Der Lumpensammler

Lumpen sind seit der Erfindung des Buchdrucks ein heiß begehrter Rohstoff: Aus ihnen wurde Papier hergestellt. Sie waren so gefragt, dass man versuchte, sie über die Grenze zu schmuggeln. Es fiel dem Beruf des Lumpensammlers zu, das Recycelmaterial zusammenzutragen.

Lumpen ist ein viel zu sauberes Wort für das, was auf den Karren der armen Schlucker landete, die sich mit diesem Gewerbe ihr tägliches Brot verdienten. Die größte Menge davon nahmen Stofffetzen ein, die so verdreckt waren, dass ihr weiterer Einsatz im Haushalt niemandem mehr zuzumuten war: allmonatlich das, was Frauen sich zwischen die Schenkel klemmten, dann Tücher, die zur Krankenpflege benutzt wurden, Lappen, die eitrige Wunden verbanden, Reste, die zugige Winkel abdichteten, Putzlappen und so fort. Feucht, verschimmelt, voll von Würmern, Maden, Insekten­eiern. Doch wofür all die Lumpen? Sie wurden vor allem zur Papiergewinnung verwendet.

Die Nachfrage nach Stoffabfällen stieg stetig seit der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen, wieder verwendbaren Lettern durch Gutenberg um 1450. Papier, in Europa seit Ende des 13. Jahrhunderts bekannt, und damit auch der
„Rohstoff“ Lumpen waren plötzlich so begehrt, dass selbst oben auf der Kanzel die Pfarrer so genannte Lumpenpredigten hielten, ein Sammelaufruf zur Nachhaltigkeit. Feine Lumpen lieferten feines Papier, grobe Lumpen grobes Papier, wollene Lumpen Löschpapier.

Die Aufgabe des Lumpensammlers bestand zuerst darin, sich den begehrten Rohstoff zu verschaffen. Dies tat er, indem er mit einem Karren durch die Straßen lief und mit lauter Stimme sein Anliegen ausrief. Zum Tausch bot er Kurzwaren an. Er selbst wurde von den Papierfabriken nach Qualität und Menge der Lumpen in barer Münze bezahlt. Am Ende des Tages wurde alles auf dem Lumpenboden ausgeschüttet und dort von Frauen und Kindern sortiert, gegebenenfalls wurden Schnallen, Knöpfe und dergleichen abgetrennt. Dann schnitt man die Stoffe in kleine Stücke. In der Papiermühle wurden die Fetzen von Papiermachern eingeweicht und zu Fasern zerstampft, aus deren Brei sie das Papier schöpften.
War zu Beginn das Gewerbe der Lumpensammler ein Auffangbecken für Menschen, denen keine andere Tätigkeit übrig blieb, wurde der Beruf des Lumpensammlers mit der Zeit besser organisiert, nicht aber angesehener. Jeder Sammler war einer bestimmten Papiermühle zugeteilt, diese achteten darauf, dass in ihrem Bezirk nur ihre Sammler tätig waren. Seit dem 17. Jahrhundert häuften sich Vorfälle von Lumpenschmuggel. Das kommunikationshungrige Europa gierte nach Papier. Der Rohstoff Lumpen wurde zum brisanten Politikum und durfte nicht über die Landesgrenzen ge­bracht werden. In der Wei­marer Republik entwickelte sich die größte europäische Lumpensammelbörse in Berlin in der Spandauer Vorstadt. Hier wurden, meist von jüdischen Unternehmern, zweihundertzwanzig verschiedene Sorten „original bun­te Lumpen“ europaweit ge­tauscht. Es gab sogar eine eigene Zeitschrift „Rohproduktgewerbe“, die sich mit nichts anderem beschäftigte.

Die Blütezeit des gar nicht rosigen Handwerks endete in Westdeutschland mit den Nationalsozialisten. Als Reichskommissar für Altmaterialverwertung appellierte Göring 1939 an die Bevölkerung: „Es stimmt, wir haben wenig Rohstoffe, aber wir haben sie bei uns. Die anderen haben viele Rohstoffe, aber sie müssen sie von weiter holen.“ Es fiel den Schulkindern zu, den wichtigen Rohstoff Lumpen zu sammeln. Die waren eifrig bei der Sache, und so blieben nur noch Fetzen, wenn überhaupt, für die professionellen, oft jüdischen Sammler. Erst nach dem Krieg, in Ostdeutschland, und seltener im Westen, zogen die Lumpensammler wieder vereinzelt von Tür zu Tür.

Eines aber konnte bis zum Ende nicht gebrochen werden: der Berufsstolz der Lumpensammler. Denn wenn es auch wenig war, was sie verdienten, es war ihr eigener Verdienst. Und ein ehrbarer.

Gekürzter Auszug aus dem Buch: 
Von Kaffeeriechern, Abtrittanbietern und
Fischbeinreißern – Berufe aus vergangenen Zeiten 
von Michaela Vieser/Irmela Schautz (Illustrationen) 
ISBN 978-3-570-10058-5

Schlagworte des Artikels
, , ,