Getrennt befragt: Brauchen wir ein Pfand auf Getränkekartons?

Wie ökologisch ist ein Getränkekarton wirklich? Um diese Frage ist ein Streit entbrannt. Umweltaktivisten wollen der Verpackung den Status als ökologisch vorteilhaft aberkennen und fordern ein Pfand, um Kartons zumindest sortenrein trennen und dadurch besser recyceln zu können. Verpackungshersteller weisen sowohl Behauptungen als auch Pfand zurück. Wir haben zwei Streithähne gefragt:

Brauchen wir ein Pfand auf Getränkekartons?

JA

Getränkekartons wurden vor über zwölf Jahren vom Umweltbundesamt als ökologisch vorteilhaft eingestuft. Deshalb sind sie bisher von der Pfandpflicht für Einwegverpackungen ausgenommen. Ihre Umweltbilanz hat sich seitdem jedoch stetig verschlechtert.

Getränkekartons sind deutlich schwerer geworden und bestehen immer mehr aus Plastik und weniger aus Zellstoff. Außerdem werden viel weniger Getränkekartons recycelt als offiziell behauptet wird – nämlich gerade einmal 36 und nicht 71 Prozent. Insgesamt hat sich der Plastikanteil bis heute auf 27 Prozent erhöht. Dem Kunden wird eine Kunststoffverpackung mit Papier­überzug als Getränkekarton verkauft.

Die Gründe, die zu der Einstufung von Getränkekartons als „ökologisch vorteilhaft“ führten, gelten heute nicht mehr. Die bestehende Pfandpflicht für Einwegdosen und -flaschen muss deshalb auch für Getränkekartons gelten.

Thomas Fischer ist Leiter der Abteilung Kreislaufwirtschaft bei der Deutschen Umwelthilfe e.V.

NEIN

Mit nachweislich falschen Behauptungen attackiert die DUH den Getränkekarton seit Jahren. Verpackt wird das Ganze als „neue Studien“. In Wirklichkeit handelt es sich um mehrfach recycelte Hintergrundpapiere, deren Wahrheitsgehalt mit jedem Recyclingschritt geringer wird. Das Umweltbundesamt hat erklärt, dass es keine Veranlassung sieht, die Einstufung des Getränkekartons als ökologisch vorteilhafte Verpackung zu-rückzunehmen. Es wird kein Pfand auf Getränkekartons geben.

Abgesehen davon: Ein Pfand würde zwar zu etwas höheren Recyclingquoten führen, aber eine ökologisch gute Verpackung vom Markt drängen und den Trend zur Plastikflasche beschleunigen. Wegen der vergleichsweise geringen Menge an Getränkekartons wird der Handel wohl kaum neue Automaten aufstellen.

Michael Brandl ist Geschäftsführer des Fachverbandes Kartonverpackungen für flüssige Nahrungsmittel e.V.

Illustrationen Peer Kriesel