Es braucht ein Unbehagen

Die Wissenschaftlerin Nina Langen hat Graswurzelinitiativen untersucht. Im Interview spricht sie darüber, was die Aktivisten antreibt, welche Fehler sie machen und warum man verzweifelt, wenn man immer nur gegen etwas ist.

Frau Langen, haben Sie überhaupt noch Lust, über Graswurzelbewegungen zu reden?

Wieso nicht?

Weil man manchmal eines Themas überdrüssig wird, wenn man sich lange damit beschäftigt hat.

Bei mir ist meist genau das Gegenteil der Fall. Je mehr ich über eine Sache weiß, desto mehr neue Fragen stelle ich mir.

Mit einem kleinen Team von der Universität Bonn haben Sie sich ein Jahr lang mit Graswurzelbewegungen beschäftigt. Wie haben Sie Ihren Großeltern erklärt, worum es dabei geht?

Wer über Graswurzelinitiativen redet, kann mit Fach­begriffen wie „kollektive Identitäten“, „nicht institutionalisierte Taktiken“ oder „selbstevidente Motivationen“ um sich werfen. Muss er aber nicht. Denn eigentlich ist die Antwort einfach: Es geht darum, dass sich Menschen zusammenschließen, um etwas zu verändern. Oder um Veränderungen zu verhindern. Oder um Veränderungen rückgängig zu machen. Was uns vor allem interessiert hat: was Menschen antreibt, sich auf diese Art zu engagieren. Also haben wir uns mit zahlreichen Gründern von Graswurzelinitiativen unterhalten.

Was stellte sich als wichtiger heraus: dass es etwas gibt, wogegen man ist, oder dass man weiß, wofür man kämpft?

Unser Fazit: Am Anfang braucht es offensichtlich immer ein Unbehagen, eine Unzufriedenheit, einen Konflikt, der einen aufweckt. Am besten ist es dann aber, wenn Sie wissen, was  Sie
nicht wollen, aber auch eine Vorstellung haben, wie es anders gehen soll. Wenn Sie immer nur auf Demos gehen, die irgendwas mit Anti… machen, Hauptsache, dagegen – dann können
Sie verzweifeln. Viele fühlen sich dagegen besser, wenn sie versuchen, die Welt zu verbessern.

Gibt es so etwas wie einen typischen Graswurzelaktivisten?

Sie meinen ein Profil wie: männlicher Großstädter, Mitte dreißig, linksalternatives Milieu, klare moralische Überzeugungen? Nein, das gibt es nicht. Was sich aber sagen lässt, ist, dass es Menschen sind, die sich nicht damit zufriedengeben, dass die Welt so ist, wie sie ist, sondern die aus dem, was sie vorfinden, etwas Besseres machen wollen. Sie sehen sich als Wirklichkeitsgestalter.

Wer gestalten will, braucht Macht. Welche Rolle spielt das?

Es geht den meisten nicht um Macht. Jedenfalls nicht um die Macht, zu regieren oder anderen vorzuschreiben, was sie tun sollen. Es geht eher darum, sich einzumischen, Angebote zu machen für alternative Lebensstile und damit auch dieses Gefühl von Ohnmacht loszuwerden, das heutzutage so viele Menschen empfinden. Jede Graswurzelbewegung ist ein Weg aus dieser Ohnmacht.

Aber kann man die Welt verändern, ohne die Macht zu erobern?

Der Weg an die Macht kann einen verändern. Mancher, der auf dem Gipfel ankommt, ist genau so geworden wie die Mächtigen, die er bekämpfen wollte, als er losgegangen ist. Ich denke, dass das Ziel deshalb eher Aufmerksamkeit sein sollte.
Aufmerksamkeit, die wir selbst aufbringen und die uns von anderen entgegengebracht wird. Sie ist eine Art neue Währung geworden. Wer genug besitzt, hat Einfluss. Wer Dinge verändern will, muss also nicht die Ochsentour in einer Partei machen. Er muss sich Aufmerksamkeit erarbeiten, auch wenn das einstweilen nur punktuell sein mag und wenig machtvoll erscheint.

Wenn es ein Verzeichnis aller deutschen Graswurzelbewegungen gäbe, welche Themen kämen am häufigsten vor?

Es gibt ganz klar Modethemen. Schon seit einer Weile ist das alles, was mit Ernährung oder unserer Wegwerfgesellschaft zu tun hat.

Warum gehen so viele Graswurzelbewegungen wieder ein?

Tatsächlich halten einige nicht länger als drei, vier Jahre durch. Warum?
Manche sind stark abhängig von einer charismatischen Führungsperson. Wenn derjenige abspringt, machen die Verbleibenden selten lange alleine weiter. Andere haben eine Art kollektive Führung. Fängt
da plötzlich jemand an, sich über die anderen zu stellen, ist auch da das Scheitern so gut wie sicher. Andere Gruppen wiederum schaffen keine lebendige Community, die ausstrahlt. Oder die Mitglieder haben keine Zeit mehr. Kommen in eine Lebensphase, in der sie auf einmal ein anderes Thema drängender interessiert als das, mit dem sie mit ihrer Initiative angetreten sind. Oder sie verlieren ihren Antrieb, weil Erfolgserlebnisse ausbleiben und sich langsam das Gefühl einstellt, doch nichts verändern zu können. Und auch wenn es banal klingt: Viele merken einfach irgendwann, dass sie für ihr Enga­gement mehr Geld bräuchten.

Das klingt, als ginge es Graswurzelaktivisten nicht nur darum, dass es andern besser geht, sondern vor allem um sich selbst?

Natürlich können die Ziele rein altruistisch sein. Müssen sie aber nicht. Vielen geht es auch darum, mehr im Einklang mit den eigenen Werten und Bedürfnissen zu leben. Oft zeigt sich dann schnell, dass sich die eigenen Wünsche mit denen an­derer Menschen decken.

Und das macht die Graswurzelbewegung stärker?

Korrekt. Wenn auch nicht unbedingt zahlenmäßig. Dazu müssten die Gleichgesinnten sich ja ebenfalls engagieren. Aber wer spürt, dass die eigenen Ziele auch die Ziele vieler anderer sind, der ist stärker motiviert. Was bei allen Initiativen, die wir uns angeschaut haben, schnell deutlich wurde, ist: Anerkennung ist extrem wichtig. Außerdem Freiraum, um sich engagieren zu können. Wer das verstanden hat, der kann sinnvolle Initiativen zielgerichtet fördern.

Wie wird eine Initiative erfolgreich?

Damit Graswurzelbewegungen tatsächlich für einen Wan­del sorgen, müssen, verkürzt gesagt, drei Dinge passieren: Motivierte Individuen müssen sich engagieren, eine funktionierende Gruppe bilden und es so schaffen, gesellschaftliche Strukturen zu ändern.

Wo hat das nicht funktioniert?

Es gibt in Deutschland so genannte Carrotmobs. Die Idee stammt aus den USA. Mob steht für Massenversammlung. Die Karotte im Namen kommt von der englischen Redensart „carrots and sticks“ – was auf Deutsch so viel heißt wie „Zuckerbrot und Peitsche“. Dazu müssen Sie sich einen Esel vorstellen, dem jemand mit einer Angel eine Möhre vor die Nase hält und ihn so dazu bringt, dass er in eine gewünschte Richtung trabt. Ein Carrotmob läuft so: Die Organisatoren bringen möglichst viele Leute dazu, in einem Laden zu kaufen, und der Inhaber verpflichtet sich, mit einem Teil des Tagesumsatzes sein Geschäft umweltfreundlicher umzubauen.

Kollektiver Kaufrausch für den Klimaschutz?

Sozusagen. Jedenfalls das Gegenteil eines Boykotts. Die Carrotmobber sagen nicht: Ich bestrafe dich, weil du etwas tust, das ich nicht gut finde. Sie sagen vielmehr: Ich hätte gerne, dass du klimafreundlicher wirst, und belohne dich dafür – und zwar über meinen Geldbeutel. Das Problem ist, dass man mit dieser Aktionsform Geschäftsleute begeistert, die sich ohnehin schon für Nachhaltigkeit interessieren. Und dass die Carrotmobs fast immer in kleinen Läden stattfinden. So bewirken die Aktionen zwar im Kleinen etwas, aber in der Fläche nichts. Das führt dazu, dass die lokale Bewegung nach einer Hand voll Carrotmobs meistens einschläft.

Aber warum sprechen die Organisatoren nicht einfach eine große Supermarktkette an und verpflichten diese, nach einem Carrotmob keine Plastiktüten mehr zu verkaufen. Oder bringen zigtausend Leute dazu, bei einer bestimmten Textilkette einzukaufen, die im Gegen­zug mehr Klamotten aus ökologisch und fair produ-zierter Baumwolle ins Sortiment nimmt?

Weil es dafür mehr Einfluss bräuchte. Ein bundesweites Netzwerk zum Beispiel. Doch das aufzubauen, haben die Carrotmobber bisher nicht geschafft.

Haben Sie ein Beispiel für eine erfolgreiche Initiative?

Schauen wir dafür das Problem der Lebensmittelverschwendung an. Um das Thema gibt es einen regelrechten Hype, seit der Regisseur Valentin Thurn 2011 den Dokumentarfilm „Taste the Waste“ gemacht hat, später mit seinem Film „Die Essensretter“ und einigen Büchern nachlegte und dann auch noch die Tauschplattform Food­sharing ins Leben rief.

Wer Lebensmittel übrig hat, kann sie dort an Menschen weitergeben, die sie brauchen können.

Fast alle Zeitungen, Radiosta­tionen und Fernsehsender in Deutschland haben darüber berichtet. Damit rückte das Thema immer stärker in den Vorder­grund und schaffte es schließlich auch auf die politische Agen­da. Plötzlich gab es Debatten um das Mindesthalt­barkeitsdatum. Es folgten reihenweise öffentliche Ver­anstaltungen. Umweltorganisationen schalteten sich ein. Die Gastronomie sprang auf das Thema auf. Das Bundeslandwirtschaftsministerium startete Kam­pagnen. Inzwischen befassen sich in ganz Europa Gruppen mit dem Problem Lebensmittelverschwendung. Aus Valentin Thurns Initiative ist eine Art Graswurzel-Internationale geworden.

Soll heißen, ein Projekt wird entweder ganz groß – oder es funktioniert nicht?

Muss man es in den Mainstream schaffen, wenn man wirklich etwas verändern will? Hm. Gegenfrage: Ist eine Initiative nur dann erfolgreich gewesen, wenn sie eine gesellschaftliche Veränderung angestoßen hat? Hat sie nicht auch etwas erreicht, wenn sie am Ende lediglich bei denen, die mitgearbeitet haben, etwas bewirkt hat?

Was unterscheidet Graswurzelinitiativen heutzutage von denen der 1980er-Jahre?

Vielleicht sind sie ideologiefreier als damals. Vielleicht gibt es weniger Heilslehren und romantische Weltformeln, bei denen es darum geht, das einzig Richtige zu tun. Aber das müsste man erst wissenschaftlich untersuchen. Der größte Unterschied ist wohl, dass die Arbeit nicht mehr nur auf den Straßen stattfindet, sondern auch mittels digitaler Technologien.
So viele Menschen und verschiedene Anliegen es auch gibt, sie alle haben ein gemeinsames Werkzeug: das Internet. So kommt es, dass manche Bewegungen auf zwei Ebenen gleichzeitig arbeiten können: lokal und weltweit.

Mag sein, dass neue Medien die Arbeit von Graswurzelaktivisten erleichtern und beschleunigen können. Aber ist es nicht so, dass sich der Effekt in global vernetztem
Mediengebrauch, Dauerkommunikation und Informationsüberflutung ebenso rasch wieder verläuft?

Sicher. Medien können die soziale Basis einer Bewegung nicht ersetzen. Ohne die Menschen auf den Straßen finden Revolutionen auch im 21. Jahrhundert nicht statt.

INTERVIEW Max Gehry | FOTO Stephan Pramme