Die Gesichter von Saint-Ouen

Im Nordosten von Paris erstreckt sich über sieben Hektar ein ungewöhnlicher, bunter, exotischer Kosmos: der „Marché aux Puces de Saint-Ouen“. Es heißt, der Ausdruck „Flohmarkt“ sei hier geboren worden, in diesem bekannten und riesigen Markt für Abgelegtes und Antikes. Aber die Flöhe sind lange weg: 1885 begannen die ersten Händler vor den Stadtmauern ihre alten Schätze anzubieten, seitdem ist ein Konglomerat aus 14 Märkten entstanden. Manche sind Straßenmärkte, andere überdachte Kramstände, wieder andere edle Antikhändler.

Der Fotograf Andrew KoValev hat sich zwei Jahre lang mit seiner Ausrüstung in die engen Gassen und noch engeren Läden begeben, um den hoch­ entwickelten sozialen Organismus des Flohmarktes abzubilden. Er zeigt Porträts jener Menschen, die dort leben und arbeiten, erschaffen, konservieren und den Ort über die Jahre und Jahrzehnte zu dem machen, was er ist. „Ich wollte die unglaubliche Vielfalt der einzelnen Teile zeigen, die zwar zu einem größeren Ganzen zusammenfließen, aber trotzdem eine jeweils eigene Welt bleiben“, sagt Kovalev. Er zeigt die Gesichter der Menschen und die Ausstattung ihrer Läden – und damit die Seele von Saint-Ouen.

Fotografiert von Andrew Kovalev
In Paris
Zeitraum 2012 bis 2013
Interviews Anastasia Grinkevich und Phil Erhart

Henri
Spezialisierung Karnevalartikel, altes Spielzeug
Auf dem Markt seit 39 Jahren
Frühere Beschäftigung Militärdienst in Afrika, Immobilienmakler

Henri Spezialisierung Karnevalartikel, altes SpielzeugIch habe ein Karussellpferd, das aus 70 verschiedenen Holzarten besteht, und Pferde, die aus Deutschland, Frankreich und England stammen. Und da gibt es noch die Geschichte von den Pferden, die ich an eine 80-jährige alte Dame verkauft habe. Die Pferde haben sie an die Zeit erinnert, als sie noch ein kleines Mädchen war und auf Holzpferden geritten ist. Und sie hat gesagt: „Bevor ich sterbe, möchte ich noch mein eigenes Pferd haben.“ Da sieht man, dass diese Dinge sehr emotional sind. Plastikobjekte können gut sein, aber sie sind nicht die besten. Kunststoff ist nicht für die Ewigkeit. Wir werfen es viel schneller weg.

Vincent & Remy
Spezialisierung Gegenstände und Möbel aus den 1940er- bis 1970er-Jahren
Auf dem Markt seit 12 Jahren
Frühere Beschäftigung Vincent: studierter Wirtschaftswissenschaftler,
Immobilien-Investment-Manager bei einer Bank; Remy: Verlagswesen

Vincent & Remy Spezialisierung Gegenstände und Möbel aus den 1940er- bis 1970er-JahrenWenn man von dem Flohmarkt hier spricht, sollte man nicht nur die glänzenden Seiten sehen. Aber es stimmt natürlich, dass der Markt eine glamouröse Seite hat. Ich habe einige wundervolle Erinnerungen daran: Es war ein Feiertag und es war Herbst und ich hatte eine große Obstplatte mit Trauben, Bienen und Äpfeln darauf. Uma Thurman kam in den Laden und setzte sich auf einen Stuhl. Wir haben ein bisschen miteinander geplaudert und als sie gehen wollte, fragte sie mich, ob das echte Früchte wären und ob sie eine Birne essen könne… Und dann erinnere ich mich an die Geschichte, als ich gerade mit meinem Geschäft angefangen hatte, dass Claude Nougaro (ein französischer Dichter und Sänger) mit dem Rücken zu mir vor meinem Stand telefonierte. Der Stand war klein und ich war kurz davor, zu ihm zu sagen: „Sir, bitte gehen Sie ein Stück zur Seite“, als ich ihn plötzlich an seiner Stimme erkannte! Und dann erinnere ich mich auch an ein nettes Zusammentreffen und ein Schwätzchen mit Michel Serrault (einem französischen Schauspieler) nur wenige Monate vor seinem Tod.

Amir
Spezialisierung Teppiche, orientalische Möbel aus dem 18. bis 20. Jahrhundert
Auf dem Markt seit 1986
Frühere Beschäftigung Amir: Journalist in Rasht; Asieh (seine Frau): Hausfrau

Amir Spezialisierung Teppiche, orientalische Möbel aus dem 18. bis 20. JahrhundertWir haben die besten Produkte aus Ländern ausgewählt, die früher zum Perserreich gehörten. 80 Prozent dieser Ware verkaufen wir ins Ausland. In Europa haben wir keine Wettbewerber, weil wir die Einzigen sind, die so viele Antiquitäten aus Syrien haben. Was wir verkaufen, ist anders als das, was die Leute gewohnt sind. Wir (re)präsentieren eine Kunst, die bei den Leuten noch nicht so bekannt ist.
Modernes Dekor ist ein Mix verschiedener Kulturen. Die französische Kultur ist Teil einer großen Kultur, die sehr reich ist. Darum bieten wir in unserem Geschäft auch französische Objekte an, die eine Ergänzung zu unseren orientalischen Objekten darstellen.

Alain
Spezialisierung Kuriositätenkabinett
Auf dem Markt seit 40 Jahren
Frühere Beschäftigung Ingenieur

Alain Spezialisierung KuriositätenkabinettWenn es ein gescheites Objekt ist, dann verkauft es sich, und wenn es ein blödsinniges Objekt ist, dann nicht. Ein Objekt, von dem es millionenfach Kopien gibt, das bei jedem Concierge und in jedem Haushalt herumsteht, ist uninteressant. Aber ein Objekt, das die Neugierde weckt und das Auge anzieht, das nenne ich ein „gescheites Objekt“.

Paul
Spezialisierung Brasilianische Möbel aus den 1950er- und 1960er-Jahren
Auf dem Markt seit genau 1 Jahr
Frühere Beschäftigung Rechtswissenschaften, Musik, Mode- und Luxus-Lifestyle-Berater

Paul Spezialisierung Brasilianische Möbel aus den 1950er- und 1960er-JahrenFür den Markt der Luxusgüter gibt es keine Krise. Hermès hat jedes Jahr ein Wachstum von 30 Prozent. Die großen Luxusmarken haben noch nie so viel umgesetzt und Ferrari noch nie so viele Autos verkauft. Und in diesem Segment bin ich auch tätig. Nicht, dass ich die Krise nicht spüre, aber es gibt immer noch Menschen, die Geld haben. Und außerdem hängt es auch davon ab, wie klug man es anfängt. Ob man herausragende Objekte anbieten kann, die niemand sonst hat. Menschen, die sich in Kunst und Design auskennen, haben schon viel gesehen. Ich zeige ihnen Dinge, die sie noch niemals gesehen haben, und wecke so ihr Interesse.

Alain
Spezialisierung Feuerzeuge
Auf dem Markt seit 32 Jahren
Frühere Beschäftigung Ingenieurstudium in der Auvergne, Soldat bei der Luftwaffe, Beschäftigung als Ingenieur in Paris, Besuch der Kunsthochschule in Paris, Maler, Fotograf

Alain Spezialisierung FeuerzeugeMeine Großmütter in der Auvergne hatten die Dachböden voller Gerümpel und ich liebte schon immer alte Sachen. Dann begannen die Leute auf einmal, ihre Keller und Dachböden zu entrümpeln. Ich hatte zu der Zeit einen Studentenjob und verteilte Werbeprospekte in Paris. Eines Tages fand ich im 17. Arrondissement einen wunderschönen Gardinenhalter aus vergoldeter Bronze. Den habe ich den ganzen Tag mit den Prospekten in meiner Tasche herumgeschleppt und drei Wochen später im Village Suisse angeboten. Ein Käufer hat mir dafür 800 Francs gegeben. Mein Verdienst als Prospektverteiler betrug damals nur 50 Euro pro Tag. Und dann gab es so viele Sachen, die man im 15. Arrondissement finden konnte. Damals wurde viel gebaut und hinter den Bauzäunen gab es alles, was man sich nur vorstellen konnte.

Antoine
Spezialisierung Industriedesign-Objekte
Auf dem Markt seit 8 Jahren
Frühere Beschäftigung Lehrer, Bildhauer

Antoine Spezialisierung Industriedesign-ObjekteMeine Mutter hat den Trend für Industriedesign zusammen mit Gilles Oudin gestartet. Sie haben Objekte genommen, die bisher keiner wollte, und haben sie populär gemacht. All diese Industrielampen, wie zum Beispiel die Lampe Gras und die Jieldé-Leuchte. Auch die Werkstühle aus Metall, die vorher kein Mensch wollte, haben sie bekannt gemacht.
Die Industriedesign-Objekte haben Gebrauchsspuren und man sieht, dass sie alt sind. Schon an der Oberfläche erkennt man die Zeichen der Zeit.

Michel
Spezialisierung Industriemöbel, Kuriositäten
Auf dem Markt seit 15 Jahren
Frühere Beschäftigung Verkäufer/Vertriebsmann

Michel Spezialisierung Industriemöbel, KuriositätenDas Pferd hier drüben wurde von den Sattlern benutzt, die Reitzubehör verkauft haben. Und außerdem wurde es auch für die Vorführung von Wagen benutzt, glaube ich.

Stephanie
Spezialisierung Einfache Objekte, Atmosphäre, Ambiente
Auf dem Markt seit 14 Jahren
Frühere Beschäftigung Studien der Kommunikationswissenschaften, Pharmareferentin

Stephanie Spezialisierung Einfache Objekte, Atmosphäre, AmbienteAmerikaner lieben Gegenstände mit Patina, Japaner lieben eher rohe Materialien und stylische Industrieobjekte. Genauso ist es bei Kleidungsstücken: Sie mögen natürliche, nicht behandelte Stoffe. Ich habe keine russischen Kunden, aber ich glaube, die mögen Dinge gerne, mit denen man angeben kann. Zurzeit suche ich eher klassische Objekte – für französische Kunden.

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