Getrennt befragt: Retten uns verpackungsfreie Supermärkte vor der Vermüllung?

In vielen deutschen Großstädten eröffnen Läden, in denen Lebensmittel ohne Verpackungen verkauft werden. Trockenfrüchte, Kaffee, Getränke, Reinigungsmittel werden in mitgebrachten Dosen und Tüten abgefüllt. TrenntMagazin hat zwei Experten gefragt:

Retten uns verpackungsfreie Supermärkte vor der Vermüllung?

JA

Eine Bewegung braucht nicht nur einen Anführer oder eine Anführerin, sondern auch Menschen, die ihm beziehungsweise ihr folgen. In unserem Fall geht ein verpackungsfreier Laden voran, in dem sich Personen mit jedem Einkauf dafür entscheiden, Teil der Bewegung zu sein. Sie fragen sich: Wie viel Verpackung wird eingespart? Wie viele regionale Produzenten werden unterstützt? Und vor allem: Gibt es meinen lokalen Unverpackt-Laden morgen noch?

Die Einkaufenden setzen ein fühlbares Zeichen: Sie zahlen nicht mit einem Klick wie bei Onlinepetitionen, sondern mit barem Geld. Der konventionelle Einzelhandel nimmt das wahr und zieht nach. Rewe schafft Plastiktüten ab und Bio­läden führen verpackungsfreie Abteilungen ein. Loses Einkaufen verbreitet sich in Deutschland. Was als Nische begann, ist dabei, sich zu einer breiten Bewegung zu entwickeln, und dann können die Unverpackt-Supermärkte genau das tun: uns vor der Vermüllung retten.

Milena Glimbovski
Geschäftsführerin von „Original Unverpackt“ in Berlin

NEIN

Verpackungen sind kein Selbstzweck. Insbesondere Kunststoffverpackungen verlängern durch ihre hohe Sauerstoff- und Feuchtigkeitsbarriere die Haltbarkeit von Lebensmitteln nachweislich. Dabei ist ihre Klima- und Ressourcenrelevanz sehr viel geringer als die der Lebensmittel, die sie schützen. So verursacht zum Beispiel ein Kilogramm Rindfleisch circa 14 Kilogramm CO₂, dessen Verpackung gerade mal 200 Gramm.

Immer noch verderben allein in europäischen Haushalten jährlich circa 60 Millionen Tonnen Lebensmittel, weil sie nicht oder nur unzureichend verpackt sind. Der dadurch entstehende Umweltschaden ist immens. Darüber hinaus sind Kunststoffverpackungen hygienisch, bieten Schutz vor Verunreinigungen und beugen Krankheiten vor. Bei nicht verpackten Lebensmitteln ist dagegen der Keimbefall um ein Vielfaches höher. In Deutschland werden Verpackungen nach ihrem Gebrauch nicht zu Müll, sie werden im gelben Sack gesammelt und recycelt. Verpackungen sind insofern in jeder Hinsicht nachhaltig.

Ulf Kelterborn
Hauptgeschäftsführer der IK Industrievereinigung Kunststoffverpackungen e.V.

Illustrationen Peer Kriesel

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