Die Papiertigerin

Die Deutschen gehören zu den größten Papierverschwendern der Welt. Dagegen will die Schülerin Emma Woschniok etwas tun und geht zusammen mit dem Freilandlabor Britz nach ganz unten: in die Berliner Grundschulen. Wie läuft das? Ein Erfahrungsbericht.

Manchmal glaube ich, dass ich mich an den Tag noch genau erinnern kann. Aber wenn ich es versuche, verschwimmen die Bilder dann doch. Ist einfach zu lange her. Was aber noch da ist, ist das Gefühl, dass es so nicht weitergehen kann und dass ich etwas tun kann.

Ich war damals fünf Jahre – oder schon sechs? –, jedenfalls war ich noch in der ersten Klasse und eines Tages kam eine Frau zu uns in die Schule und erzählte uns etwas über Papier. Wo es herkommt. Wie viel wir davon verbrauchen. Wo wir es verschwenden. Welche Folgen das hat. Wie wir Papier sparen können. Und wie man aus altem Papier neues macht. Am Ende haben wir alle in einem Brei aus Altpapierfasern herumgemanscht und waren ganz stolz, als unser selbst gemachtes Recyclingpapier endlich trocken war.

Zehn Jahre später bin ich nicht mehr die kleine Erstklässlerin, sondern diejenige, die mit Erstklässlern zu tun hat. Denn als es neulich darum ging, ein Praktikum zu machen, habe ich nicht lange überlegt, bin zum Freilandlabor Britz und habe gefragt, ob ich was für die machen kann. Das Freilandlabor Britz ist so was wie eine Umweltschule, die es, glaube ich, schon seit Ende der 1980er-Jahre gibt. Dort arbeitet auch Inga Böttner – also die Frau, die damals bei uns in der 1c stand und über Recyclingpapier geredet hat. Sie organisiert Workshops und Ausstellungen für Schüler, Eltern, Lehrer. Und koordiniert auch die Schulstunden zum Thema Papier und Wald, eine Aktion des Berliner Netzwerks Papierwende.

Natürlich steht da niemand von uns vor der Tafel und bläut den Kindern im Frontalunterricht Papierrecycling mit erhobenem Zeigefinger ein. Das läuft anders: Zum Beispiel wird ein Haufen Altpapier im Klassenraum ausgeschüttet und dann sucht jeder etwas aus und sagt, ob wir das wirklich brauchen. Nach dem Motto: Toilettenpapier, ja. Pappteller, nein. Was alle Kinder großartig finden, ist, Recyclingpapier selber zu machen. Fand ich damals ja auch.

Ich arbeite gern mit Kindern. Ich mag Kinder. Und es macht mir Spaß, sie für eine gute Sache zu begeistern. Ich habe festgestellt, dass das vor allem bei den Erst- bis Fünftklässlern gut klappt. Die rennen nach der Schule nachhause und verlangen von Mama und Papa, dass sie nur noch Recycling­papier kaufen.

Auf Papier verzichten können wir nicht. Aber wir können sparsamer damit umgehen. Im Alltag. Wenn ich einkaufen gehe, nehme ich einen Beutel mit und hole an der Kasse nicht jedes Mal eine neue Tüte. Ich verwende Recyclingpapier – bei Schulheften, Briefumschlägen oder Druckerpapier. Wenn ich Blätter beschreibe oder bedrucke, dann immer beidseitig. Ich glaube, dass solche Kleinigkeiten eine große Wirkung haben, wenn viele mit­machen. Und dafür wird es Zeit. Denn bei der Weltmeisterschaft der Papierverschwender sind wir traurigerweise seit Jahren unter den Top Ten. Theoretisch bräuchte jeder von uns nicht mehr als 40 Kilo pro Jahr.

Tatsächlich sind es mehr als 200 Kilo. Hätten die Chinesen den gleichen Pro-Kopf-Verbrauch wie wir, dann müsste die komplette globale Papierproduktion nach China gehen. Das Problem ist, dass wir die Folgen von unserer Art zu leben nicht mehr mitbekommen werden. Das werden erst unsere Kinder. Oder Enkelkinder.

Auch auf die Gefahr hin, dass so was aus dem Mund einer 15-Jährigen jetzt vielleicht ein bisschen zu sehr nach pubertärem Pathos klingt: Von dem, was Inga Böttner damals in mir ausgelöst hat, will ich etwas weitergeben. Die Unterrichtseinheit zum Thema Papier dauert nur zwei, drei oder vier Schulstunden. An den Tag und alle Details wird sich später niemand mehr genau erinnern können. Die Wirkung aber, die bleibt vielleicht.

Text Max Gehry | FOTOS Stephan Pramme

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