Helden, wie wir – Felix Finkbeiner

Klimakrise, Rohstoffkrise, Finanzkrise: Die Welt bewegt sich auf einen Kollaps zu. Da können eigentlich nur noch Superhelden helfen. Glücklicherweise gibt es sie wirklich: jene Menschen mit Ideen, Engagement und Überzeugung. Sie sind unter uns und zeigen, dass in jedem von uns etwas von einem Weltretter steckt.

Eigentlich wollte er einen Vortrag über sein Lieblingstier halten, den Eisbären. Seit Felix Finkbeiner fünf Jahre alt ist, hat er ein Plüsch-Exemplar zuhause, mindestens so

groß wie die Spannweite seiner Arme. Als in seiner vierten Klasse an der Grundschule im bayrischen Tutzing eine Projektwoche zum Thema Klimawandel angesagt war, entschied er sich, ein Referat zu halten über „Das Ende des Eisbären“. Er erzählte vom drohenden Klimakollaps, von globaler Erwärmung und schmelzenden Eisgletschern. Aber auch von der kenianischen Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai, die in ihrer Heimat innerhalb von 30 Jahren 30 Millionen Bäume pflanzen wollte.

Er schloss seinen Vortrag mit einer Aufforderung: „Lasst uns in jedem Land der Erde eine Million Bäume pflanzen!“ Die Kinder seiner Klasse gingen mit gutem Beispiel voran und pflanzten ein Zierapfel-Bäumchen im Park der Schule. Seine Lehrerin ließ ihn das Referat in anderen Klassen wiederholen, die Direktorin schickte ihn gar auf andere Schulen, um zu erklären, was das Pflanzen von Bäumen mit der Bedrohung des Eisbären zu tun hat. Bald stellte Felix fest: Es geht nicht nur um Eisbären. Es geht um ihn selbst, um die anderen Kinder in seinem Alter, um eine ganze Generation. Im Grunde geht es um alle Menschen auf der Erde. Felix Finkbeiner hatte über das Ende gesprochen und einen Anfang gemacht.

Mithilfe seines Vaters gründete er 2007 die Initiative „Plant for the Planet“. Noch im selben Jahr stellte er seine Idee, in jedem Land der Erde eine Million Bäume zu pflanzen, auf der Jugendkonferenz der UNEP in Norwegen vor und wurde kurz darauf ins Junior Board der Weltorganisation gewählt. Ein Jahr später hielt er eine Rede im Europäischen Parlament. Finkbeiners Idee war zu einer Bewegung geworden: Tausende Kinder und Jugendliche schlossen sich an und sorgten dafür, dass bis Ende des vergangenen Jahres 13 Milliarden Bäume gegen den Klimawandel gepflanzt wurden. Finkbeiner hat schon jetzt mehr erreicht, als er sich je erträumt hätte. Seine Geschichte ist ein Beispiel dafür, dass die simple Idee eines Neunjährigen einen großen Beitrag leisten kann, die Probleme der Erde zu bekämpfen und den drohenden Kollaps abzuwenden. Der Weltretter, er steckt in jedem von uns.

Um die Probleme der Zukunft zu bewältigen, braucht es nicht nur neue politische Regelungen und ein wirtschaftliches Umdenken.
Es bedarf einzelner Menschen, die sich von ihrer Überzeugung leiten lassen und andere Menschen mobilisieren, die sich für den Schutz der Umwelt und die Schonung der Ressourcen einsetzen. Die uneigennützig handeln, bedacht auf das Wohl ihrer Umwelt. Ein Verhalten, das dem Bild des Menschen in der Verhaltensforschung lange Zeit widersprach. Dort wurde der Mensch als zutiefst eigennütziges Wesen beschrieben. Doch das Bild hat sich gewandelt. Das Streben nach Erfolg, Geld und Macht ist zwar weiterhin ein starker Trieb, Untersuchungen zeigen jedoch, dass ebenso das Gefühl, etwas für jemand anders geleistet zu haben, beflügeln kann. Dass Menschen eben doch Herdentiere sind und nach Gemeinschaft und Sinn streben. So fand der Anthropologe Joseph Henrich in einer global angelegten Vergleichsstudie zum Egoismus heraus, dass Menschen umso bereitwilliger teilen, je mehr sie abhängig von anderen Personen sind – weil sie mit ihnen Geschäfte machen oder weil sie abhängig sind von der Gruppe. Die Notwendigkeit lässt den Menschen demnach altruistisch denken und handeln. Umgekehrt war altruistisches Verhalten nie so notwendig wie in der globalisierten Welt von heute. Menschen rücken immer mehr zusammen, tauschen sich aus und versuchen gemeinsam Lösungen zu finden gegen Armut, Hungersnöte und den Klimawandel. Jeder Einzelne ist mehr als je zuvor von anderen Menschen abhängig. Das fördert die Bereitwilligkeit der Menschen, sich für das Gemeinwohl einzusetzen.

Wir haben diese Menschen aufgespürt: In einem kleinen Imbisswagen in Berlin, wo eine ehemalige Werberin biozertifiziertes, vegetarisches Essen verkauft – fast ohne Müll zu produzieren. Wir haben eine passionierte Bastlerin besucht, die dem schnellen Verschleiß den Kampf angesagt hat und das erste Repair-Café in Berlin eröffnete. Wir haben eine Schweizerin gefragt, wieso ein paar Aufkleber auf Briefkästen Menschen zum Tauschen und Teilen verführen, und einen Belgier, warum ausgerechnet Putzmittelflaschen die Vermüllung der Meere eindämmen können. Wir haben uns mit einer Erzieherin in einer Kindertagesstätte und einem Jugendwart eines Fußballvereins zusammengesetzt und erkannt: Es ist nicht immer entscheidend, die Welt zu revolutionieren. Es hilft schon, seinen Teil dazu beizutragen, sie nicht weiter zu zerstören.

Acht Jahre nach seinem Referat steht Felix Finkbeiner, mittlerweile 17, ein Teenager mit Zahnspange und verwuschelten Haaren, in einem schmucklosen Raum in Stuttgart. Der Verlag „Das Beste“ möchte ihn zum „Europäer des Jahres 2015“ auszeichnen. Finkbeiner wirkt kein bisschen beeindruckt oder nervös. Er schüttelt viele Hände, hält Smalltalk mit einer Lokalpolitikerin, beeindruckt mit Zahlen und Argumenten, egal, ob es um Umweltschutz in China geht, um Armut und Menschenrechte oder um Weltpolitik. Auf einer Stellwand sind Fotos von ihm und anderen Kindern zu sehen, wie sie neben Prominenten stehen und ihnen mit der Hand den Mund zuhalten. „Stop talking, start planting“, hört auf zu reden, fangt an zu pflanzen, steht darüber. Fürst Albert II.
von Monaco lässt sich von dem kleinen Felix genauso den Mund verbieten wie Peter Maffay, das brasilianische Model Giselle Bündchen, Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus und Masenate Mohato Seeiso, die Königin von Lesotho. Es ist eine Werbekampagne für die Initiative „Plant for the Planet“.

Aus der Aufforderung an seine Mitschüler ist eine Forderung an die Menschen und Regierungen dieser Welt geworden. Aus der willkürlich gewählten Zahl von einer Million Bäumen pro Land ist eine wissenschaftlich untermauerte Zahl geworden: Bis 2020 will die Initiative weltweit 1.000 Milliarden Bäume pflanzen. Eine Billion. So viele hätten Wissenschaftlern der Yale-Universität zufolge auf der Erde Platz, ohne dass Siedlungen oder landwirtschaftlich genutzte Flächen beeinträchtigt würden. Zusammen könnten sie ein Viertel des derzeit menschgemachten in die Atmosphäre ausgestoßenen Kohlenstoffdioxids (CO₂) aufnehmen. „Das löst nicht unsere Probleme“, sagt Finkbeiner und meint die Klima­krise. „Es ist eher wie ein Zeitjoker.“

Über die Ziele der Initiative hinaus setzt sich Finkbeiner auch für einen globalen Finanzausgleich zur Bekämpfung der Armut ein. Er fordert einen globalen Einheitspreis für CO₂-Emissionen und ist davon überzeugt, dass es mit den vorhandenen Technologien bereits möglich wäre, den CO₂-Ausstoß bis 2050 auf null zu senken. Felix Finkbeiner kennt die globalen Zusammenhänge sehr genau und er ist der Auffassung, dass die Probleme sich nicht nur dadurch lösen lassen, dass Einzelne ihren Lebensstil ändern. Das sei zwar wertvoll, aber weder ausreichend noch ginge es schnell genug. „Entscheidend ist es, andere zu mobilisieren, damit Gesetze erlassen werden, damit sich alle richtig verhalten müssen oder ein falsches Verhalten richtig viel Geld kostet. Denn uns kostet es unsere Zukunft.“ Als er die Auszeichnung zum Europäer des Jahres entgegen­genommen hat, reicht er den Preis gleich weiter an die anderen Kinder, die neben ihm auf der Bühne stehen, und sagt: „Ein Moskito kann nichts gegen ein Nashorn ausrichten. Aber 1.000 Moskitos können ein Nashorn dazu bringen, die Richtung zu wechseln.“

TEXT Bastian Henrichs | FOTOS Christoph Busse

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