Der Lebensmittelretter

Einen großen Rucksack, vielleicht noch einen Fahrradanhänger, eine Taschenlampe und den Schutz der Dunkelheit. Mehr brauchte Raphael Fellmer nicht, als er sich damals aufmachte, um Lebensmittel zu retten. Nachts schlich er zu den Müllcontainern der Lebensmittelketten und durchsuchte sie nach Dingen, die weggeworfen wurden, obwohl sie noch essbar waren. Was er tat, war nach deutschem Gesetz in vielen Fällen streng genommen illegal. Hausfriedensbruch.

Zweieinhalb Jahre lang hat Raphael Fellmer von 2009 bis 2011 auf der ganzen Welt containert. So nennt sich das Abtauchen in die Müllcontainer-Fundgrube. „Fast alles, was ich brauchte, fand ich in den Mülltonnen der anderen“, sagt der 31-jährige Fellmer. „Mir wurde klar, wie pervers es wirklich um unsere Wegwerfgesellschaft steht. Denn wenn man es nicht mit eigenen Augen gesehen hat, kann man es nicht glauben.“

In Surinam in Südamerika sah er Restaurants mitten im Urwald, die ausschließlich Einmal-Geschirr benutzen; in einer ausgehobenen Grube wuchs ein Berg an Plastikbesteck und Papptellern. In den USA fand er Unmengen weggeworfener Kleidung, an der oft noch nicht einmal ein Knopf fehlte. In Deutschland suchte er vor allem bei den Abfallcontainern der Supermärkte nach Lebensmitteln – und wurde immer wieder fündig: Obst mit Druckstellen, Jogurts, die nur einen Tag über dem Mindesthaltbarkeitsdatum lagen – alles noch genießbar. Nach Weihnachten fand er einmal palettenweise Süßigkeiten im Wert von mehreren tausend Euro. So konnte es nicht weitergehen, sagte sich Fellmer und wandte sich an den Einzelhandel.

Das Konzept Foodsharing versuchte schon länger, Privatleute dazu zu bewegen, ihre unliebsamen Lebensmittel über eine Internetplattform weiterzugeben. Der Filmemacher Valentin Thurn stellte das Konzept im TrenntMagazin 5/2013 vor. Fellmer war bei der Gründung mit an Bord, fragte sich aber: Warum nicht auch die Supermärkte mit einbinden? Bei einem Biosupermarkt in Berlin traf er schließlich auf offene Ohren: Man erklärte sich bereit, ihm zwei Mal in der Woche alles, was nicht verkauft und von keiner Organisation abgeholt werden konnte, abzugeben. Mit einem Fahrradanhänger „rettete“ Fellmer von da an regelmäßig Lebensmittel vor der Tonne. Und zwar legal.

Kurze Zeit später startete Fellmer die „Lebensmittelretter“, eine Initiative, bei der Freiwillige mit Lebensmittelbetrieben ähnliche Vereinbarungen organisieren. Immer mehr Freiwillige holen seitdem von kleinen und großen Supermärkten, Bäckereien und anderen Lebensmittelbetrieben ab, was dort nicht mehr zu verkaufen ist. Die meisten Lebensmittelretter decken zuerst den Eigenbedarf und geben den Rest ab an gemeinnützige Organisationen. Fast 400.000 Kilogramm Lebensmittel konnten auf diesem Wege bereits gerettet werden. Inzwischen kooperieren fast 1.000 Betriebe mit den Lebensmittelrettern, die sich auf der Internetseite lebensmittelretten.de organisieren. Ihre Zahl ist mittlerweile auf mehr als 6.000 angewachsen.

Woran aber liegt es, dass es so weit kommen konnte? Dass eine Initiative wie die von Raphael Fellmer überhaupt gestartet werden musste? „Es wäre zu leicht, die Schuld allein den Konsumenten, den Herstellern oder den Verkäufern in die Schuhe zu schieben“, sagt Raphael Fellmer. „Die Supermärkte wollen mit der besten Auswahl auftrumpfen und kaufen besonders viel und günstig ein, die Konsumenten picken sich das Beste heraus und lassen den Rest links liegen. Als Reaktion darauf verschärfen die Supermärkte nur noch ihre Auswahlkriterien. Sie schaukeln sich gegenseitig hoch.“ Durchbrechen könnten diesen Teufelskreis am ehesten noch die Konsumenten. Die seien mächtiger, als sie selbst wüssten, sagt Fellmer. Wenn öfter mal jemand einen Apfel kaufe, der eine Delle hat, dann werde leicht ramponiertes Obst bald nicht mehr aussortiert. Doch davon sei die Masse der Konsumenten noch weit entfernt. Im Gegenteil: Man suche bewusst jene Äpfel heraus, die besonders schön aussehen. Zwar findet fast jeder die Verschwendung pervers, aber wirklich etwas im eigenen Kaufverhalten zu verändern, dazu ist kaum jemand bereit. Dabei gibt es eigentlich schon genügend Anreize. Auch von Seiten der Supermärkte.

TEXT Christian Heinrich | FOTOS Michael Mann