Herr Graebel geht in den Knast

Ich fahre in eine mir unbekannte Welt. Ich fahre ins Ungewisse. Ich fahre in den Knast. Es ist das erste Mal für mich und mir ist etwas mulmig zu Mute. Im Knast sitzen erstens Menschen ein, die Straftaten begangen haben, die schweren Jungs und die Halbstarken. Und zweitens sollen hier ominöse, gefährliche Knast-Hierarchien herrschen. Das weiß ich aus dem Fern­sehen. Weil sich in der Justizvollzugsanstalt Heilbronn eine kleine Up­cycling-Produktionsstätte befindet, in der die Gefangenen Umhängetaschen aus Planen nähen, darf ich mir das heute mal persönlich anschauen.

Man käme nur rein, wenn die Anstaltsleitung den Besuch genehmige. Auch dürfe man die Handys nicht mitführen, erfahre ich in der Vorbereitung. Der mit mir ins Ungewisse reisende Fotograf zeigt mir seine neue Kamera, die etwas Tolles mit WLAN kann. Ich bin sicher, sie werden ihn damit nicht reinlassen. Unsere zwei Ausweise werden an einer Sicherheitsglaspforte in einem Verwaltungsgebäude aus den 1950ern durch eine Metallkarte ersetzt. Dann summt der Türsummer, wir treten ein. Der Fotograf behält seinen großen Rucksack auf dem Rücken.

„Na prima“, denke ich, „WLAN-Kamera, Batterien, Fotos – wie lange wird das Durchsuchen dauern?“ Niemand tastet uns ab oder leert des Fotografen Rucksack auf einem Melamintisch aus. Stattdessen begrüßt uns Katja Kalb. Frau Kalb leitet das Vollzugliche Arbeitswesen (VAW) in Heilbronn. Zwölf Betriebe, in denen die Gefangenen arbeiten, darunter Schreinerei, Bäckerei und Fleischerei. Diese Werkstätten bedeuten hier: Alltagsstruktur, Geld verdienen für Tabak und so weiter und Geld ansparen für die Zeit nach der JVA. Noch haben wir niemanden gesehen von den 300, die hier leben sollen. Alles wirkt hier sehr klein. Wie eine Knastminiatur. Ein Paketbote fährt über den Hof. Er bringt die Produkte des VAW, die Tische, die Taschen, die Backwaren in die Freiheit.

Das Betriebsgebäude erinnert mich an eine Schule aus den 1980ern. Ein schmuckloses Klinker-Beton-Haus, in dem gelernt werden soll. Arbeiten lernen sie hier. In welchen Werkstätten sie das tun, zeigen Schilder links und rechts vom Flur: Schreinerei, Buchbinderei, Schuhmacherei. Wie in einem alten württem­bergischen Dorf reiht sich hier Werkstatt an Werkstatt. Die Schuhmacherei ist der Raum, in dem die Taschen gefertigt werden. Noch bis vor fünf Jahren wurden hier Schuhe für die baden-württembergischen Gefängnisse produziert. Dann gab das Ländle den Einkauf frei, die Kleiderkammern dürfen seither bestellen, bei wem sie wollen. Sie wollen günstig, sie bestellen in China. „Was tun mir mit dene teure Maschinen?“ sei die Frage der Fragen gewesen, sagt Uwe Schnabel, der Technische Leiter des VAW in Heilbronn mit Dialekt. Die Töchter des damaligen Anstalts­leiters hätten die Idee mit den Planentaschen gehabt.

Wir folgen dem Schild „Arbeitstherapie/Buchbinderei“ und dann sehe ich schwere Jungs und die sehen mich. Ich nicke durch die Drahtglasfenster, die schweren Jungs mit kahl rasierten Schädeln und Muskeln nicken nicht zurück. Jeder noch so kleine Vorraum hat hier abschließbare Türen. Es ist ein Labyrinth.
Gerade noch rechtzeitig biegen wir ab, lassen die schweren Jungs rechts liegen und kommen in die Schuhmacherei. Vor
Kurzem sei die erst hierhergezogen, sagt Frau Kalb und Herr Schnabel spricht von Umstrukturierungen. Die einen Werkstätten würden verkleinert, andere neu gedacht. Das hänge mit der Gefangenenstruktur zusammen. Sie hätten heute vielmehr Menschen nur für kurze Zeit hier, drei bis sechs Monate, da würde schon für die Einarbeitung an den komplizierten Maschinen die Hälfte der Zeit draufgehen. „Mir hen kaum noch lebenslänglich“, sagt Herr Schnabel und ein Hauch von Resignation zieht durch sein Gesicht. Es ist also ein Kommen und Gehen im Werkstattdorf – da muss die Struktur eben ständig neu gedacht werden. Wie draußen.

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So kommt es, dass von 300 Gefangenen in Heilbronn nur rund 120 in den VAW-Werkstätten arbeiten. Sie erhalten eine Vergütung für ihre Tätigkeit – in fünf Verdienststufen von 1,28 bis
2,13 Euro. Wer jetzt auf dem Wort „Mindestlohn“ herumkaut, dem seien fürderhin „Kost“, „Logis“, „soziale und medizinische Versorgung“ als Gegendragees verabreicht. Außerdem sei so ein Arbeitstag mit siebeneinhalb Stunden ja auch eine gute Beschäftigung. „Besser als Verdachtsfälle, Richterin XY und sonst was im Fernsehen zu gucken“, sagt Jürgen Heinzmann. Herr Heinzmann ist eigentlich Klempner und leitet als Werkmeister die ehemalige Schuhmacherei, die heute fast nur noch Taschen macht. Ob sich die Gefangenen für eine der Werkstätten bewerben? Nein, sie würden zugeteilt, je nach Erfahrung und Talent. Daher arbeiten in der Schuhmacherei nur drei Gefangene, sie fertigen die Taschen, die das VAW anschließend unter der Marke Jailers verkauft. Der Überschuss der Einnahmen geht an Resozialisierungsprojekte, von denen irgendwann auch die drei Jailers-Arbeiter Heinrich, August und Friedrich profitieren. Heinrich ist erst seit kurzer Zeit hier. Er klebt die von August gestanzten Taschenteile zusammen, bevor Friedrich mit der Nähmaschine darübergeht und am Ende, bevor außen das Jailors-Schild drankommt, noch einen kleinen, persönlichen Gruß in die Tasche näht: Welchen Hobbys er vor dem Gefängnis­aufenthalt nachging, wofür er bei der Taschenfertigung maßgeblich zuständig war, wie lange er schon Gefangener ist und für welche Straftat er verurteilt wurde. Ich möchte lieber wissen, wie es ist, für Jailers zu arbeiten. Und während der Geruch von Heinrichs Klebstoff in meine Nase zieht, sagt er mir, dass es gut sei, etwas zu tun zu haben. Herr Heinzmann sagt dazu, dass die drei durchaus mit viel Elan dabei seien. „Auch bei kreativen Prozessen“, betont er, denn neben den Kollektionsmodellen, die im Onlineshop angeboten werden, werden viele Taschen auch aus gebrauchten Planen, Lederresten und anderem gefertigt und da darf jeder in der Werkstatt ein gestalterisches Wörtchen mitreden. So seien die kleinen Miniaturhandschellen, die als Taschenverschluss dienen, schon vor Jahren eine Idee der Gefangenen gewesen. Diese Handschellen sind verrückterweise die einzigen, die ich in Heilbronn zu Gesicht bekomme. Weil ich sie niedlich finde, darf ich mir welche ans Sakko-Revers hängen.

„Was der JVA-Keller auch hergibt, wir machen Taschen daraus“, sagt Frau Kalb und zeigt mit dem Finger in Richtung Unter­geschoss. Upcycling-Design im Knast, super. Es sei vor allem günstiger, als ausschließlich Neuplanen zu verwenden. Und weil der Planenproduzent Fehldrucke lieber günstiger an das VAW liefert, statt sie entsorgen zu müssen, werden aus den Fehl­drucken dann Einzelstücke gefertigt. Die ersten Exemplare sind schon zu besichtigen und kommen bald in den Onlineshop. Hier entscheidet das Schuhmacherei-Kollektiv gemeinsam, welcher Teil der Planen für welchen Teil der Taschen infrage kommt.
Ansonsten dauere die Fertigung dieser individuellen Produkte mit zwei bis drei Stunden nicht länger als die der Kollektions­modelle. Ob die Plane einfarbig ist oder bunt und ob die Tasche der vorigen gleicht oder ob sie (fehl-)bedruckt ist, ist für die Produktionsdauer unerheblich – man kann sie aber als Einzel­stück teurer verkaufen und die Fehldruckplane ist billiger. Ressourcenschonendes Upcycling, handgefertigte Unikate, die großen Trends der Welt da draußen sind hier nur Mitnahmeeffekte. Denn am Ende geht es doch um die Arbeit an sich: Sie soll die Gefangenen vorbereiten auf ein Leben nach Heilbronn. Auch finanziell: Nur 3/7 ihrer Vergütung werden den Gefangenen ausgezahlt. 4/7 werden hinterlegt und dienen als Starthilfe nach der Entlassung.

Auf dem Weg zurück zur Pforte frage ich Frau Kalb nach der ominösen Knast-Hierarchie. Sie hätte davon auch schon gelesen, sagt sie, „aber bemerkt habe ich davon bisher nichts.“ Auch ich nicht. Die einzige Hierarchie, die mir begegnete, war doch eher die klassische zwischen Meister, Geselle und Lehrling. Auf die Gefängnismauern prasselt jetzt Starkregen nieder, der Fotograf zückt umgehend die Kamera. „Nein“, sagt Frau Kalb. Die Sicherheitsanlagen dürften nicht fotografiert werden. Sie sind zwar da, aber sollen ein Geheimnis bleiben. Wie die Namen und die Gesichter der Gefangenen. Erst wenn sie draußen sind, dürfen sie wieder selbst entscheiden, ob sie ihren Namen preisgeben und abgelichtet werden wollen. Aber dann wird man sie nicht mehr als ehemalige Gefangene erkennen. Denn sie sehen aus wie alle anderen auch. Wie die Menschen, die in einem kleinen Dorf wohnen und arbeiten. Wie wir alle, irgendwie. Nur, dass an meinem Sakko jetzt Handschellen klimpern.

TEXT Christoph Graebel | FOTOS Christoph Busse

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