Das verlorene Paradies

TEXT Greta Taubert | FOTO www.fotolia.com (jetsadaphoto)

Unsere Autorin wollte der Zivilisation entfliehen und sich auf eine winzige tropische Insel absetzen. Doch der westliche Wohlstandsmüll war auch dort längst angelandet. Kann man der Plastik­flut überhaupt noch irgendwo entkommen?

Die Gischt spritzte in salzigen Wogen auf das Deck des Schnellbootes. Ein paar Mutige hielten sich an der Reling des schaukelnden Kahns fest, manche legten sich flach auf den Boden, andere umklammerten ihre Rucksäcke. Es ging ein Jauchzen und Stöhnen über den Pazifischen Ozean hinweg, wenn das Salzwasser gegen die Gesichter peitschte. Einer rief seinem Flipflop ein „Bye-Bye“ hinterher, der unaufhaltsam von Bord glitt. Ich war unterwegs nach Gili Air, einer winzigen Insel Indonesiens zwischen Bali und Lombok. Dort, so hieß es im Reiseführer, gebe es nichts außer weißen Stränden, Palmen, Bambushütten. Ein Klischeebild tropischer Idylle, das dem Zivilisationsmüden als ewiger Fluchtort vor Augen steht. Ein Ort, an dem die Welt in Ordnung ist. Immer warm, immer voller Früchte, immer perfekt. Und tatsächlich warteten am Hafen ein paar Pferdekarren darauf, die Saturiertheitsflüchtlinge vom Boot in einen Bungalow zu bringen.

Es lag etwas in der Luft,
das die Idylle vernebelte

Doch bereits auf der ruckeligen Fahrt im Einspänner lag etwas in der Luft, das die Idylle vernebelte. Ein giftiger Dunst stieg aus Erdlöchern auf und qualmte in den weiten Himmel. Die Einheimischen hoben in ihren Gärten Löcher aus, um dort ihren Müll zu verbrennen. Ich presste mein Tuch gegen die Nase, ließ mich an meiner Hütte mit Hängematte absetzen und brach auf, das Inselleben zu erkunden. Ich wanderte das Ufer ab, an dem Korallenreste und Muscheln wie die Fransen eines Teppichs dalagen. Dazwischen: Tüten, Flaschen, Flipflops. Ein junger Mann sammelte einen Badeschlappen auf und ich fragte ihn, was damit passiere. Er sagte: Jeden Tag komme ein Müllschiff, aber das könne der Plastikflut kaum mehr nachkommen. Seit der Tourismus in Indonesien anzieht, landen an den Küsten nicht nur immer mehr Menschen, sondern auch immer mehr Müll. Ich musste an den über Bord gerutschten Flipflop von der Fährüberfahrt denken. So fing das also an. Außerdem seien es viele Bewohner der Insel nicht gewohnt, den Müll in Eimern zu sammeln, geschweige denn zu trennen und abholen zu lassen. Stattdessen würden sie ihn selbst verbrennen. Ich ging weiter und setzte mich in einen der kleinen Warungs – das sind Imbisse, in denen die Einheimischen Reisgerichte mit scharfen Soßen kochen, Getränke und Süßigkeiten verkaufen. Will man dort einen Kaffee trinken, bekommt man von einer langen Schlange glitzernder Tüten mit Anrührkaffee eine abgeschnitten. Ich fragte die Köchin, warum sie denn keinen regionalen Kaffee koche, schließlich wachse in Indonesien ganz ordentlicher Arabica-Kaffee, und sie zuckte gleichgültig die Schultern. Kleine Tüte, klei­ner Preis. Zu jeder Kokosnuss bekam ich einen Plastikstrohhalm gereicht. Jedes Trinkwasser wurde in PET-Flaschen verkauft. Als ich schnorcheln ging, verwechselte ich zwischen den bunten Korallenlandschaften gravitätisch schwebende Plastiktüten mit Quallen – für mich eine Irritation, für die seltenen Meeresschildkröten allerdings ein Todesurteil.

Je länger ich in der Region war und je weiter ich auch auf anderen tropischen Inseln Indonesiens anlandete, umso schlimmer wurde es. Streunerte ich durch kleine Dörfer von Gili Meno, in denen die Menschen in Stelzenhäusern zwischen Wäscheleinen und Kochstelle saßen, sah ich nicht nur einen exotischen Mix aus Vogelkäfigen, Gebetsteppichen und Smartphones in ihrem Lebensraum; hinter einer Mauer entdeckte ich immer eine Müllhalde mit Plastikflaschen und Verpackungen. Schlug ich mich durch den Dschungel von Lombok, um Schwarzkopfaffen zu beobachten, entdeckte ich am Ende mehr Kekstüten und Zigarettenpackungen von anderen Picknickgästen als Wildtiere. Mit dem Tourguide sammelte ich den Müll in Plastiktüten auf, die Indonesier wollten Fotos machen und lachten. Am Ende warf der Guide die Tüten in eine brennende Tonne und schlappte in Flipflops seiner Wege.

Das alles machte mich zuerst wütend, dann traurig, dann verzweifelt. In den abgelegenen Atollen zeigte sich das hässliche
Gesicht unserer glitzernd verpackten Welt. Dort gibt es keine 
Müllabfuhren, keine Recyclinghöfe, keine organisierte Rohstoffrückgewinnung. Dort gibt es noch nicht einmal ein Bewusst­sein dafür, dass es das braucht. Oder zumindest nur sporadisch. Wenn im heißen, feuchten, alles verschlingenden Regenwald ein Blatt, eine Frucht, ein Stück Natur zu Boden fällt, wird es in kürzester Zeit zersetzt. Aber das glitzernde Bonbon­papier bleibt für immer. Die Ewigkeit von Kunststoffen, die sich in diesen natürlichen Kreislauf drängen, ist hier so fehl wie überall. Aber sie tritt vor der Folie der Unberührtheit noch deutlicher hervor. Laut einer Studie, die 2016 im Magazin Science veröffentlicht wurde, gelangen jährlich zwischen 5,5 und 14,6 Millionen Tonnen Plastikabfall aus den Küstenregionen dieser Welt in die Ozeane. Die Ergebnisse sind Schätzungen und Hochrechnungen aus fremden Daten, etwa der Weltbank. Top-Region unter den Verursachern von Ozeanplastik: Südostasien. Und das sind nur die sichtbaren Müllspuren. Wie viel unter der Erde vergraben, auf die weite See hinausgespült und wie viel in unsichtbares Mikroplastik zerfallen ist, lässt sich nicht einmal erahnen.

Konnte ich mir anmaßen,
den Kopf zu schütteln?

Aber wie sollte ich – als Touristin – damit umgehen? Gehörte ich nicht selbst irgendwie mit zu den Verursacherinnen, weil das westliche Bedürfnis nach Komfort den Wohlstandsmüll importiert hatte? Konnte ich mir anmaßen, darüber den Kopf zu schütteln? Oder sogar die Einheimischen zu belehren? Wäre das nicht schon wieder neoimperialistisch arrogant?

Natürlich gibt es auch in Indonesien Initiativen, Vereine und NGOs, die sich für die Umwelt einsetzen. Diese kann man mit Spenden unterstützen. Zum Beispiel die vielen kleinen Schildkröte­nauffangstationen, die vor Ort über Meeresmüll aufklären. Oder die Initiative „Bye Bye Plastic Bags“, die von Kindern gegründet wurde: Sie sammeln Unterschriften, damit Plastiktüten verboten werden, haben in einem Pilotdorf die Tüten durch Stoffbeutel und Papiertüten ersetzt und sind sogar in den Hungerstreik getreten, um den Gouverneur der Region zu anderen Gesetzen zu animieren.

Aber auch vor Ort kann der einzelne Urlauber zumindest selbst mit gutem Beispiel vorangehen. Zuallererst: die wenigen Tonnen, die Müll getrennt sammeln, nutzen. Sie werden oft auf Initia­tive Einzelner aufgestellt und eingesammelt. Auf Strandspazier­gängen nicht nur Muscheln sammeln, sondern auch angeschwemmten Plastikmüll einsammeln und in eine Tonne werfen, die von der Müllabfuhr geleert wird. Manche Inseln machen jeden Sonntag Müllsammelspaziergänge, bei denen einige Engagierte mit Musik und Tüten die Strände abwandern, denen man sich anschließen kann. So gewinnt man schnell Freunde im fremden Land. Die Bewohner des Dorfes Temesi auf Bali haben sogar gemeinschaftlich eine Recyclinganlage errichtet, in der sie den organischen Abfall zu Pflanzenerde verkompostieren. Es gibt fast überall Öko-Resorts und Öko-Hostels, die Materialen wiederverwerten und auf geschlossene Kreisläufe achten. Statt Wasserflaschen immer neu zu kaufen, kann man sie in Restaurants neu befüllen lassen. Einen Bambusstrohhalm oder ein Glasröhrchen für Fruchtsäfte und Kokosnüsse dabeihaben und nach Benutzung ausspülen. In den Warungs um Geschirr bitten und die Köstlichkeiten direkt vor Ort essen – was nicht nur ökologischer, sondern tatsächlich auch unterhalt­samer ist. Kleine Kuchen und Snacks in Bananenblätter wickeln lassen – die genialere Variante einer belast­baren Verpackung. Nie Plastiktüten nehmen, sondern immer selbst einen Beutel dabeihaben. Regional produzierte Kokosseifen und -öle kaufen. Und an Bord von Schnell­booten immer gut auf die Schuhe aufpassen.

Die Autorin Greta Taubert macht gern Selbstversuche, wie ein nachhaltigeres Leben aussehen kann. Zuletzt erschien ihr Buch „Im Club der Zeitmillionäre – Wie ich mich auf die Suche nach einem anderen Reichtum machte“.

FOTOS Greta Taubert (Polaroidrahmen: Colourbox)

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