Tauschbörse: Wie du mir, so ich dir

Vintage-Shopping? eBay? Das war gestern.
Anstatt Gebrauchtes zu kaufen, kann man es neuerdings in der Givebox tauschen.

An einem warmen Sonntagnachmittag Ende September parken zwei Mädchen im Teenager-Alter ihre Fahrräder vor einer großen Holzkiste in Berlin-Mitte. Sie sieht aus wie eine Kreuzung aus geräumiger Telefonzelle ohne Tür und begehbarem Kleiderschrank, und sie ist die erste Givebox der Stadt – und wohl auch der Welt. 2,10 Meter hoch, 1,40 Meter breit und 1,10 Meter tief, darin wühlen die Mädchen jetzt zwischen Taschen und Broschen, begutachten Blusen und T-Shirts und geraten beim Anblick der Schuhe in Verzückung. „Geil“ ist ihr Lieblingswort. „Geil, schau mal die. Und die da.“ Die eine probiert ein Paar schwarze Schnürschuhe mit Plateausohle an. „Oh, geil.“ Die Aufmerksamkeit der anderen ist schon bei einem Paar fliederfarbener, zerschlissener Schläppchen. Aber die bleiben für heute stehen. „Geil“, sagt die eine noch einmal, bevor sie ein paar Minuten später mit ihrer Freundin und den schwarzen Schuhen im Schlepptau wegradelt.

Früher war Geiz geil. Heute ist es die Großzügigkeit. Schließlich haben die Mädchen weder nach einem Preisschild geschaut noch ihr neu: Portmonee gezückt. Die Schuhe sind, wie der restliche Inhalt der Givebox, geschenkt. Jeder kann dort Ausrangiertes abstellen: Kleidung, Bücher, CDs, DVDs, Spielzeug, Geschirr, eben all das, was man einmal unbedingt brauchte und nun wieder loswerden will, nicht etwa, weil es defekt ist, sondern weil es überflüssig geworden ist. Hier in der Schenkbox kann man sich frei bedienen.

Und das in Berlin-Mitte? Dem schon völlig gentrifizierten Stadtteil? Dort, wo immer mehr kleine Ideen von großen Ketten verdrängt werden, die zwangsläufig die Mieten in die Höhe treiben? Ausgerechnet hier ist die Idee zur Givebox entstanden. Sie mutet an wie ein Kaufmannsladen, in dem man früher seinen Geschäftssinn übte. Heute trainiert man darin seinen Gemeinschaftssinn.

Aus der einen Givebox ist ein Netzwerk entstanden

Aber die Holzkiste ist nicht nur eine Plattform der Philanthropie und ein Gegenprogramm zu den großen Namen, sie ist auch eine Alternative zur Altkleidersammlung, zum Flohmarkt, zu eBay-Kleinanzeigen, zum überteuerten Vintage-Shop und dem Secondhandladen von nebenan.

Mittlerweile ist es schon Herbst geworden, ein Tag, an dem man Handschuhe tragen könnte, und die Givebox – steht immer noch da. Andreas Richter, 28 Jahre alt, der mit seiner Freundin das Konzept Ende August entwickelt hat, plante zunächst, unerkannt zu bleiben. Das ging nicht lange gut. Jetzt steht er vor der Givebox und wird von einer Kamera gefilmt. „Ich wollte meinen Krempel loswerden“, antwortet er auf die Frage eines brasilianischen Fernsehteams nach der Idee hinter der Box. Aus der einen Givebox ist mittlerweile ein ganzes Netzwerk entstanden, um das sich nicht nur Richter und seine Freundin kümmern. Im Gegenteil, nachbarschaftliche Verantwortung ist Teil des Konzepts. Jeder kann seine eigene Givebox bauen und unterhalten, wie es in Hamburg, Düsseldorf und Wien geschehen ist. Im Gespräch sind Boxen in Frankfurt, München, Hannover und Münster und sogar in São Paulo, Pennsylvania und Kanada.

Der Marktplatz ist auf die Größe einer kleinen Kabine geschrumpft, in der das Leben pulsiert. Das liegt auch an der straffen Organisation, die, wie könnte es anders sein, über Face­book läuft. In der Box der laminierte Hinweis, Fan auf Facebook zu werden, und im Netz dann die Fotos, die fast zu gut aussehen, um zufällig den Alltag abzubilden. Eine Frau trägt lachend einen Perserteppich unter dem Arm weg, ein Mädchen sitzt auf einem pinken California-Fahrrad. Auf der Lenkstange thront der Fund aus der Givebox: ein weißes Einhorn. Die Facebook-Pinnwand animiert unterdessen, doch selbst ein Modell zu bauen, und verlinkt auf den entsprechenden Einkaufszettel. Spannplatten, Stützbalken, Bretter für die Verkleidung, ein Plastik-Welldach, Terrassendielen, die Vliestapete, Regalböden und das Gästebuch für die Grüße der Besucher kosten insgesamt etwa 200 Euro. Mieten sind für eine Givebox bislang nicht angefallen. „Es ist wichtig, dass man einen guten Ort hat, ein paar Leute, die mithelfen und dann einfach drauflosbauen“, erklärt Richter ermutigend.

Allerdings hat auch das Kreuzberger Bezirksamt schon etwas in einer der vier Berliner Boxen hinterlegt. Auf einem Schild wurde die Idee zunächst gelobt und im nächsten Satz mit Abriss gedroht. Es ist also ratsam, die Kiste auf Privatgelände zu errichten oder vor dem Bau beim Ordnungsamt anzufragen. Die buchstäbliche Kehrseite einer Givebox lässt sich an demselben Modell in Kreuzberg erkennen, das nun kurz vor dem Umzug steht. An der Rückwand lehnt eine alte, verwitterte und somit völlig unbrauchbare Matratze. Die Holzkiste mit dem hübschen Motto „sharing is caring“, mit dem Glitzerrahmen, der weißen Spitzengardine und der floralen Tapete, die nachts dazu noch unverschlossen samt Inhalt dasteht, geht für manche wohl über die Grenzen des Ertragbaren hinaus.
www.facebook.com/Givebox

TEXT Jennifer Wiebking | ILLUSTRATION Cristóbal Schmal

Nachdruck aus  Frankfurter Allgemeine Zeitung 12.11.2011
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