Getrennt befragt: Darf man sich an weggeworfenen Lebensmitteln einfach bedienen?

„Containern“ ist die englische Umschreibung dafür, wenn Menschen in die Müllcontainer von Supermärkten abtauchen – nicht immer nur aus Not, sondern auch als Protest gegen Lebensmittelverschwendung. In Amerika und Europa wird das Mülltauchen deswegen immer beliebter.

Frederik Vath ist Mülltaucher und wurde 2010 deswegen von der Staatsanwaltschaft Chemnitz angeklagt.

JA
Ich selbst bin Mülltaucher – und zwar aus Überzeugung. Etwa die Hälfte aller produzierten und häufig noch genießbaren Lebensmittel in den reichen Regionen wie Europa und Nordamerika landet im Müll. Häufig nur, weil zum Beispiel ein fauler Salatkopf unter Hunderten vorkommt. Da ist es dann billiger, die ganze Palette zu entsorgen.

Lieber wird einmal mehr weggeschmissen, als die Produkte zu reduziertem Preis zu verkaufen oder gar zu verschenken. Würde das in großem Maße geschehen, könnten nämlich die Preise nicht mehr aufrechterhalten werden – ein perfides System von künstlicher Verknappung. Und wenn ich mir dann den Welt­hunger und seine Gründe, die durchaus auch in dieser Verschwendung der reichen Länder liegen, vor Augen führe, ist es für mich nur eine logische Konsequenz, aus diesem „Nachfrage-Produktion“-Kreislauf auszubrechen.

Holger Eichele ist Pressesprecher des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV).

JEIN
Mülltaucher bewegen sich rechtlich auf schwierigem Terrain. Die Tonnen der Supermärkte stehen oft auf Privatgrund, der nicht ohne Weiteres betreten werden darf. Manchmal möchte der Handel ausdrücklich, dass abgelaufene Lebensmittel vernichtet und nicht weitergegeben werden. Kommt es zu juristischen Auseinandersetzungen, sollte hier aber nicht mit Kanonen auf Spatzen geschossen werden. Der wichtigste Punkt aus Sicht des Bundesernährungsministeriums ist: Wer Lebensmittel aus einer Abfalltonne fischt, nimmt in Kauf, dass die Produkte nicht mehr einwandfrei und mit Bakterien oder Keimen belastet sind. Deshalb rät das BMELV grundsätzlich vom so genannten Containern ab.

Viel wichtiger ist es, im Vorfeld dafür zu sorgen, dass nicht mehr so viele Lebensmittel weggeworfen werden. Im Rahmen der Initiative „Zu gut für die Tonne“ arbeitet das BMELV gemeinsam mit der Wirtschaft an Lösungen, die Müllmenge zu senken. Supermärkte sollten noch mehr Waren kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums preisvergünstigt abgeben. Parallel dazu kann der Handel seine Zusammenarbeit mit den Tafeln und anderen sozialen Projekten verstärken.

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