Zur Durchsicht

Altes Glas zum Container zu tragen, gehört für die meisten Deutschen heute zum Alltag. Aber wer ist eigentlich auf die Idee gekommen, Scherben immer wieder auferstehen zu lassen? Eine Spurensuche in der Geschichte.

Es war ein Tag im Juni, als Horst Hehn ein Problem hatte. Die Mauer war vor wenigen Monaten gefallen, die deutsche Einigung vorbereitet und er hockte in Hellersdorf in der größten Recyclinganlage der DDR auf den Resten einer Gesellschaft. Als Sprecher der Annahmestelle des VEB Sero – die Abkürzung für Sekundärrohstoffe – sagte er dem Magazin Spiegel, dass er in seinem Lager Tonnen von Papier und Glas hatte. Seit acht Wochen hatte er kein einziges Glas mehr verkauft. „Wir sitzen auf Bergen von Abfall“, sagte Hehn. Dabei waren im Jahr davor noch über eine Milliarde Gurken- und Marmeladengläser sowie Schnapsflaschen von der DDR-Industrie wiederverwertet worden. Denn Glasrecycling war im Osten weit verbreitet.

Schulkinder zogen mit Bollerwagen durch die Straßen, klingelten an den Haustüren und suchten Altpapier und Altglas zusammen. Wenn man heute mit den Sero-Sammlern von damals spricht, erinnern sie sich oft auch an gemeinsame Ausflüge mit Freunden, die ganz selbstverständlich dazugehörten. Die bankrotte DDR konnte es sich auch gar nicht leisten, Rohstoffe wie Glas oder Papier wegzuschmeißen. Die Mangel­wirtschaft von damals zwang dazu, nichts zu verschwenden.

Als die Mauer fiel, fiel auch das Bewusstsein für den Wert von natürlichen Ressourcen. Die ersten Dosen und Tetrapaks schmeckten nach Freiheit. Heute, knapp 25 Jahre später, weiß jeder, dass Tetrapaks in die Wertstofftonne, Papier in die Blaue Tonne und leere Gläser in den Altglascontainer gehören. Auch wenn dafür niemand extra entlohnt wird. Gerade beim Glasrecycling liegt Deutschland im europaweiten Vergleich ganz vorn. 97 Prozent der deutschen Haushalte bringen benutzte Gläser und Flaschen in die Container. Rund 250.000 von ihnen gibt es landesweit. Der Gedanke, die Umwelt zu schonen, hat sich in unser Bewusstsein gefressen. Ein leeres Marmeladenglas in den Hausmüll zu schmeißen tut fast so weh, wie ein Auto ohne Katalysator zu fahren. Trotzdem werfen die Berliner nicht jede Flasche in den für ihre Farbe bestimmten Container.Weiß, grün und braun – andersfarbiges Glas gehört in den Grünglas-Behälter. Auf Grundstücken wird nur zwischen Weiß- und Buntglas unterschieden – hier kommen alle farbigen Gläser in die Buntglastonne. Verschlüsse und Deckel sollten in der Wertstofftonne entsorgt werden. Jeder sollte darauf achten: Andernfalls wird beim Recyclingprozess mehr Energie verbraucht.

Glasrecycling ist aber bei weitem keine Erfindung des Sozialismus, „sondern ein politisches Kind der Moderne“, sagt Professor Heiko Hessenkemper von der Technischen Universität Freiberg. Im Zuge der Umweltbewegung der siebziger Jahre begannen Glashütten, Altglascontainer auf ihren Firmengeländen aufzustellen. Auch die Berliner Stadtreinigung (BSR) gehörte in dieser aufkeimenden Recyclingindustrie zu den Trendsettern. Das Unternehmen stellte als eines der ersten in Deutschland solche Tonnen in Berliner Hinterhöfe und animierte die Menschen so, für ihren Müll Verantwortung zu übernehmen. „Allerdings war man von den heutigen technischen Möglichkeiten, Glas aufzubereiten, weit entfernt“, sagt Dorothée Richardt vom Bundesverband für Glasindustrie. „Es war unmöglich, größere Mengen farbenrein zu sortieren und von Verunreinigungen zu befreien.“ So blieb das Glasrecycling zunächst Privatsache. 1974 wurden gerade einmal 6,5 Prozent des Altglases in der BRD wiederverwertet, das entspricht 150.000 Tonnen. Heute hat Glas eine der höchsten Verwertungsquoten unter den Verpackungsmaterialien, 2010 wurden in Deutschland zwei Millionen Tonnen Glas recycelt. Recyclingglas ist der wichtigste Rohstoff für die Herstellung neuer Glasflaschen und -konserven, denn es ist zu 100 Prozent recyclingfähig.

Die bewusste Wiederverwertung von Glas aber kam reichlich spät, wenn man bedenkt, dass es zu den ältesten Werkstoffen überhaupt gehört – frühe Funde stammen aus der Steinzeit vor rund 9.000 Jahren. Überliefert ist, dass die alten Ägypter um 3.000 vor Christus begannen, gezielt Glas herzustellen. In der Zeit entstanden die ersten Schmuckstücke und Gefäße. Im alten Rom kurz vor Beginn der Zeitzählung fand die eigentliche Revolution des Werkstoffs statt: Die Glasmacherpfeife wurde erfunden. Von da an konnte Hohlglas hergestellt werden, wie zum Beispiel Karaffen und Trinkbecher. Ausgrabungen in Herculanum und Pompeji zeigen, dass aber auch schon gegossene Glasplatten für Verglasungen verwendet wurden, selbst wenn sie nach unseren heutigen Vorstellungen primitiv wirkten: Sie hatten eine raue Unterseite, waren verschieden dick und die Farben waren nicht identisch. Was allerdings bei der Herstellung zu Bruch ging, wurde schon damals zurück in den Schmelzofen befördert. „Rund um alte römische Hütten fand man Glasscherben, die in den Produktionsprozess wieder eingegliedert wurden“, sagt Professor Heiko Hessen­kemper. Die alten Römer waren sich der positiven Eigenschaften von Glas durchaus bewusst. So erlangte es immer größere Bedeutung für Medizin und Wissenschaft. Parfüm und Medikamente wurden in Glasgefäße gefüllt, da es zu keinerlei Austausch zwischen Stoff und Verpackung kommen konnte. Diesen Vorteil genießt das Glas noch heute. Kein anderer Werkstoff kann das ersetzen, zudem wird durch das Recyceln ständig Energie gespart, die für die anfänglichen chemischen Reaktionen entfällt. Jede Flasche besteht heute im Schnitt zu rund 60 Prozent aus Recyclingglas-Scherben, bei grünen Flaschen sogar bis zu 90 Prozent. Zudem lässt sich Glas beliebig oft einschmelzen.

Es ist also nicht schlimm, wenn Flaschen oder Gläser zu Bruch gehen, nicht umsonst heißt es im Volksmund: Scherben bringen Glück. Deshalb schmeißt man angehenden Hochzeitspaaren altes Porzellan vor die Füße, möge ihr Eheleben nicht zerbrechen, denn das lässt sich nicht recyceln wie eine leere Weinflasche.

TEXT Claudia Euen | FOTO ddrbildarchiv.de/Morgenstern

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