Feier und Flamme

Das Müllheizkraftwerk in Ruhleben feiert 50-jähriges Jubiläum – und gehört zu den modernsten Anlagen Europas.

Morgens um sechs Uhr geht es im Müllheizkraftwerk (MHKW)Ruhleben los: Die Müllautos kippen ihren gesammelten Hausmüll in die Müllbunker. Darin sammeln sich meterhoch Berge von jenem Abfall, der nicht recycelt werden kann. 520.000 Tonnen werden jedes Jahr thermisch verwertet. Bei der Verbrennung entsteht Hochdruckdampf, der beim benachbarten Kraftwerk Reuter in Strom verwandelt wird. Die entstehende Wärme wird ins Fernwärmenetz eingespeist.

Die Anlage wurde umfangreich modernisiert und nachgerüstet und gilt heute als eines der effizientesten Müllheizkraftwerke Europas. Aber sie liefert nicht nur Licht und Wärme. Aus den nicht brennbaren Bestandteilen werden Rohstoffe wie Metalle abgetrennt. Aus einer Tonne Hausmüll können über 25 Kilo Metalle in den Wirtschaftskreislauf zurückgeführt werden. Die übrige Schlacke wird als Baustoffersatz eingesetzt und zum Beispiel zur Sanierung der alten Deponien der Berliner Stadtreinigung (BSR) genutzt.

Außerdem helfen die Erlöse aus dem Verkauf des Dampfes die Berliner Müllgebühren dauerhaft niedrig zu halten – und das seit 50 Jahren. Wenn das keine Gründe zum Feiern sind!

AUF DIE DAUER
HILFT MÜLLPOWER

Im Hausmüll steckt grüne Energie. Der BSR-Prokurist und Leiter Abfallbehandlung Dr. Alexander Gosten erklärt, warum Verbrennungsanlagen fast klimaneutral Strom und Wärme liefern.

Was in einem Müllheizkraftwerk passiert, wird mit dem
Terminus „waste to energy“ umschrieben. Was verbirgt sich dahinter?

Die Müllverbrennung ist das einzige Abfallbehandlungsverfahren, das unsere Biosphäre entgiftet. Bei allen anderen Abfallbehandlungsverfahren wird
der chemische und biologische Cocktail des Mülls in der Umwelt verteilt. Das bedeutet: Wenn wir den Abfall – waste – verbrennen, konzentrieren sich die Schadstoffe in den Filterstäuben und die Energie des Abfalls wird in Elektrizität und Wärme – energy – umgesetzt.

Kann eine effektivere Verwertung von Reststoffen den
Ausstieg aus der Atomenergie und/oder der Braunkohle kompensieren?


Leider nein oder nur zum Teil. Ein Atommeiler oder ein moderner Braun­kohlekessel haben eine Leistung von 1.000 bis 1.400 Megawatt (MW). Müllverbrennungsanlagen haben elektrische Leistungen von durchschnittlich 15 bis 60 MW sowie eine Wärmeauskoppelung, weil sie sich in der Stadt oder auf einem Industriestandort befinden. Da es in Deutschland über 100 Abfallverbrennungsanlagen oder Ersatzbrennstoffkraftwerke gibt, tragen sie in der Summe zum „grünen“ Energiemix bei, können aber die elektrische Leistung nicht ersetzen. Dies ist auch nicht die Aufgabe. Hierzu sind andere Energieerzeugungsverfahren vorgesehen.

Warum sind moderne Verbrennungsanlagen
für die Energiewende 2030 in Deutschland bedeutsam?


Der so genannte Siedlungsabfall hat einen biogenen Anteil von bis zu 70 Prozent. Daher ist der Strom und die Wärme fast so klimaneutral wie einige erneuerbare Energien. Die elektrischen Turbinen der Müllverbrennungsanlagen lassen sich sehr schnell aus dem Netz nehmen beziehungsweise bei Bedarf zuschalten. Die Energie wird dann natürlich in Wärme umgewandelt. Die Anlagen sind in ganz Deutschland verteilt und befinden sich häufig im Mittelspannungsbereich. Viele Anlagen können sich nach einem elektrischen Black-out wieder selber hochfahren und das elektrische Netz stabilisieren.

Wie wird in anderen Ländern mit Reststoffen
umgegangen? Ist das MHKW Ruhleben ein Vorbild?


Das MHKW wird pro Jahr von 1.500 Gästen aus aller Welt besucht. Länder mit vielen Müllverbrennungsanlagen haben die höchsten Recyclingquoten. Länder mit wenig oder keinen Müllverbrennungsanlagen haben auch nur geringe Recyclingquoten. Der eigentliche Skandal ist, dass es in Europa noch bis nach 2030 legal ist, den Müll zu deponieren. Dies ist ökologisch in jeder Hinsicht das schlechteste Verfahren und verhindert das Entstehen einer Recyclingwirtschaft, weil Abkippen am billigsten ist.

FOTO  Helicolor  Luftbild Ost GmbH  | PORTRAIT Steffen Siegmund (BSR)

Unser bestes Stück

GUNNAR BÄSLER Projektleiter im Vorstandsbüro, Energie | Umwelt | Innovation der BSR

 

Das Herzstück des Müllheizkraftwerks ist der Kessel der Linie A. Er wurde 2012 in Betrieb genommen und ist einer der größten und modernsten Müllverbrennungskessel in Deutschland. Er läuft rund um die Uhr. Das ganze Jahr über wird der Kessel mit Berliner Hausmüll gefüttert. Der Müllvorrat darf also nie abreißen. Würde das Feuer erlöschen, bräuchte man zum Neuentfachen sehr viel Heizöl, um auf die hohen Betriebstemperaturen zu kommen. Das Müllfeuer brennt mit mindestens 850 °C, meistens herrschen um die 1.000 °C. Durch die Verbrennung wird die chemisch gebundene Energie des Mülls freigesetzt und genutzt, um heißen Dampf zu erzeugen. Aus dem Dampf wird dann über eine Turbine Strom und Fernwärme erzeugt. Da im Berliner Hausmüll viele organische Stoffe enthalten sind, deren Kohlenstoff vorher der Atmosphäre durch Pflanzen entzogen wurde, ist unser Strom deutlich „grüner“ als normaler Netzstrom.


Indem wir fast zwei Drittel des anfallenden Hausmülls der Hauptstadt verbrennen, wird die Stadt nicht nur sauberer, sondern es werden auch etwa fünf Prozent der Berliner Haushalte mit nachhaltiger Energie versorgt.

Historie

1961–64

1961–64

Beginn mit den Planungen nach dem Mauerbau
28. Oktober 1964
Grundsteinlegung durch den Senator für Verkehr und Betriebe Otto Theuner

 

1967

21. Februar 1967

9:15 Uhr: erste Müllauf-gabe am Kessel 4
Ab 1974 werden insgesamt acht Verbrennungslinien betrieben

 

1986–89

Nachrüstung der Rauch­gasreinigung gemäß den Anforderungen der TA Luft 86

 

 

 

1994–96

Neubau Linie 1

 

 

 

1996–99

Umbau und Nachrüstung der Anlage bei laufendem Betrieb, um die erhöhten Anforderungen der 17. BImSchV zu erfüllen

 

 

 

2005

Mit der Umsetzung der TASi (Deponierungsverbot unvorbehandelter Abfälle) wird die Verbrennung von Abfall im MHKW Berlin als wichtiger Baustein der Entsorgungssicherheit ausgewiesen

 

 

2008–12

Planung, Errichtung und Inbetriebnahme der Linie A Außerbetriebnahme der Verbrennungslinien 5–8

 

 

 

2007–17

Umfangreiche, schritt­weise Sanierung von Schlacke- und Müllbunkerbauwerk aus dem Jahr 1967 im laufenden Betrieb

 

 

 

 

FOTO Helicolor  Luftbild Ost GmbH | FOTOS BSR, Jochen Hensel (BSR), Hartwig Klappert

Grüne Energie – goldenes Jubiläum

Seit einem halben Jahrhundert ist das Müllheizkraftwerk Ruhleben in Betrieb und leistet unserer Stadt treue Dienste. Dieses Jubiläum hat die Berliner Stadtreinigung gefeiert.

1967

Derzeit lässt sich nicht alles, was die BSR an Abfällen einsammelt, für die Wiederverwertung nutzen. Daher ist ein Müllheizkraftwerk wie dieses hier in Ruhleben wichtig, um aus dem Restmüll das Beste herauszuholen: grünen Strom, nachhaltige Wärme sowie Wertstoffe. Ich bin froh, dass die BSR laufend in das Müllheizkraftwerk investiert und somit die Ökobilanz stetig verbessert hat.

– Ramona Pop, Berlins Wirtschaftssenatorin und BSR-Aufsichtsratsvorsitzende

Neben dem Festakt am Vortag gab es am 30. September beim Tag der offenen Tür fachkundige Führungen durch die Anlage und eine Schau historischer und neuester Fahrzeuge. Mit Rundfahrten in Müllautos und Kehrmaschinen, Informationen zur Ausbildung bei der BSR, einem bunten Kinderprogramm mit Experimenten, BSR-Kino sowie Food-Trucks war für viel Unterhaltung gesorgt.

2017

 

 

 

FOTOS BSR, Agentur Bildschön, Steffen Siegmund (BSR), Hartwig Klappert