Der letzte Mann

Wenn Plastikmüll recycelt wird, gucken alle immer auf das saubere Kunststoffgranulat. Sekundärrohstoff, wow! Aber es gibt noch einen kleinen dreckigen Rest, den kaum einer sieht. Um den kümmert sich Jörg Gerlach.

In Eisenhüttenstadt, kurz vor der polnischen Grenze, scheint die Welt zu Ende. Die Straße dahin ist dem Navigationsgerät fremd. Links und rechts reihen sich verlassene Lagerhäuschen. Dazu Schlote, Hochöfen, Ruinen. Nur ganz gelegentlich stehen Autos mit Kennzeichen aus der Gegenwart davor. Noch seltener sieht man Menschen. Düster ist es. Fast ein Klischee von einem Ort, wo die letzten Reste der Zivilisation landen: in der Plastik­aufbereitungsanlage des Entsorgungs- und Recyclingunternehmens Alba. Süßlicher Müllverwesungsgeruch hängt in der Luft, so wie manchmal im Sommer im Hinterhof der Berliner Altbauwohnungen, wo die Tonnen stehen. Nur dass der Plastikmüll hier nicht in Tonnen, sondern in große Ballen gepresst auf dem Hof liegt. Hier treffe ich den Mann, der dem letzten Rest den Rest gibt: Jörg Gerlach.

Sein Büro liegt direkt neben der Anlage in einem grauen Verwaltungsbau. Von hier kann Gerlach auf ein Fabrikungetüm sehen: das ehemalige Stahlwerk VEB Eisenhüttenkombinat Ost, das heute zum internationalen Stahlkonzern ArcelorMittal gehört und das der Stadt am östlichen Rand Brandenburgs in den fünfziger Jahren ihren Namen gab. Läge das Büro in einer

Großstadt, würde die Gegend in Reiseführern als Geheimtipp mit schicken Cafés und Galerien durchgehen. Davon ist hier nichts zu spüren. Keine Cafés, keine Galerien, keine Geheimtipps.

„Mir jefällt’s!“, sagt Gerlach und lässt einen Zuckerwürfel in seinen Kaffee gleiten. Für seine Aufgabe bei Alba braucht der 55-Jährige mit dem grauen Kurzhaarschnitt aber keinen Blick für das Schöne: Er entsorgt die Stoffe, die beim Recycling von Plastikmüll nicht mehr in den Kreislauf eingebracht werden können. Den Abfall vom Abfall sozusagen. Abfall­management heißt das hier. Zu einem großen Teil managt Gerlach diesen Abfall am Rechner. Aber um zu wissen, was und wie viel wegmuss, schaut er immer wieder in der Halle nebenan vorbei, die etwa so groß ist wie ein Fußballfeld, aber 13 Meter hoch: „Jeh’n wa gleich noch runta inne Produktion“, sagt er und drückt mir eine gelbe Warnweste in die Hand. „Muss sein!“

Bevor Gerlach im Jahr 2000 bei Alba in Eisenhüttenstadt anfängt, ist er Facharbeiter für Anlagentechnik. Er hilft beim Oderhochwasser die Deiche zu reparieren. Er organisiert die Abläufe. Leute von hier nach da schicken, Einsatzpläne schreiben, den Überblick behalten. Als der Deich fertig ist, bleibt Gerlach in Eisenhüttenstadt und heuert bei Alba als Haustechniker an. 14 Jahre lang kümmert er sich um alles, was kaputtgehen oder verbraucht werden kann: Glühbirnen, Schrauben, Schneideblätter. 2014 dann die Frage: Kannste dir vorstellen, dich um unseren Abfall zu kümmern? Um das Zeug, das übrig bleibt, wenn der Plastikmüll wieder als Plastikgranulat auferstanden ist? Gerlach kann und seitdem schafft er eben die Reste der Reststoffaufbereitung weg. „Im Grunde jenommen is dit ja ooch Disposition“, sagt er und nippt am Kaffee.

Nach der Tasse plaudern wir noch kurz über Fußball – Gerlach ist aus irgendwelchen Gründen Borussia-Dortmund-Fan – und disponieren uns dann zwei Stockwerke nach unten in die Produktion. Hier eruiert Gerlach mit seinen Kollegen, welcher Abfall anfällt, hier wird vor allem aber aus vorsortiertem Plastik­müll Granulat zur Kunststoffproduktion hergestellt. Eine Stunde dauert es, bis aus einem bunten Ballen mit gepresstem Plastikmüll linsenförmige Granulatkügelchen werden, in der Farbe, die sich ein Kunde wünscht.

Nach der Anlieferung wird der Plastikmüll neben der Halle im Schredder auf Konfettigröße zerkleinert, dann mechanisch von Fremdstoffen wie Metall oder Sand befreit. Anschließend bläst die Windsichtung die Folienanteile fort und über ein Band werden die übrig gebliebenen Plastikfetzen den beiden Verarbeitungslinien in der Halle zugeführt: eine für Polyethylen (PE), eine für Polypropylen (PP).

Die PP-Linie steht heute still. Irgendetwas ist kaputt, sagt Jörg Gerlach. Früher hätte er die Ersatzteile besorgt, aber man muss die Vergangenheit auch ruhen lassen. Wir gehen tiefer rein in die muffige Riesenhöhle mit den Rohren und Kesseln und Treppen. Was hier zischt, scheppert und dampft, erinnert eher an die Anfänge industrieller Fertigung, weniger an eine klinisch reine, voll automatisierte Produktion. Ein bisschen Zerstörung, aber auch viel Schöpfung.

Kern der Anlage ist der Extruder, eine riesige Black Box, wie ein überdimensionales Thermomix-Küchengerät, in den die gewaschenen und durchgeschüttelten Plastikflocken reingeschüttet werden, und am Ende kommt etwas dabei raus, über das alle sagen: „Ach, das kann diese Maschine?“

Aus dem Granulat, das aus dem Extruder fällt, stellen die Kunden dann Gießkannen her oder Mülleimer oder, das Lieblings­beispiel von Jörg Gerlach, Rasenkantensteine. Warum ihm das so wichtig ist, erschließt sich mir erst später, als wir über seine Hobbys reden: Er ist Dauercamper. Experte für Rasenkanten.

IMG_8898_RZ_OCV2-kreislauf

Jörg Gerlach führt mich zu einer Öffnung an der rechten Seite des Extruders. Sie erinnert mich an den Hintern einer Kuh auf der Weide, die sich gerade erleichtert: Es quillt eine schwarze, unterarmdicke, geruchslose Wurst heraus, der so genannte Schmelzefiltrationsrest. Nach einer Weile plumpst sie lautlos in einen Behälter. Aus der Wurst, so eklig sie auch aussehen mag, macht Jörg Gerlach zwar kein Gold, aber immerhin noch Geld: „Wir führen sie der Ersatzbrennstoffaufbereitung zu.“ Geplant ist laut Gerlach, auch aus diesem Abfall in Zukunft noch mehr wertiges Material rauszuholen.

70 Prozent der 30.000 Tonnen Kunststoffmüll, die pro Jahr in Eisenhüttenstadt verarbeitet werden, verlassen das Werk als Granulat. Die übrigen 30 Prozent sind etwa der Filtrationsrest oder auch Papierschlamm, der zum Großteil aus Verpackungsetiketten und Wasser besteht. Diese Abfälle lässt Jörg Gerlach ins ganze Land ausliefern. An Kraftwerke, die das Material mitverbrennen und so Wärme oder Strom erzeugen. Oder auch an Hersteller so genannter Ersatzbrennstoffe. Dafür aber muss Alba zahlen, und zwar stetig mehr, seit auch Müllfirmen aus England ihre Ware nach Deutschland schippen und die Konkurrenz um die Kapazitäten erhöhen.

Und noch etwas schlägt ins Kontor: der Ölpreis. Je höher der ist, umso mehr lohnt es sich für die Kunden von Alba, recycelte statt neue Rohstoffe zu kaufen. Der aktuelle Preis von etwa 30 Dollar pro Barrel sei aber grenzwertig, sagt Gerlach. Da zögen viele Kunden eher neue Ware vor. Und das, obwohl Alba nicht nur qualitativ hochwertige Sekundärrohstoffe pro­duziere, sondern dabei auch 50 Prozent weniger CO₂ erzeuge als bei der erstmaligen Herstellung von Kunststoffen. Aber das sei ja gar nicht sein Bereich, sagt Gerlach und öffnet eine Tür nach draußen auf den Hof.

Statt abgestandener Maschinenluft atmen wir nun wieder die leicht süßliche Müllluft ein. Es ist fast ein bisschen wie nachhause kommen, wären da nicht die vielen hundert Kunststoffballen, die es in meinem Hinterhof so zum Glück nicht gibt. „Und wie ist das bei Ihnen, Herr Gerlach“, frage ich, „nehmen Sie den Geruch überhaupt noch wahr?“ Der Abfallmanager schaut mich mitleidig an, so wie Landbewohner häufiger Städter ansehen, und sagt: „Klar, nach so einem Wochenende in der Natur auf dem Campingplatz merke ich das schon. Aber wissen Sie was? Man gewöhnt sich an alles!“

TEXT Dominik Schottner | FOTOS Stephan Pramme