Die Ethnologin

Sechs Wochen lang war Eveline Dürr mit den Mülltrennern von Mazatlán im Jahr 2009 unterwegs. Am Ende konnte sie im Müll ablesen, wie wohlhabend die jeweiligen Verursacher waren, welche Hobbys und welche Ernährungsgewohnheiten sie hatten und ob sie alleinstehend lebten oder in einer größeren Familie. „Es ist erstaunlich! Die Verpackungen und Reste zeigen überraschend detailliert, wie jemand lebt“, sagt Dürr. Anhand von so genannten Restmüllanalysen lässt sich auch hier zu Lande ein ziemlich genaues Bild vom Alltag der Verursacher zeichnen. Die Marken zeigen, in welchem Supermarkt man einkauft, wie sorgfältig ein Jogurtbecher ausgekratzt wurde, sagen etwas über den Konsumstil aus und die entsorgten Verpackungen, über die Lebensgewohnheiten und Krankheiten. „Man kann einen Menschen anhand seines Mülls besser charakterisieren als zum Beispiel über eine zehnminütige, direkte Telefonbefragung“, sagt Dürr.

Aber sie wollte mittels ihrer teilnehmenden Beobachtung nicht nur etwas über den Müll selbst, sondern auch über diejenigen herausfinden, die täglich mit dem Abfall arbeiten: Wie leben sie, welches Bild haben andere von ihnen und wie sehen sie sich selbst? Ihr Ergebnis überraschte: „Menschen, die mit Müll arbeiten, waren lange Zeit stigmatisiert und sozial ausgegrenzt. Aber das scheint sich zumindest tendenziell zu ändern“, sagt die Ethnologin. Die Müllsammler in Mazatlán seien nicht mehr einfach ein Sammelsurium an gescheiterten Existenzen, sondern eine Gruppe von Experten in ihrem Gebiet, die den Abfall trennen und an Mittelsmänner weiterverkaufen. Sie wissen, welcher Müll anfällt, und vor allem, wie er mit welchen technischen Hilfsmitteln am besten getrennt wird. Dieser Imagewandel beschränkt sich nicht nur auf Entwicklungs- und Schwellenländer. In Deutschland ist Müllmann derjenige Beruf, dessen Ansehen in den vergangenen acht Jahren am stärksten gewachsen ist. Im diesjährigen Forsa-Berufe-Ranking der angesehensten Berufe liegen sie auf Platz acht, noch vor Hochschulprofessoren, Anwälten und Unternehmern.

Der Hauptgrund aber, warum die Materialtrenner an Ansehen gewonnen haben und die Deponien auf Interesse stoßen, sei der Abfall selbst: „Müll hat überall enorm an Bedeutung gewonnen“, sagt Dürr. Natürlich sei Abfall vor allem in Industrie­ländern nach wie vor zunächst einmal negativ belegt. Wenn wir durch eine Straße laufen, die schmutzig ist, fühlen wir uns eher unsicher, als wenn wir durch dieselbe Straße laufen, wenn sie sauber ist – das konnten Studien zeigen.

Gleichzeitig ist Müll mittlerweile weit mehr als einfach nur etwas Störendes, das möglichst schnell in den Abfalleimer wandert und dann für immer verschwunden ist. „Gerade in den Industrieländern sind sich immer mehr Menschen bewusst, dass sie für den Müll, den sie produzieren, ein Stück weit verantwortlich sind“, sagt Dürr. Mülltrennung gelte längst als Zeichen der Moderne. „Wer keinen Müll trennt, der verletzt in Deutschland vielerorts bereits eine soziale Norm“, so Dürr. Anderswo auf der Welt, etwa im mexikanischen Mazatlán, hat die Mülltrennung sogar eine regelrechte Subkultur hervor­gebracht. Es sind nur zwei Beispiele, wie sich der Umgang mit Abfall auf dem ganzen Planeten verändert.

„Wir sind auf diesem Planeten durch Internet und Globalisierung eine Weltgemeinschaft geworden, die alles miteinander teilt. Den Handel – und die Probleme.“ So seien sowohl primäre als auch sekundäre Rohstoffe auf dem globalen Markt leichter loszuwerden. Andererseits hätten Diskurse über Umweltverschmutzung und globale Erwärmung in Medien und Gesellschaft vor allem in Industrieländern bei vielen das Verantwortungsbewusstsein geschärft. Abfall ist nicht mehr das Problem der anderen jenseits der Mülltonne. Sondern von allen.

Die jüngere Karriere von Müll ist also ambivalent: Einerseits kann der Abfall eine neue Rohstoffquelle sein, die Gold wert ist; andererseits eine hochproblematische Angelegenheit, unter der unser Planet zu leiden hat. Geld verdienen und kollektive Verantwortung. Es sind zwei der wichtigsten Aspekte unserer Industriegesellschaft, an denen sich das Netz von Interessen aufspannt, wie mit dem Müll verfahren werden sollte: vermeiden, verwerten, verkaufen, verschieben, sortieren, recyceln. Und sogar retten.

TEXT Christian Heinrich | FOTOS Michael Mann

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