Der Künstler

Gerhard Bär designt Möbelstücke und andere Gebrauchs­gegenstände – aus Müll. Das Besondere an seinen Werken: Die Verpackungsabfälle sind in den Kunstwerken noch zu sehen. Welche Sorte einmal in dem Jogurtbecher war, der in der Lehne verarbeitet ist, der Aufdruck der Shampoo-Flasche, die Werbung auf der Plastiktüte – alles ist zumindest in Teilen noch sichtbar. Neben dem künstlerischen Aspekt geht es ihm auch darum, ein Bewusstsein zu schaffen für den Abfall, den wir produzieren. „Es ist bis heute doch meistens immer noch so: In die Mülltonne, aus dem Sinn. Das will ich ein Stück weit ändern“, so Bär.

Angefangen hatte Bär in den frühen 1990er-Jahren mit der Gruppe Bär & Knell. In Deutschland wurde gerade das Duale System eingeführt, aber was genau mit den nun getrennten Resten geschah, konnte in der breiten Bevölkerung keiner so genau verstehen. Das Entsorgungssystem ist so gut organisiert, dass wir schnell und regelmäßig vom lästigen Müll befreit werden – und damit auch vom Nachdenken darüber. „Ich fragte mich, wie man den Müll in seiner Form und Buntheit erhalten und trotzdem verarbeiten kann“, sagt Gerhard Bär. Auf diese Weise wollte er den Müll mitten in die Gesellschaft und ins Bewusstsein zurückholen. Es begann mit ein paar Sitz­möbeln, mit denen er auf die internationale Möbelmesse in Mailand fuhr. Das Publikum war begeistert, die Presse berichtete. Inzwischen waren die Möbel auf mehr als 50 Ausstellungen vertreten und von Amsterdam über London, Philadelphia bis hin zu Tokyo haben Museen aus der ganzen Welt Bärs Objekte aus Müll gekauft. Der Erfolg gab Bär den Freiraum, besondere Projekte zu starten. So hat er 2006 mit Freiwilligen aus Tibet und Nepal Müll vom Mount Everest gesammelt und aus diesen für den Bergsteiger-Tourismus charakteristischen Abfällen Lampen gebaut. „Man sieht meinen Werken oft an, aus welcher Region der Müll stammt. Das ist eine zusätzliche Ebene“, sagt Bär.

Im Jahr 2010 startete Gerhard Bär dann das Projekt Social Plastics: Er begab sich einige Tage in verarmte Siedlungen in Mexiko-City und baute dort mit den Menschen eine Werkstatt auf, die den Müll zu etwas Brauchbarem weiterverarbeitet. „Erst sammeln wir den Müll auf der Straße ein, dann überlegen wir, zu was wir ihn weiterverarbeiten können, idealerweise etwas, was gerade gebraucht wird“, sagt Bär, der mit Social Plastics zum Beispiel schon in einer Romasiedlung in Berlin und in Armutsvierteln in Albanien und Syrien war. Viele der Werkstätten bleiben bestehen, wenn Bär wieder gegangen ist. „Am Stadtrand von Mexiko-City hat sich ein richtiger Betrieb etabliert, der Umsatz macht und Arbeitsplätze schafft“, sagt Bär. Er lacht: „Ich führe in diesen Projekten das vermeintlich Unvereinbare zusammen, Kunst und Pragmatismus.“ Und er würdigt den Müll als das, was er eigentlich schon längst ist: ein Kulturgut.

TEXT Christian Heinrich | FOTOS Michael Mann