Herr Graebel geht fremd

„Niemals!“, schrieb ich der Redaktion. Niemals will ich einen anderen Begleiter an meiner Seite haben. Ich weiß, er ist vielleicht nicht perfekt – in ihm stecken seltene umkämpfte Rohstoffe und mehr als nur Arbeiterschweiß –, aber ich habe mich eben an ihn gewöhnt. Er ist schön. Sein Apfel strahlt mich an und ich zurück. Ein Smartphone tauscht man nicht so einfach aus. Empört tippte ich: „Nein!“ Es erschien auf dem Bildschirm die Antwort der Redaktion: „Fahr doch einfach mal hin, probier es mal aus, lass dich ein!“

Jetzt stehe ich also in Amsterdam, in den alten Docklands im Hafen, Panoramablick auf den Kreuzfahrtanleger, zwei Etagen über einer Jamie-Oliver-Genuss-Dependance. Ein Start-up-Büro wie aus dem Bilderbuch: weiß getünchte Holzdecke, durchgehendes Oberlicht, gusseiserne Säulen, links ein Cafeteria-Tresen, den feinen Duft von Lunchsnacks in die Luft hauchend, im endlosen Raum stehen Gruppen von Schreibtischen, in kleinen Kuben aus Glas, Holz und Stahl hängen auffällige Lampen über Meetingtischen. Hier laufen also alle Stränge zusammen, um ein Smartphone unter möglichst fairen Bedingungen zu bauen, denke ich. Nur: Was genau bedeutet das eigentlich? Was ist eigentlich so unfair an einem Telefon? Und wie schaffen das diese jungen und junggebliebenen Menschen mit bunten, aber gesund wirkenden Getränken in Glasflaschen auf den Tischen zu ändern? Es kommt einer der Menschen aus der Mitte des großen Raumes auf mich zu. Ein junger Mann, mit Jeans und T-Shirt, ohne Bart und Hornbrille. „Ich bin Fabian“, sagt er auf Deutsch, „willkommen bei Fairphone.“

Wir setzen uns in einen Kubus mit der Aufschrift Suzhou. In der Stadt Suzhou im chinesischen Irgendwo werden die Fairphones hergestellt. Seit 2013 schon 60.000 Stück des ersten Modells, seit diesem Jahr bereits 40.000 der zweiten Generation. Wir könnten jetzt über Benutzerführung, Features, Softwareupdates und Peripheriegeräte sprechen, über Dual-SIM, SD-Card-Speichererweiterung und blaue oder transparente Hüllen, aber darum geht es dem Kommunikationsbeauftragten nicht. Fabian Hühne hat vorher für die internationale Bewegung „Avaaz“ gearbeitet, die mit Online-Kampagnen globale Missstände anprangert und mit Petitionen dagegen vorgeht. Fairphone passt nahtlos in seine schon gut gefüllte, aber noch junge Vita. Denn auch hier geht es im Wesentlichen um eine Kampagne. Fairphone will die globale Produktion von Elektronik hinsichtlich ihrer sozialen und fairen Standards revolutionieren. Weder Fairphone noch Fabian versteht sich als normaler Telefonhersteller. Sie wollen den Beweis führen, dass eine faire Produktion umsetzbar ist. Der Weg ist steinig, beschwerlich und auch von Fairphone noch nicht bis zum Ende beschritten worden. „Work in progress“,, sagt man hier im Startupper-Büro, jeden Tag einen Schritt weitergehen und das transparent und öffentlich machen, um die großen Hersteller unbedingt zum Nachahmen aufzurufen.

DAMIT ICH MIT EINEM
APFELGERÄT TELEFONIEREN KANN,
LEBEN ANDERE IM KRIEG.

Von den rund 40 verschiedenen Mineralien, die ein Smartphone in sich trägt, werden vier von den Vereinten Nationen als so genannte Konfliktmineralien gelistet. Das heißt, sie kommen vor allem in Regionen vor, die uns als Bürgerkriegsgegenden, als umkämpfte Zonen, als Konfliktregionen bekannt sind. Oft drehen sich jene Auseinandersetzungen auch direkt um Bodenschätze. Vereinfacht gesagt: Damit ich zum Beispiel mit einem Apfelgerät telefonieren kann, leben andere im Krieg. Fairphone ist es gelungen, vier Konfliktmineralien, die in jedem Smartphone Dienst tun, als „konfliktfrei“ zertifiziert zu erhalten. Dafür ermitteln Nichtregierungsorganisationen (NGOs) vor Ort die Arbeitsbedingungen der Minenarbeiter, das Konfliktpotenzial rund um die Mine und den Einfluss von kämpfenden Einheiten auf Arbeiter, benachbarte Dorfbewohner und Minenbesitzer. Dann bewertet und zertifiziert die NGO den entsprechenden Rohstoff.

Das hört sich einfach an, ist aber unglaublich schwierig angesichts der undurchsichtigen Wege von einem Zwischenhändler zum nächsten bis zu den chinesischen Produktionsstätten. Selbst für die großen Player im Smartphone-Business ist das kein Pappenstiel. „Mit nur vier Mineralien, die im Kongo unter einigermaßen fairen Bedingungen abgebaut werden, ist das Ziel von Fairphone noch nicht erreicht“, sagt Fabian. Es sei aber ein Meilenstein in die richtige Richtung.

Die nächste Stelle, an der es in der Smartphone-Produktion gemeinhin nicht fair zugeht, ist der Ort, an dem sie zusammengebaut werden. Wie erwähnt, hat sich Fairphone einen chinesischen Produzenten ausgewählt – per „Social Assessment-Center“, wie Fabian es nennt. Die Bewerber wurden ausschließlich danach bewertet, wie fair die Arbeitsbedingungen dort und wie nachprüfbar diese Zugeständnisse tatsächlich sind. Auch diese Bedingungen, sagt Fabian, seien nicht mit unseren europäischen zu vergleichen, aber bei den chinesischen ganz weit vorn. Sie würden durch einen Kollegen von Fairphone vor Ort ständig überprüft. Eine Handyproduktion in Europa sei zwar auch wünschenswert, die Geräte anschließend aber unbezahlbar.

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Mit 529,38 Euro ist das Fairphone 2 unter den Android-basierten Smartphones nicht das günstigste, es ist auf andere Weise fair zum Nutzer. Der muss sich nicht jedes Jahr ein neues Gerät kaufen, um mit der technischen Entwicklung mithalten zu können, denn wer ohne Zittern in der Hand ist, kann rausschrauben, was kaputt oder überholt ist, und durch neue, vielleicht sogar bessere Äquivalente ersetzen.

Jetzt beginnt der Test. Fabian gibt mir sein eigenes Fairphone und einen Schraubenzieher. Diesen Vertrauensvorschuss würde ich mir selbst nicht geben. Ich denke über Haftungsausschluss nach. Das Einzige, was ich nicht machen dürfe, sagt Fabian, sei drangehen, falls es klingele. Er scheint vom Fairphone und seiner Unkaputtbarkeit so überzeugt, dass er an seinem Schreibtisch das Fairphone-Campaigning vorantreibt, während ich aus seinem Telefon nonchalant ein Modul nach dem anderen entferne: Akku, Bildschirm, Kamera, Kopfhörer, Mikrofon. Um mich selbst zu sortieren, lege ich alles feinsäuberlich hin, entdecke im entkernten Rumpf eine kleine Karte des Kongo, die den Nutzer erinnert, wo der Wolfram herkommt, der den Vibrationsalarm erst vibrieren lässt. Sechs winzig kleine Schrauben liegen da und jede einzelne findet beim Zusammenbau wieder ihren Platz. Ich bin gespannt. Fabian schaltet sein Telefon an – nicht um zu prüfen, ob es noch geht, sondern schlicht um wieder erreichbar zu sein. Dennoch antwortet er auf meine Frage: „Ja, es geht.“ Selbst einen Sturz aus 1,80 Meter Höhe würde es überleben. Das glaube ich Fabian und probiere es nicht aus. Falls ein Fairphone doch irgendwann nicht mehr als Phone dienen kann, bleibt es fair: Es wird als Rohstoffquelle gesehen und recycelt. Im Gegensatz zu vielem anderen europäischen Elektronikschrott, der nicht auf kommunalen Recyclinghöfen entsorgt wird, sondern als Entwicklungshilfe gekennzeichnet auf dem afrikanischen Kontinent landet. Recycling findet dort in den wenigsten Fällen statt, weil Geräte, Methoden und Know-how nicht mitgeliefert werden. Fairphone unterstützt, begleitet und fördert Initiativen, die sich dafür einsetzen, dass sämtliche in Elektronik enthaltenen Metalle, Mineralien und Plastiksorten extrahiert werden können. Sie möchten, dass Elektroschrott möglichst zu 100 Prozent verwertet wird. Diese Schritte zu Ende gedacht, könnte es bald passieren, dass Teile eines überholten Apfelgeräts in einem Fairphone weiter Dienst tun.

WER OHNE ZITTERN
IN DER HAND IST,
KANN RAUSSCHRAUBEN,
WAS KAPUTT
ODER ÜBERHOLT IST.

Ich gestehe Fabian, dass ich seit dem Beginn der Digitalisierung meines Kinderzimmers dem Apfel anheimgefallen bin. Das Fairphone mag fair sein, aber es trägt auf dem Rücken kein Obst. Bevor ich hier war, erschien es mir undenkbar, jemals etwas anderes zu kaufen, aber jetzt komme ich ins Schwanken. Ich denke an das Jahr 2026. Bis dahin brauche ich vermutlich etwa drei oder vier neue Apfelgeräte mit immer neuem Schnickschnack. Mein Fairphone wäre dagegen zehn Jahre alt, technisch und ästhetisch zwar irgendwie überholt, ich werde aber die wechselbaren Verschleißteile mehrfach durch bessere ersetzt haben, so wie ich es bei meinem Auto heute tue. Ich fahre einen alten Mercedes, mein anderer ständiger Begleiter. Bewahrer von technischem Kulturgut bin ich also schon. Würde ich auf mein Fairphone genauso gut Acht geben wie auf mein Auto?

Ich will es wenigstens probieren: Ich kaufe tatsächlich ein Fairphone mitsamt Wolfram und Gold aus dem Kongo, den chinesischen Arbeitsstunden, die drinstecken, und der filigranen Technik, die jeder durch die transparente Rückenverkleidung sehen kann. Weil ich mit all dem aber auch ein Android-Smartphone kaufe und damit das Betriebssystem völlig wechsele, ist dieser Besuch in Amsterdam der experimentellste Test meines Lebens. Und er beginnt genau: jetzt.

TEXT Christoph Graebel | FOTOS Stephan Pramme

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