Die Historikerin

Müll? Die Leute im Mittelalter wussten nicht einmal, was das ist. „Das Wort entstand erst vor 150 Jahren“, sagt Karin Kranich vom Institut für Germanistik an der Universität Graz. Die Idee, etwas zu benutzen und dann wegzuwerfen, hat sich laut Kranich erst nach dem Zweiten Weltkrieg verbreitet. Davor hatten etwa Verpackungen, die heute einen Großteil des Mülls ausmachen, einen eigenen Wert. Auch deshalb, weil die Pflicht zur Verpackung meist nicht beim Verkäufer, sondern beim Käufer lag. Und der benutzte dasselbe immer wieder: Leinensäcke, Milchkannen, Körbe, Fässer, Holzdosen. Billige Verpackungen gab es nicht. „Papier zum Beispiel war im Mittelalter viel seltener. Für einen Korb hat man einen Korbflechter bezahlen müssen, für ein Fass einen Büttner. Oder man machte es selbst, aber dann fehlte die Zeit woanders. Was man einmal hatte, das hatte auch einen Wert“, sagt Karin Kranich.

Einer der Forschungsschwerpunkte Kranichs liegt darauf, wie man im Mittelalter, also vor knapp 1.000 Jahren, gegessen hat – und mit Abfällen verfahren ist. Während sie vor allem in historischen Dokumenten und Büchern forscht, suchen andere Kollegen, so genannte Mittelalterarchäologen, in ehemaligen Siedlungsstätten nach Spuren. Anhand der akribischen Analyse von Ausgrabungen und der Auswertung der Überlieferungen und Dokumente hat man eine ziemlich genaue Vorstellung vom Leben der Menschen damals – und von ihrem Umgang mit Abfällen.

Das Bild, das die Wissenschaftler zeichnen, ist aus heutiger Sicht erst einmal schockierend. So gab es kaum eine richtige Abfall- und Abwasserentsorgung. Jeder warf seine Reste und auch seine Abwässer einfach auf die Straße, es hat überall gestunken, aber die Leute waren daran gewöhnt. Die Städte waren also voll mit Abfällen. Fast alles ist zwar noch von selbst verrottet, aber dabei wurde immer wieder das Grundwasser verseucht, es kam zu tödlichen Epidemien. Der Mythos, dass Juden die Brunnen vergiften, ist in dieser Zeit entstanden. „Man hat sehr lange gebraucht, um einen Zusammenhang zwischen den mit Abfällen belasteten Sickwasserströmen und der Kontamination des Grundwassers herzustellen“, sagt Karin Kranich. Lag die Stadt an einem Fluss, kippte man dort einfach alles hinein, die Bewohner ihre Fäkalien, die Färber und Gerber ihre Laugen. In den Dörfern ein paar Kilometer flussabwärts schöpfte man ahnungslos das Wasser ab und die Bevölkerung lichtete sich, weil Vergiftungen und Seuchen die Menschen dahinrafften. „Ein Umweltbewusstsein wie heute hatten die Leute damals nicht“, sagt Kranich. In Burgen, die meist auf einer Anhöhe standen, gab es seitlich ein Fallgatter, über das man alles entsorgte, was nicht mehr zu verwenden war. Langsam bildete sich unter der Öffnung ein regelrechter Müllberg. Erst wenn es „zum Himmel stank“, wurde der Müll weggeräumt – in den Wald oder ins nächste Tal. Die Natur, das war damals, wenn man so wollte, eine einzige große Biomülldeponie.

Erst allmählich haben sich so genannte Shitgruben etabliert: Eine Grube hinterm Haus, in die man einfach alles hineinwarf, was man nicht mehr verwenden konnte. Für die Mittelalter­archäologen sind diese Schüttgruben Quellen für wahre Schätze an Erkenntnissen. Schicht für Schicht können sie Jahrhundert für Jahrhundert analysieren, was die Menschen gegessen haben und welchen Abfall sie produziert haben. So waren im Mittelalter neben Fischen auch Singvögel wie Amsel, Drossel und Rotkehlchen eine beliebte Delikatesse, zu erkennen an den ausgegrabenen Gräten und Knochenresten. In sozial höheren Schichten zeigt sich dann nach einiger Zeit etwa an Dattelkernen, dass man Handelsbeziehungen zum Orient aufgenommen hatte. Die Gruben sind meist über Jahrhunderte erhalten geblieben. Denn zum einen war der Großteil von dem, was man hineingekippt hat, organisch und ist langsam verrottet. Zum anderen war die Menge der Abfälle vergleichsweise gering.

Denn weil nicht Überfluss, sondern Mangel die Regel war, hat man versucht, alles irgendwie zu verwerten und weiterzuverarbeiten. Eine Kuh zum Beispiel war nicht nur Fleischlieferant – auch die Klauen wurden ausgekocht und das Gallert weiterverarbeitet, für Kopf und Schlund fand man Verwendung in der Küche für schmackhafte Speisen, bis nur noch eine Hand voll Knochen übrig blieb, aus denen man dann noch Leim gewann. „Aus allem, was die Menschen hatten, versuchten sie so viel wie möglich herauszuholen“, sagt Karin Kranich. Heute dagegen
leben wir im Überfluss. Wir haben von allem genug und können es uns leisten, nur das Beste für uns selbst zu behalten – und den minderwertigen Rest in den Abfalleimer zu werfen. Müsste heute jeder seinen Müll wirklich selbst entsorgen, hätte er ein Problem: Der Vorgarten würde nach wenigen Tagen unter dem Müll verschwinden.

TEXT Christian Heinrich | FOTOS Michael Mann