Getrennt befragt: Immer mehr Papier wird durch E-Books gespart. Ist das eigentlich ökologisch sinnvoll?

Das gute alte Buch hat ausgedient. Denn seit einiger Zeit ist eine elektronische Alternative auf dem Vormarsch, die als große Errungenschaft in Sachen Ökobilanz gilt. Aber wie sieht es wirklich aus?
Immer mehr Papier wird durch E-Books gespart. Ist das eigentlich ökologisch sinnvoll?

Ansgar Warner : JA.
„Eine Menge Bäume werden durch meine Hand sterben“, kündigte Stephen King einen seiner letzten Bestseller an. Doch der „Meister des Schreckens“ muss kein schlechtes Öko-Gewissen haben: Seine Bücher erscheinen vom ersten Tag an parallel auch als E-Book. Vorbildlich! Doch wie steht es um den Leser, der elektronische Lektüre auf den E-Reader lädt? Vom aktiven Energieverbrauch her bleibt die Weste weiß – kein anderes Endgerät verbraucht so wenig Strom wie ein Lesegerät mit E-Ink-Display.

Doch natürlich hinterlässt bereits die Produktion solcher Gadgets einen CO2-Fußabdruck. Das Öko-Institut Freiburg schätzt ihn auf rund 25 Kilogramm, deutlich weniger als bei Tablets und nur ein Zehntel eines Laptops. Diesen Fußabdruck gilt es erst einmal abzuarbeiten. Da pro gedrucktem Buch circa ein Kilogramm Kohlendioxid frei wird, darf der E-Reader nach 25 Pageturnern als echter Saubermann gelten. Aber natürlich nur, wenn man ihn am Ende seiner Lebensdauer fachgerecht recycelt – auch die zumeist enthaltenen Lithium-Akkus gehören nicht in die normale Mülltonne.

Dr.-Ing. René Scheumann: NEIN.
Viele Bücher immer und überall bei sich zu haben, wird als großer Vorteil der E-Book-Reader gesehen. Man muss keine schweren Bücher tragen und spart zunehmend Papier.

Was dabei leider oftmals vergessen wird: Bei Papier handelt es sich um einen erneuerbaren Rohstoff, der, wenn aus zertifiziertem Handel und mit Anteil an Recyclingfasern, ein geringes Potenzial an Umweltwirkungen hat.

Die mögliche Umweltbelastung bei Herstellung der Reader, der Energieverbrauch beim Aufladen und beim Download der Bücher wird ebenso kaum berücksichtigt. Angesichts des Treibhauspotenzials lohnt sich ein E-Book-Reader im direkten Vergleich zum Taschenbuch erst ab dem Lesen von 64 E-Books, um die Emissionen der Herstellung zu kompensieren. Bei einer Anzahl von circa acht Büchern, die durchschnittlich pro Jahr in Deutschland gelesen werden, sollte das Gerät also mindestens acht Jahre genutzt werden. Ob das wirklich so ist, bleibt bisher unbeantwortet.

Ansgar Warner ist Chefredakteur und Herausgeber von E-Book-News, dem größten unabhängigen Onlinemagazin zum Thema elektronisches Lesen

Dr.-Ing. René Scheumann befasst sich am Institut für Technischen Umweltschutz der TU Berlin
mit Nachhaltigkeitsindikatoren, angewandter Öko- und Sozialbilanz sowie Industrienetzwerken

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