Erichs Glaspalast

Und dann gibt es den Moment, in dem er dann doch ein bisschen ärgerlich wird. Anderthalb Stunden ist Erich Bast nun die langen Sortierbänder abgeschritten, hat an jedem Scherbenhaufen Halt gemacht und so einfach wie bei der Sendung mit der Maus erklärt, wie er mit seinen gut drei Dutzend Mitarbeitern hier tagtäglich Altglas sortiert. Und am Ende kommt sie doch wieder, die Frage, warum man sein leeres Gurkenglas zuhause brav in die Tonne für Weißglas und eine Weinflasche in die Bunt­­glastonne werfen soll, wenn beim Abholen alles in einem Laster zusammengekippt wird. Dabei ist die Antwort so einfach.

Erich Bast, 54, ist Chef der Altglasaufbereitungsanlage in Bennstedt bei Halle. Von den knapp 70.000 Tonnen Altglas, die jährlich in Berlin eingesammelt werden, landet ein Großteil bei ihm. Hinzu kommt der Inhalt von Glascontainern in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. „Damit die Glashütten daraus neues Glas machen können, müssen die Scherben nach Farben sortiert werden“, erklärt Bast, ein Mann in Jeans und Polo-Hemd unterm blauen Arbeitskittel. „Und
natürlich“, sagt Bast, „müssen wir hier alles rausholen, was nicht aus Glas ist.“

Dafür legen die Bruchstücke von Steglitzer Saftflaschen, Pankower Parfümflakons oder Marmeladengläsern aus Mitte hier im Salzatal einen langen Weg zurück. Vom Platz vor der Sortierhalle, wo Laster ihre Fuhren getrennt nach Glasfarbe in riesige Buchten kippen, schaufelt ein Radlader-Fahrer Portionen auf ein Förderband. Anschließend wird der Strom in der Halle immer wieder durch Siebe gerüttelt und rauscht unter Sensoren, Kameras und Magneten durch, bis Kronkorken, Folienfetzen, Papierreste oder Keramik­scherben herausgefiltert sind.

„Wenn ich zuhause eine neue Wasserflasche aus dem Kasten ziehe, dann bin ich echt stolz auf unsere Arbeit.“

„Fertig für den Schmelzofen“, sagt Bast und zeigt auf die Haufen aus weißen, grünen oder bräunlichen Scherben, die wieder auf Lkw verfrachtet werden. 100.000 Tonnen Recyclingglas rollen von hier aus pro Jahr in die Glashütten.

Als Jahrgang 1960 gehört Bast zu denjenigen, deren Arbeitsleben sich in eine Zeit vor und eine Zeit nach der Wende teilt. Während für viele ihr erstes Leben mit der Wende zu Ende ging, scheinen bei Bast lediglich ein paar Wörter andere geworden zu sein. So war er vor der Wende als technischer Leiter beim Kooperationsverband Halle-Saale-Obst für Apfel-Sortier­anlagen zuständig. Heute steht Rhenus Recycling Ost GmbH & Co. KG und Geschäftsführer auf seiner Visitenkarte. Sortieren aber war Basts Arbeit und ist es geblieben.

Glasrecycling ist ein Paradebeispiel der modernen Kreislaufwirtschaft. Denn Glas lässt sich beliebig oft einschmelzen und neu gießen, ohne Qualitätsverluste. Im Gegensatz zu früher setzen die Hütten statt Quarzsand heute Altglasscherben als Hauptbestandteil ein. Bei der Herstellung von Grünglas beispielsweise liegt der Scherbenanteil bei bis zu 90 Prozent. Weil die Scherben schneller schmelzen als die klassische Mineralien­mischung, muss weniger verfeuert werden, um das Gemenge auf mehr als 1.000 Grad zu erhitzen. Das spart Energie und Rohstoffe.

Obwohl wir Deutschen so etwas wie Europameister im Gläser-Sortieren sind, gibt es immer wieder Verschwörungstheorien: Das bringe ja doch nichts. Beim Abholen werde ohnehin alles in einem Laster zusammengekippt.

Ob das wirklich stimmt, ist also jene Frage, die Erich Bast am Ende doch ein wenig sauer werden lässt. Vielleicht, weil er sie schon so oft gehört hat. Vielleicht, weil er gerade anderthalb Stunden lang versucht hat, zu erklären, warum das Vorsortieren zuhause unabdingbar ist: Schon eine einzige grüne Flasche kann beim Glasmachen 500 Kilogramm Weißglas verfärben. „Kann schon sein, dass man vom Balkon aus nur sieht, wie der Inhalt der Glascontainer zusammengeworfen wird“, sagt Bast. „Aber der Abhol-Laster hat im Inneren getrennte Kammern.“

Text: Max Gehry | Foto: Stephan Pramme