Ein Erdschiff wird kommen

Es gibt Häuser, in denen eine Utopie wohnt: das autarke Leben.
Die „Earthships“ des Amerikaners Mike Reynolds galten lange als verrückte Hippie-Idee – bis der Wirbelsturm Katrina kam.

„Wenn man Dreck dicht genug in alte Autoreifen packt, entsteht ein Baumaterial mit erstaunlicher Wärmedämmung.“  Mike Reynolds, „Garbage Warrior“

So sieht also ein Müllkrieger aus. Mike Reynolds fährt mit einem Motorrad durch die Wüste, seine weißen, langen Haare flattern im Wind, hinter seinen gelben Brillengläsern funkelt
die Angriffslust. Seit 40 Jahren führt er nun schon einen Kampf, von dem er manchmal glaubte, ihn nicht gewinnen zu können: das Recht auf wahrhaft autarkes Leben. Reynolds ist kein Aussteiger, sondern Architekt und hat eine völlig neue Art von Häusern erfunden: Earthships. Das sind passive Gebäude aus recycelten und natürlichen Materialien wie beispielsweise Auto­reifen, Plastikflaschen und Lehm. Sie kommen ohne Wasser-, Strom- und Kanalisationsanschluss aus, weil das Haus alles selbst produziert. Die Energie stammt von Sonnenkollektoren und einem Windrad, das Wasser wird aus Regen und Schmelzwasser gewonnen und in einer Natur-Kläranlage gereinigt. Weil das Erdschiff an einem künstlichen Hang von drei Seiten von Erde umschlossen ist, herrscht im Inneren ein konstantes Klima. Innen und außen wachsen Kräuter, Obst und Gemüse. Es ist ein eigenes Biotop – und das ist auch das Problem.

Denn die revolutionäre Idee des unabhängigen Wohnens wider­spricht den Bauauflagen der USA und denen der meisten europäischen Länder. Autoreifen zu verbauen, gilt häufig als illegale Entsorgung, und eigene Kläranlagen sind fast überall verboten. Reynolds führte mehrere Prozesse, eine Earthship-Kommune musste aufgelöst werden, der Bauherr verlor zwischenzeitlich seine Lizenz als Architekt. „Wenn du dein eigenes Energie-, Wärme- und Wassersystem erschaffst, machst du deine eigene Politik“, sagt er. „Vielleicht ist es das, wovor sie Angst haben.“

Erst als Reynolds mit seinen Bautrupps in armen Ländern und in Katastrophengebieten, die beispielsweise vom Wirbelsturm Katrina verwüstet wurden, zeigte, dass man aus den Trümmern Häuser bauen kann, ließen sich die Behörden allmählich auf Sondergenehmigungen ein. Dabei ist auch der Dokumentarfilm „Garbage Warrior“ entstanden, der Reynolds‘ Arbeit und Kampf mit der Kamera nachverfolgt. Mittlerweile gibt es in den USA ganze Siedlungen in Earthship-Bauweise – allen voran die „Greater World Earthship Community“ im US-Bundesstaat New Mexico. Auf den folgenden Seiten stellen wir ein paar der Erdschiffe vor.

TEXT Clara Bergmann | Fotos Thomas Schulz und Kirsten Jacobsen

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