Die Entsorgerin

Mindestens alle 14 Tage holen die Fahrzeuge der Berliner Stadtreinigung (BSR) den Müll von jedem der mehr als 2 Millionen Privathaushalte ab. Gäbe es sie nicht, würde sich der Abfall erst in den Hinterhöfen ansammeln, dann auf den Straßen – die ganze Infrastruktur käme zum Erliegen. Wenn man so will, gehören die Routen der Müllabfuhr ebenso zu den Lebensadern der Stadt wie die Leitungen für Wasser und Strom.

Diese Adern liefen bis November 2014 alle bei Vera Gäde-Butz­laff zusammen. Sie war als Vorstandsvorsitzende der BSR sieben Jahre lang sozusagen das Herz der Sache. Die studierte Juristin wagte sich in die Männerdomäne und trug dafür Sorge, dass ihre mehr als 5.000 Beschäftigten den öffentlichen Auftrag wahrnehmen, den Müll aus privaten Haushalten zu entsorgen und die Straßen Berlins sauber zu halten. Nicht nur Branchenkenner attestieren ihr, einen exzellenten Job gemacht zu haben. Bis zum Jahresende übergibt sie nun das Unternehmen an ihre Nachfolgerin Dr. Tanja Wielgoß.

Die Entsorgung und Aufbereitung von Müll ist heute eine komplexe Angelegenheit. Er muss gründlich in unterschiedliche Wertstoffe getrennt werden, damit diese später verwertet werden können. Glas, Papier, Bioabfall und Verpackungen. In Berlin ist es gelungen, eine einheitliche Wertstofftonne einzuführen, in die sowohl Verpackungen kommen als auch solcher Abfall, der aus dem gleichen Material, aber eben keine Verpackung ist. Also zum Beispiel ein Jogurtbecher und ein Plastiksieb. Gleichzeitig werden alle gesondert gesammelten Abfälle optimal verwertet. „Was die Bürger trennen, das geht auch in unterschiedliche Entsorgungswege“, sagt Gäde-Butzlaff. Und dort werden aus den Reststoffen von gestern die Rohstoffe von morgen. Schaut man also genauer hin, erkennt man, dass es der BSR nicht nur um das Abholen von Müll geht – es steht eine eigene Idee von Ressourcenschonung und Umweltschutz dahinter. „Zum Beispiel verwerten wir den Bioabfall in unserer neuen Vergärungsanlage. Dabei entstehen fester und flüssiger Dünger und vor allem Biogas. Mit diesem Gas betanken wir die Hälfte unserer Müllsammel-Flotte“, sagt Gäde-Butzlaff. Das spart Diesel, die Fahrzeuge sind leiser, fahren klimaneutral ohne Ruß – und das ohne Konkurrenz zwischen Tank und Teller. Die BSR folgt damit dem Prinzip, möglichst viele Rohstoffe möglichst lange im Wirtschaftskreislauf zu halten. Das fängt schon bei der Produktion und dem Konsumverhalten an. „Können die Dinge nicht reparaturfreundlicher produziert werden und braucht es wirklich alle zwei Jahre das aktuellste Smartphone?“ Diese Fragen stellt sich Vera Gäde-Butzlaff und unterstützt Initiativen, die sich mit Alternativen befassen. Sie weiß: Müllvermeidung ist der erste Schritt zur Rohstoffschonung. „Wir versuchen aus dem, was die Menschen dann trotzdem wegwerfen, möglichst viele Rohstoffe rauszuholen“, sagt Gäde-Butzlaff. Und selbst das, was man nicht mehr als Rohstoff verwerten kann, wird energetisch genutzt – also zur Produktion von Strom und Wärme.

Trotzdem gibt es kaum einen Sekundärrohstoff, dessen Herstellung – also Einsammlung, Sortierung, Aufbereitung – mit dem Marktpreis gedeckt werden kann. Je nach Weltmarktlage war das in den vergangenen Jahren mal Altpapier, heute sind es noch bestimmte Arten von Schrott. Bisher sind wir allerdings noch sehr weit davon entfernt, dass es sich betriebswirtschaftlich lohnt, eine alte Deponie aufzugraben und dort Rohstoffe herauszuholen oder das Gold aus den Handys zu holen. Bei solchen Marktpreisen wären die Rohstoffe dieser Erde wirklich zu Ende. „Daher müssen wir die Verwertung heute volkswirtschaftlich betrachten und in unserer Verantwortung für die nächsten Generationen“, sagt Gäde-Butzlaff.

Dabei arbeitet die BSR an zahlreichen Innovationen und überträgt technologische Entwicklungen in vielen Bereichen auf die Abfallwirtschaft. So befasst man sich schon seit Jahren mit alternativen Antrieben wie Hybrid und Elektro, eine eigene Sperrmüllaufbereitungsanlage bereitet pro Jahr 50.000 Tonnen Sperrmüll auf, auch das Thema Smart City ist im Fokus. So wird etwa an Straßen­papierkörben geforscht, die selbstständig Bescheid geben, wenn sie voll sind. Der Umgang mit dem Müll ist auch ein Spiegel des Fortschritts. Aber nicht nur das – er kann sogar etwas über unsere Kultur aussagen.

TEXT Christian Heinrich | FOTOS Michael Mann