Getrennt befragt: Ist eine Welt ohne Müll Möglich?

Müll ist unvermeidlich – heißt es. Jedes Jahr entstehen in Deutschland ungefähr 50 Millionen Tonnen Siedlungsabfälle. Aber muss das wirklich sein? TrenntMagazin hat zwei Experten gefragt:  Ist eine Welt ohne Müll Möglich?

Michael Braungart: JA.
Allerdings müssen wir dafür nicht weniger als alles noch einmal neu erfinden. Denn wenn wir von „Null-Abfall“ reden, dann denken wir immer noch an Abfall. Aber die Natur kennt auch keinen Abfall. In meinem Cradle-to-Cradle-Konzept ist das anders. Von der Wiege bis zur Wiege, heißt das. Darin soll am Ende alles nützlich sein. Schuhe, die kompostierbar sind. Sitzbezüge, die Sie essen können. Das ist keine Vision, sondern bereits Realität. In Holland bauen sich gerade 270 Unternehmen nach Cradle-to-Cradle um.

Es ist schrecklich, dass wir uns ständig schuldig fühlen, dass wir als Menschen existieren. Ständig sollen wir verzichten und nachhaltiger sein. Aber unseren ökologischen Fußabdruck vermindern und effizienter sein, ist das Dümmste, das wir machen können. Produktionsfaktor 10, wie es Herr Schmidt-Bleek in die Diskussion bringt, führt nur dazu, dass wir das Falsche perfekt falsch machen.

Friedrich Schmidt-Bleek: NEIN.
Müll bereitet ja nur dann Probleme, wenn seine „Giftigkeit“, Menge und die hygienische Verlässlichkeit der Entsorgung nicht stimmen. Wenn es gelänge, all unseren Müll in einer umweltfreundlicheren Form in die Umwelt zu entlassen, wäre das Umwelt-„Gift-Problem“ gelöst – so wie das Michael Braungart vorschlägt. Leider ist es jedoch nicht möglich, für Tausende benötigter Werkstoffe und Millionen technischer Produkte alle ökologisch relevanten Eigenschaften jemals zu kennen.

Aber das Mengenproblem ist prinzipiell lösbar. Mit moderner Technik kann es uns gelingen, nur noch zehn Prozent der natürlichen Rohstoffe zu verbrauchen – ohne dass wir dafür den gewohnten Wohlstand einschränken müssen. Ich habe das als Faktor 10 bezeichnet. Das passiert nur heute noch nicht, weil sich Ressourcensparen kaum lohnt, obgleich es entscheidend ist, wie weit wir die für uns lebenswichtigen Funktionen der Natur durch technische Eingriffe und die Entnahme von natürlichem Material zu Änderungen zwingen und zerstören. Noch sind Regierung und Wirtschaft mehr interessiert an maximalem Konsum als an der Vermeidung von Überschwemmungen, Artenverlust und Klimawechsel.

Michael Braungart ist Verfahrenstechniker und Chemiker.
Er entwickelte zusammen mit William McDonough das Cradle-to-Cradle-Konzept. Als Professor lehrt er an der Erasmus-Universität Rotterdam, ist Geschäftsführer der EPEA Internationale Umweltforschung GmbH in Hamburg und wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Umweltinstituts.

Friedrich Schmidt-Bleek ist Chemiker und Umweltforscher.
Er war Ende der 1970er-Jahre verantwortlich für die Entwicklung des deutschen Chemikaliengesetzes am Umweltbundesamt in Berlin, danach arbeitete er unter anderem für die OECD. Von 1992 bis 1997 leitete er zusammen mit Ulrich von Weizsäcker das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, heute ist er Präsident des Faktor 10 Institutes in Carnoules (Frankreich).

Schlagworte des Artikels