider. Manche Papphocker waren nicht mehr als ein Umzugskarton Größe M mit selbst genähtem Polster, andere von herkömmlichem Klebestiftklebstoff zusammengehalten und von so fragilem Äußeren, dass ich ihnen ganzheitlich nicht traute: weder ihrer Form noch ihrer Funktion. Ähnlich schien es allen Menschen gegangen zu sein, denen ich verriet, dass ich nach Dresden fahre, um zwei Herren und ihre Pappmöbelmanufaktur zu besuchen. „Na, dann viel Spaß. Unter mir ist so etwas schon Anfang der 90er zusammengebrochen.“

Diese Warnung im Kopf betrete ich in der Dresdner Gambrinus­straße einen Hinterhof – irgendwo zwischen einem orange­farbenen und einem gelb-blauen Discounter. Die Mansarde mit befahrbarer Werkshalle im Erdgeschoss zählt auch zu den Dingen, die eigentlich schon Anfang der 90er hätten zusammen­brechen müssen. Zumindest hat sie diesen Anschein. Nirgendwo steht „Nordwerk recyclingDESIGN“, der Name der Manufaktur. Im ersten Stock treffe ich dann Menschen und sehe Plakate des Deutschen Hygiene-Museums, auf denen inmitten anderer Sitzmöbel ein Pappsessel abgebildet ist. „Ist das der von Peter Raacke?“, frage ich, mein Wissen um dessen Erfolge als Pappmöbelpionier der 1960er-Jahre unterstreichend.

„Nein, der ist von uns“, antwortet Maximilian Hansen, der 2012 begann, gemeinsam mit Daniel Fucke und unter dem Namen Nordwerk Pappmobiliar zu entwickeln.

Fucke und Hansen sind studierte Architekten und ausgezeichnete Baustatiker. Als Beste ihres Studienjahrgangs verließen sie die Technische Universität Dresden, realisierten im Namen der UNESCO denkmalgerechte Tragwerke für Weltkulturerbestätten in Syrien, im Iran und in Spanien, kehrten zurück nach Deutschland, nach Dresden, an die TU und schlugen dort alsbald das Angebot für ein verbeamtetes, bis zu seinem Ende planbares Leben aus. Das wollten sie nicht – sie wollten Stühle, denn: „Jeder Architekt will einmal einen Stuhl realisieren.“ Davon hatte ich zwar schon gehört, jetzt aber erst gilt mir dieser Wunsch als bewiesen.

Nachts, als sich die TU vom Tageslärm erholen wollte, ließen Hansen, Fucke und ihr damals dritter Kompagnon Norman Frost den Laser ihres Instituts Stuhl-Bauteile aus Wellpappe schneiden. Sie entwarfen Regalsysteme und Kleinmöbel, Hänge- und Tischleuchten. Sie entwarfen, produzierten und stellten anschließend aus, „natürlich pro bono“, sagt Hansen. Nach einem Jahr waren die Nachfragen nicht mehr nur Interessens­bekundungen oder Schulterklopferei – es mehrten sich die Kauf­absichten. Eine GbR wurde gegründet und 2012 die Mansarde angemietet.

„Verrückt“, entfährt es mir. Denn ich las zwar immer mal vom großen Angebot an Pappmöbeln, glaubte aber stets, dass die Nachfrage mit dem Angebot nicht kompatibel sei.

Die beiden Herren von Nordwerk sind nun aber keine Kreativhobbyisten, sie sind Architekten mit dem Schwerpunkt Baustatik. Die können nicht nur vor ihrem inneren Auge und im CAD-
Programm sehen, ob etwas schön aussehen wird irgendwann, sie können das auch berechnen. Sie sind in der Lage, besondere Formen, „Freiform“ sagt der Architekt, aus Pappe herzustellen. Ihre Möbel werden grundsätzlich gesteckt. So sind ihre Oberfläche und ihr Gerüst eins. Stecksystem als Steckenpferd, und das ist das Besondere. Die Nordwerk-Serienprodukte wie Sessel „MC 205“, Hängeleuchte „Laura“ oder Loungeliege „Chronos“ finden sich in Geschäften, Wohnzimmern, gastronomischen Einrichtungen, in Entrees üppiger Firmenzentralen oder in Clubs wieder, dazu kommen Sonderanfertigungen auf Messe­ständen unterschiedlichster Art in ganz Deutschland.

Die Werkshalle im Erdgeschoss strahlt aus, was sie ist: eine große Herrenbastelstube. Heimwerkermaschinen verbreiten ein heimeliges Gefühl, der Besen in der Ecke wurde mit Panzer­klebeband und einer Malerstange repariert, man sieht ihm an, dass er hier nicht die erste Geige spielt. Hier geht es ums Machen. Hier wird natürlich auch gerechnet und nachgedacht, ent- und verworfen. Ich nehme Platz auf einer Art Walgerippe, das Fucke und Hansen „Bank“ nennen und das zwei Tage später fertig gesteckt und -gestellt bei einem Modeevent im Berliner Postbahnhof stehen wird. Es sitzt sich sicher. Die Lehne arbeitet sich organisch aus der Sitzfläche, und beide sind zugleich die Beine dieses Möbels. Es ist ein Ganzes. Mit Wabenstruktur. Für den Heimgebrauch bleibt nur eine Sorge: Telefon, Fernbedienung, Pasta al Forno oder andere Gegenstände könnten gut zwischen den Waben verschwinden. Problemlösung: Polsterauflage. Beruhigt lehne ich mich zurück und schaue Fucke und Hansen bei der Arbeit zu.

Aber nicht alles machen sie selbst. „Elza“, die „Elektronische Zeichenassistentin“, malt mit hörbarer Mühe die komplizierten Formen von Steckpappmöbel-Einzelteilen auf einen auseinandergefalteten Großkarton. Elza wurde von Fucke entwickelt.
E-Motoren mit Zahnriemen lassen ihren kleinen, zusammengeschraubten Kopf mit eingeklemmtem Kugelschreiber über die geschätzt fünf Quadratmeter Pappe fahren. So zeichnet Elza ein Bauteil nach dem anderen auf das Material. Und: Elza schreibt auch die Nummern der einzelnen Teile dazu. Anschließend kommen Stichsägen zum Einsatz. Händisch werden die Bauteile mit all ihren Steckschlitzen aus der Pappe gesägt – 1.500 Schlitze sind es allein bei der Bank für Berlin. Der Rest ist Stecken. 

„Wo kommt die ganze Pappe her?“, frage ich. „Was wir anfangs nicht berechnet hatten, war der Wert von Pappe als Rohstoff“, antwortet Hansen. Lange habe es gebraucht, eine geeignete Quelle aufzutun. Heute aber sind sie glückliche Abnehmer von Industrie­kartonagen, die ein Verwertungsunternehmen zum Zwecke des Recyclings ankauft. W64 sei ihr liebstes Produkt. Es ist Wellpappe, zweilagig, besonders robust.

„Wo geht der Rest der Pappe hin?“ „99 Prozent werden verwendet.“ Das übrige Prozent seien die schmalen Streifen, an denen die Kartonwände zusammengetackert wurden.

Hansen und Fucke wissen ziemlich genau, was sie machen, und können alles mit Zahlen belegen. Das ist mehr, als ich erwartet habe. Ich versuche zum Abschied noch einmal kritisch zu sein und greife verbal nach dem großen Feind der Pappe, nach dem Feuer: „Wie ist denn das Brandverhalten von Pappmobiliar?“

Hansen ist weder überrascht noch als Baufachmann um eine Antwort verlegen: Eine B1-Feuerschutzimprägnierung sei bei allen Produkten selbstverständlich möglich, sagt er, „natürlich eine von Greenpeace zertifizierte“. So benetzt muss die Pappe auch nach ihrem Zweitleben als schwerentflammbares Möbel namens MC 205 oder Chronos nicht in den Sondermüll. Sie kann ins Altpapier. Was zwar auch irgendwie schade ist, aber nur so wird die Kette der Nachhaltigkeit mehr und mehr zum Kreis. Keine Fragen offen.

Fast keine. Begeistert von diesem waschechten Herrenausflug reise ich aus Dresden ab. Im Zug schon fällt mir ein, was ich Hansen und Fucke noch fragen wollte: warum ihr Werk in Dresden Nordwerk heißt. Nun, ich will mir die Antwort persönlich abholen, schließlich telefonieren Heimwerker nicht gerne. Und es wäre ein selbstloser Grund, einmal wieder nach Dresden zu fahren zu meinen neuen Pappkameraden.

TEXT Christoph Graebel | FOTOS Stephan Pramme