Die Routenplanerin

Jeder Stecknadelkopf ist eine Zwischenstation. An manchen Stellen auf der Landkarte sitzen die Nadeln so dicht, dass kaum eine Hand zwischen sie passt, anderswo dagegen stecken sie unterarmlang entfernt. Es sind fast 70 Nadeln, die Köpfe haben zwei Farben: Schwarz für die Sortieranlagen zwischen Rügen und Zugspitze, in denen Abfall auseinanderklamüsert wird. Und Grasgrün für die Papierfabriken, die aus den leeren Getränkekartons etwas Neues machen. Der Abstand zwischen Schwarz und Grün ist ein Stück Weg im Rohstoffkreislauf.

In einem Büro der Firma ReCarton in Berlin-Mitte sitzt Britta Falke. Hier hängt die fast drei Quadratmeter große Deutschlandkarte mit den Stecknadelköpfen. Die 44-Jährige braucht die Karte, denn sie braucht den Überblick, wenn sie von hier tagtäglich managt, dass die leeren Verpackungen von den Sortieranlagen zu den Papierfabriken kommen – zum richtigen Zeitpunkt, in der benötigten Menge und in guter Qualität. Nur wenn alles reibungslos läuft, können aus dem Papier von alten Milchkartons neue Pizzaschachteln oder Wellpappe entstehen.

„Disponentin“ steht auf Falkes Visitenkarte. Aber eigentlich könnte da auch „Routenplanerin“ stehen. Denn für das Recycling von Getränkekartons in Deutschland ist sie so etwas wie das lebende Navigationssystem. 100 Lkws schickt sie jede Woche quer durch die Republik, dirigiert so pro Jahr rund 130.000 Tonnen, von einer Stecknadel mit einem schwarzen Kopf zu einer Stecknadel mit grünem.

Ohne Britta Falke liefe das Recycling von  Getränkekartons in Deutschland nicht rund.

Getränkekartons sind leicht, handlich, wiederverschließbar – und damit ziemlich praktisch. Kein Wunder, dass die Deutschen jedes Jahr mehr als neun Milliarden Stück aus den Supermärkten tragen. Vor allem bei Milch greifen die meisten viel öfter zum Karton als zur Flasche. Ein guter Griff, wie das staatliche Umweltbundesamt findet. Weil der beschichtete Faltkarton zum größten Teil aus Papier, einem nachwachsenden Rohstoff, besteht, fällt seine Ökobilanz gut aus. „Die Recyclingquote liegt bei rund 70 Prozent“, sagt Britta Falke.

Bevor Britta Falke dafür sorgen kann, dass die recycelten Fasern leerer Getränkekartons im Papierwerk frischen Zellstoff ersetzen, müssen viele andere Menschen ihren Job gut machen: Die Müllmänner zum Beispiel, die die Wertstofftonnen aus Hinterhöfen ziehen und kippen. Die Leute in den Sortieranlagen, die die Materialien auseinanderdividieren und zu 500 Kilogramm schweren Würfeln pressen. Dann erst kann Britta Falke Fahrer losschicken, die die kubikmetergroßen Pakete aus alten Saft-, Sahne- und Soßenkartons per Lkw zu den Papiermachern bringen. In den Papierfabriken werden die langen, reißfesten und damit besonders hochwertigen Zellulosefasern zurück­gewonnen. Die geschredderten Getränkekartons werden in eine XXL-Waschmaschine gekippt, in der sich das Papier von den hauchdünnen Schichten aus Kunststoff und Aluminium löst, die den Karton zuvor dichtgemacht und seinen Inhalt vor Licht und Luft geschützt haben. Anschließend wird der Faserbrei zu einer Kartonmaschine gepumpt, die daraus beispielsweise den Rohstoff für Faltschachteln oder Wickelhülsen für Küchenrollen produziert. Was die Kartonmaschine nicht gebrauchen kann, sind die Folienreste. Sie werden abgelöst und aussortiert. Doch auch diese Materialien finden eine Verwendung: im Zementwerk. Aluminium wird dort sowieso als Zusatzstoff für den komplizierten Zementcocktail gebraucht und das Plastik dient nebenbei gleich als Brennstoff; das spart Rohstoffe und Energie.

Nichts wird verschwendet, so scheint es. Theoretisch mag das stimmen, praktisch ist das nicht ganz so. Vor allem, weil ein beträchtlicher Teil der leeren Getränkekartons in der Restmülltonne versenkt wird. Britta Falke sagt: „Wir können nur das verwerten, was der Verbraucher uns gibt.“

TEXT Max Gehry | FOTO Stephan Pramme