Easy Metal in Bad Säckingen

Assietten, Chipstüten, Kaffeekapseln: Fliegt eine Aluverpackung in den Müll, landet sie bei Jörg Weier. Sein Team sorgt dafür, dass aus Abfall wieder etwas Neues wird.

Am Tag, als alles anfing, stand Jörg Weier im Anzug im Dreck. Ausbildung zum Industriekaufmann in den Metallhüttenwerken Bruch – ja, das hatte bestimmt mit Hitze, Dampf und Schmutz zu tun, aber doch nur für die anderen Lehrlinge, die Mechaniker oder Werkstoffprüfer werden wollten, dachte sich der damals 20-Jährige. Industriekaufmann, das klang dagegen nach Einkaufs­listen, Gehaltsabrechnungen und den für die Büros der 1980er-Jahre obligatorischen Zimmerpflanzen. Also warf sich Weier, mit einem Handelsschulabschluss in der Tasche, für seinen Start als Stift gehörig in Schale. Doch statt ihn wie erwartet vor einen Stapel Abrechnungsbögen zu setzen, schickte ihn der Ausbilder erstmal ins Lager. „Da stand ich dann“, erinnert sich Weier, „im feinen Zwirn und mit schmutzigen Händen in einer Schrotthalle in Dortmund-Eving und dachte: Ach du Scheiße.“

Heute ist Jörg Weier 49 Jahre. Aus dem zu gut gekleideten Lehr­ling in der letzten und inzwischen pleitegegangenen Schmelzschmiede Dortmunds ist einer von drei Geschäftsführern bei einer der größten deutschen Aufbereitungsanlagen für Verpackungsaluminium geworden: Alunova Recycling mit Sitz im baden-württembergischen Bad Säckingen.

Zwischen damals und jetzt liegen nicht nur fast drei Jahrzehnte und 600 Kilometer – vom Norden Dortmunds an die Grenze zur Schweiz –, Weiers Weg steht auch für die Entwicklung, die die Aluminiumbranche in dieser Zeit genommen hat. Denn Rohaluminium wird mittlerweile zwischen Rügen und der Zugspitze immer weniger produziert. Im Gegenzug aber sind die Zahlen beim Aluminiumrecycling gewachsen. Grund dafür: Aluminium gewinnt man üblicherweise aus Bauxit, das nach dem Ort Les Baux-de-Provence in Südfrankreich benannt wurde, wo es der Geologe Pierre Berthier 1821 entdeckte. Die Herstellung ist aufwändig und energieintensiv. Für eine Tonne sind vier Tonnen Bauxit nötig und 15.000 Kilowattstunden – das ist zehn Mal so viel Strom wie ein Ein-Personen-Haushalt in einem ganzen Jahr verbraucht. Für Recyclingaluminium dagegen wird kein einziges Gramm Bauxit benötigt und 95 Prozent weniger Energie als bei der Erstherstellung. „Von den schätzungsweise 900 Millionen Tonnen, die seit Ende des 19. Jahrhunderts weltweit produziert wurden, sind etwa drei Viertel noch immer im Gebrauch – sie stecken in Gebäuden, Maschinen, Kabeln, und ein Teil davon hat schon etliche Recyclingprozesse durchlaufen“, sagt Weier.

Aluminium aus Schiffen, Flugzeugen, Autos? – Darum kümmern sich andere, Alunova recycelt Verpackungen. Weiers Problem: Bei den Verpackungen, die er geliefert bekommt, ist das Aluminium mit einem anderen Material verbunden. Ein leerer Tablettenblister besteht aus Kunststoff und Aluminium. Butter ist verpackt in Papier, das mit Aluminium beschichtet ist. Deshalb wird alles geschreddert, gerüttelt, gesiebt, Fremdstoffe aussortiert und das verbleibende Material so erhitzt, bis Kunststoff zu Gas und Papier zu Kohlenstoff wird. Ohne das Gas (wird abgesaugt) und den Kohlenstoff (wird herausgefiltert) bleibt Aluminiumgrieß übrig. Den liefert Weier je nach Korngröße an Firmen, die Schmiermittel, Wärmeleitpasten oder Bremsbeläge herstellen oder einschmelzen, gießen, walzen und in neue Formen pressen.

Die Aufbereitung klingt simpel, ist aber hoch kompliziert. Jörg Weier ist dabei für den Handel zuständig. Er sorgt dafür, dass aus den Sortieranlagen immer genügend Verpackungen kommen und dass aus den Alukörnern anderswo schnell wieder ein neues Aluminiumprodukt wird. Die Recyclingquote für Aluverpackungen liegt in Deutschland bei 89 Prozent. Seinen Dienst könnte er vom Büro aus machen. Doch Weier ist niemand, der glücklich würde, wenn er den ganzen Tag ausschließlich Zahlen jonglierte. Er setzt sich kurzerhand auf einen Stapler, wenn mal wieder ein paar Dutzend 1.000-Liter-Säcke zügig verladen werden müssen – und steht dann im Sakko zwischen Aluminiumgrieß. „Wenn ich als Lehrling eines gelernt habe“, sagt Weier, „dann, dass du dir nicht zu schade sein solltest, anzupacken.“

TEXT Max Gehry | FOTOS Foto Forstmeyer