Helden, wie wir – Lisa Ochsenbein

Klimakrise, Rohstoffkrise, Finanzkrise: Die Welt bewegt sich auf einen Kollaps zu. Da können eigentlich nur noch Superhelden helfen. Glücklicherweise gibt es sie wirklich: jene Menschen mit Ideen, Engagement und Überzeugung. Sie sind unter uns und zeigen, dass in jedem von uns etwas von einem Weltretter steckt.

Wie schön es sein kann, sich mit anderen auszutauschen, die Nachbarn kennenzulernen und gemeinsam ein Problem zu lösen, das weiß auch Lisa Ochsenbein. Die selbstständige
Produkt­designerin aus Zürich hat zusammen mit ihrem Büro­kollegen Ivan Mele das Projekt „Pumpipumpe“ gestartet. Die Idee ist einfach und genial: Jeder, der etwas besitzt, das er gerne verleihen würde, kann einen Symbolsticker bestellen und diesen am Briefkasten, am Gartenzaun, an der Bürotür oder in der Gemeinschaftsküche anbringen. So sieht jeder, aha, hier kann ich mir eine Leiter, ein Bügeleisen, Werkzeug, einen Schlitten oder einen Mixer leihen.

Im Oktober 2012 verteilten Ochsenbein und ihr Partner die ersten Sticker, bauten eine Onlineseite, nach und nach gab es immer mehr Bestellungen. Bis Ende des vergangenen Jahres verschickten sie Sticker in 12.000 Haushalte in der Schweiz, Deutschland, Österreich, Belgien und Frankreich. „Wir waren sehr positiv überrascht, aber es wurde etwas viel“, gibt Ochsenbein zu, die das Projekt eher als Kunstprojekt betrachtet und kein Geld damit verdienen möchte.

Zusätzlich zu den Stickern entwickeln die beiden Designer eine App, eine Art Verzeichnis, in dem die Nutzer sehen können, wo sie in ihrer Umgebung etwas leihen können. „Das Ganze soll anonym bleiben. Wir wollen, dass die Leute da hingehen müssen, klingeln, das Leihgeschäft aushandeln und miteinander agieren“, sagt Ochsenbein, die sich selbst häufig den Mixer ihrer Nachbarin leiht. Sie hat im Angebot: eine Leiter, eine Bohrmaschine, eine Disko­kugel und ein Zelt. „Die Sticker legitimieren das Klingeln bei den Nachbarn und die Frage, ob man sich irgendetwas leihen kann. Das gefällt mir.“ Und es ist natürlich sinnvoll: „Wenn man überlegt, wie viele Bohmaschinen in einem urbanen Raum im Umkreis von 100 Metern existieren, dann wird klar: Wir leben im Überfluss und wir gehen einfach ungeschickt mit den Produkten um. Jeder hat die Bohr­maschine im Schrank, niemand sieht sie, niemand benutzt sie. Es wäre einfach nicht notwendig, in dem Ausmaß Konsumgüter zu produzieren.“

Eine bessere lokale Vernetzung, davon ist Ochsenbein überzeugt, kann langfristig etwas bewirken. Zumindest gäbe es den Leuten ein gutes Gefühl. „Ich habe absolut Verständnis für Menschen, die glauben, dass sie als Einzelne nichts ausrichten können“, sagt sie. Es passiere viel Schlechtes auf der Welt, auf das man keinen Einfluss habe. Das könne deprimieren. „,Pumpipumpe‘ ist aber eine Möglichkeit, sich auf das eigene Handeln und sein Umfeld zu fokussieren. Das mindert das Gefühl der Ohnmacht.“

Es sind also auch die kleinen Dinge – ein Leihgeschäft, ein repariertes Elektrogerät, Kinder, die lernen, was Mülltrennung bewirken kann – und die lokalen Projekte, die einen Prozess des Umdenkens, hin zu einer umweltbewussteren Bevölkerung, genauso befördern wie Ideen, die eine globale Wirkung haben. Jede Mücke ist ein Teil des Schwarms, der das Nashorn zum Umdrehen bewegen kann.

TEXT Bastian Henrichs | FOTOS Christoph Busse