Die neue Art zu Waschen

Unsere Autorin Maria Schmied wollte eine Woche ohne Erdölprodukte leben. Ein fast unmöglicher Selbstversuch.

„Können Sie mir den Käse auch hier in mein Glas packen?“, frage ich den Markthändler am Käsestand. Er guckt mich verwundert an. Ich versuche zu erklären: „Ich möchte probieren, meinen Alltag ohne Plastik zu gestalten“, und reiche ihm ein Glas aus meinem Jutebeutel. Er fummelt umständlich ein Stück Papier aus einem Schrank und reicht mir den Käse. „Na dann viel Glück!“

Der skeptische Blick des Käsehändlers ist verständlich. Wir leben in einer Welt des Plastiks. Es umgibt uns überall. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts hat es sich vom Ersatzstoff für teure und seltene Naturprodukte zu einem eigenständigen Material mit spannenden Eigenschaften etabliert. Kunststoff steckt in Verpackungen, Kleidungen, Gummis. Sogar im Essen. Und das ist problematisch: Weil Erdöl das Ausgangsmaterial ist, sind Kunststoffe nicht biologisch abbaubar, sodass sich unglaubliche Mengen davon in unseren Meeren sammeln und Giftstoffe an sich binden, Mikroplastik wird von Tieren gefressen und gelangt so in die Nahrungskette, Alltagsgegenstände enthalten Weichmacher mit unberechenbaren Folgen für Mensch und Umwelt. Das schmeckte mir schon lange nicht mehr. Aber: Ginge es denn auch ohne? Ich wage den Selbstversuch – eine Woche jenseits der Plastikwelt.

Der erste Morgen beginnt direkt mit dem ersten Verstoß beim Schlag auf den Plastikwecker. Ich räkle mich von meiner Plastikmatratze hoch, gehe über meinen Plastikboden und mache mein Fenster mit Plastikgriff und -rahmen auf! Verdammt! Ich habe keine Ahnung, wie ich es anders lösen soll mit dem Schlafen und Wachwerden: Mein Handy enthält auch Plastik. Und mich von meiner Mitbewohnerin wecken zu lassen, gilt nicht – sie hat ja auch einen Plastikwecker. Die Probleme gehen weiter im Bad: Wie soll ich meine Zähne putzen? Es gibt doch ausschließlich Zahnbürsten mit Plastik oder in Plastik verschweißt. Aber es gibt Zahnpasta als feste Tabs, die man nur im Mund zerkauen und mit einer nassen Zahnbürste aufschäumen muss. Die ist sogar in Papier verpackt. Genau wie meine gewöhnliche Seife. Und das Handtuch besteht aus reinen Baumwollfasern. Im Bad brauche ich sowieso nicht lange: Schminken kann ich mich nicht, weil fast alle Produkte plastikverpackt sind (auch wenn ich es gerade sehr, sehr gerne tun würde), und statt Haare föhnen und bürsten muss eine Zehnfingerfrisur reichen. Haartrockner und Kamm sind natürlich auch aus Plastik. Deo gibt es zum Glück auch in fester Form und unverpackt, in Papier bzw. im Baumwollsäckchen, zu kaufen.

Die Entscheidung bei der Kleiderwahl fällt heute auch leicht, denn Klamotten ohne Kunstfasern gibt es erstaunlich wenig zu finden. Ich empfinde mich nicht gerade als das modische Highlight mit meinen Baumwoll-Shirts und Jeans. Aber immerhin regnet es heute nicht, da kann ich das Problem einer plastikfreien Regenjacke vertagen.

Schon am zweiten Tag bin ich von den wenigen Klamotten ohne Kunstfasern in meinem Schrank gelangweilt. Ich habe beim Einkauf zu wenig auf die Inhaltsstoffe geachtet, muss ich mir eingestehen. Eigentlich finde ich, dass sich reine Baumwolle gerade im Sommer so schön auf der Haut trägt, und trotzdem herrscht in meinem Kleiderschrank eine Flut an Plastikkleidung. Nun, generell verteufeln darf man Polyester nicht, denn häufig wird es aus PET-Flaschen gewonnen und diese so recycelt. Auch die Herstellung von Naturfasern, wie der Baumwolle, ist nicht unproblematisch. Der Anbau und das Färben der Fasern geschehen oft unter menschenunwürdigen Bedingungen, Gifte gelangen auch dabei in die Umwelt und in unsere Körper. So stellt sich natürlich die Frage, ob es sinnvoll ist, auf Kunststofffasern zu verzichten. Nichtsdestotrotz sind Polyester, Elasthan und Co. für mich in dieser Woche natürlich nicht erlaubt. Anders als Viskose, dessen Grundstoff Cellulose aus Sägespänen gewonnen wird. Meine erste Lektion habe ich gelernt: Ich sollte generell mehr darauf achten, Klamotten seltener, hochwertiger, fair, secondhand und ökologisch zu kaufen.

Der dritte Tag beginnt und das Unbehagen mit der geringen „Auswahl“ meiner Kosmetika ist geblieben: Seife und Seife und Seife. Ich sehe mich um nach Alternativen und siehe da: Einige Anbieter verkaufen auch Shampoo und Spülung in fester Form. Auch eine Holzbürste mit Naturborsten für meine Haare wird doch noch aufzutreiben sein. Oder so ein Miswak-Zweig als Alternative? Während ich die ersten Tage meine schweren, dichten Haare stets offen tragen musste, weil ja auch alle Haargummis plötzlich tabu waren, habe ich sie jetzt mit einem Baumwollband zu einem guten alten Zopf zusammengebunden. Auch wenn das Band sich immer wieder mal verabschiedet, ich habe mich selten so sehr über einen „Haargummi“ gefreut. Das macht Spaß! Und es macht mich ein bisschen nachdenklich. Häufig sind die Lösungen doch sehr einfach. Nur aus Gewohnheit und weil wir uns schon gar nicht mehr die Mühe machen, nach Alternativen zu suchen, verwenden wir viele Plastikprodukte. Eine simple Haushaltsseife und Holzbürsten mit Naturborsten reichen zum Spülen völlig aus. Das macht weder mehr Aufwand noch Mühe. Zum Abwaschen entdecke ich die wundersame Kraft von Kastanien: Sie enthalten waschaktive Sapoine und man kann daraus Spülmittel herstellen. Genial, denke ich, vielleicht lässt sich noch eine letzte im Stadtpark finden. Und tatsächlich: sogar zwei davon! Ich wasche, zerhacke und schnipple sie, gieße das Gebrösel mit Wasser auf und sehe es schon schäumen. Jetzt noch eine Nacht warten… und fertig! Es kann so einfach sein, Verpackungen zu sparen, wenn man nur ernsthaft will.

Immer wieder ärgere ich mich jetzt auch über die Unmengen Plastik, mit denen ich so alltäglich konfrontiert bin. Ich sehe Menschen, die ihre Einkäufe in verschiedensten Plastiktüten nachhause tragen, wobei eine sicherlich auch gereicht hätte, und auch die hätte man sich mit einem gewöhnlichen Jutebeutel noch sparen können. Das mit dem abgepackten Obst und Gemüse, vor allem bei Bioprodukten, nervt mich ja schon lange. Deshalb habe ich auch die großen Supermarktketten angeschrieben und gefragt, warum das denn unbedingt sein muss. Ihre Antwort, verständlich, aber doch nicht ganz problemlösend: Die Kassierer müssen an der Kasse die Möglichkeit haben, die Produkte zu unterscheiden. Sehe ich ein, aber trotzdem will ich da nicht mitspielen (und kann es diese Woche auch gar nicht) und sehe mich deshalb anderweitig um: Bio-Supermärkte, kleinere türkische und asiatische Läden und der ganz gewöhnliche gute alte Wochenmarkt.

So wird mein plastikfreies Leben leichter und an vielen Stellen machbar. Im Bio-Supermarkt kann ich beinahe jedes Gemüse selbst in Papiertüten verpacken. Mit dabei habe ich immer:
Leinentaschen, alte Papiertüten vom Bäcker und Schraub
gläser, obwohl diese ja eine Kunststoffdichtung haben. Da ich sie wiederverwerte, will ich mal darüber hinwegsehen. Ich recherchiere viel mit dem Laptop – ja, ich weiß, der enthält Plastik, aber für meine Arbeit und den Blog ist er zwingend notwendig (www.rehab-republic.org/blog). Dabei habe ich das Projekt der verpackungsfreien Supermärkte entdeckt (siehe Titelgeschichte). Dort kann man Waren, die man kaufen möchte, in mitgebrachte Behälter füllen und nach Gewicht bezahlen. Schade, schade, dass es so etwas noch nicht in meiner Nähe gibt. Ich wäre sofort dabei!

Tag vier und es heißt endlich wieder Kaffeezeit! Seit Tagen habe ich mich danach gesehnt, aber eine Kaffeemaschine zu benutzen, war für mich natürlich tabu. In einem kleinen Kaffee- und Teeladen habe ich mir das Pulver in ein altes Glas abfüllen lassen, das Wasser im Metalltopf gekocht und durch einen Porzellanfilter in eine Porzellantasse gegossen. Es ist gar nicht so umständlich, wie ich am Anfang dachte. Und befreiend.

Am fünften Tag steht der Wohnungsputz an. All die Wischtücher, Wischer, Schwammtücher, Putzmittel, Eimer, Schwämme sind nicht nur in Plastik verpackt, sondern größtenteils auch aus Plastik hergestellt. Wie soll ich ohne die denn jetzt loslegen? Die ganze Woche war ich ratlos – bis mich der wahrscheinlich einzig sinnvolle Gedanke gepackt hat: Warum so viel? Warum so viele unterschiedliche Mittelchen? Baumwolltuch und Seife tun’s doch wohl auch! Noch ein bisschen Essigessenz und – Achtung! – die Wiederentdeckung schlechthin: Natron. Damit gewappnet und mit stolzgeschwellter Brust aufgrund absolut ungiftiger Putzhelferchen mache ich mich an die Arbeit. Alles glänzt am Ende und ich kann keinen Unterschied zu den herkömmlichen Mitteln erkennen. Mein Rücken beschwert sich ein bisschen über das viele Herumrutschen am Boden, das ohne Eimer und Wischer ja auch nötig war. Ich muss das nicht unbedingt noch einmal machen, doch ich bin begeistert von der Kalklöse- und Polierkraft von Essig und Natron. Den Geldbeutel kann man damit auch noch schonen.

Auf Tag sechs freue ich mich: Einkaufen auf dem Markt. Händler, ihr unverpacktes Gemüse und ich. Das könnte ein Paradies sein – wären da nicht all die kleinen Plastiktüten, in die alles verpackt werden soll. Immer wieder komme ich so in Diskussionen mit den Händlern. Ich ernte seltsame und unverständliche Blicke. Am Gemüsestand besteht eine Händlerin partout darauf, dass ich die Äpfel mit der Tüte nehme. Ist besser so, sagt sie. „Nein, danke“, sage ich, doch es hilft nichts. Meine Mitbewohnerin, die mich begleitet, lacht laut und sackt die Äpfel ein. Ich gebe mich geschlagen – diesmal. Bei anderen Händlern haben wir mehr Glück und können ein tolles Essen kochen.

Die Zeit am Wochenende macht mir klar, wie sehr man in seinen Freizeitbeschäftigungen, so ganz ohne Plastik, eingeschränkt ist. Sportklamotten und Sportschuhe, Fahrrad und überhaupt die Verkehrsmittel (Bus, Bahn, Auto, wo auch immer: überall Plastikknöpfe und -teile). Auch in den Cafés benutzt man ja die Kaffeemaschine mit den Plastikteilen und so bleibt mir nur die Möglichkeit eines Spaziergangs, um das ausnahmsweise schöne Wetter zu genießen.

Dabei lasse ich die Woche Revue passieren: Es war am Anfang sehr anstrengend und zeitaufwändig, nach sinnvollen Alternativen zu Erdölprodukten zu suchen. Immer noch ärgert es mich, dass ich an einer plastikfreien Lösung für Klopapier und Zahnbürste gescheitert bin. Gerade Klopapier ist doch aus Papier und muss doch auch nicht frisch bleiben. Wieso denn dann keine Papierverpackung mehr, wie es sie doch mal gegeben hat? Und das mit der Zahnbürste ist auch so ein Ding: Es gibt sie aus Holz und mit Naturborste und ich war auch gewillt, sie zu kaufen. Jedoch gab es sie im Versand nur in Plastik eingeschweißt, was nun ja nicht Sinn der Sache ist. Aber wenn wir uns ein bisschen auf die Suche danach machen, an welchen Stellen wir eigentlich von Kunststoffen erstickt werden, und uns aus den eigenen Konsumroutinen herausbewegen, dann tun wir nicht nur den Rohstoffen und der Umwelt einen Gefallen: sondern auch uns.

TEXT/FOTOS Maria Schmied