Berliner Begleiterscheinung

Sie gehört zum Berliner Stadtbild wie Hundehaufen und Junggesellenabschiede: die „Faustmolle“, wie echte Berliner sagen. Nicht schön, aber unvermeidbar.

Morgens, mittags, abends, in Straßen oder Parks, Bussen und Bahnen sieht man Junge und Alte, Einheimische und Fremde, Proleten und Akademiker mit größter Selbstverständlichkeit einen tiefen Schluck aus der Pulle nehmen – aus Prinzip, als Feierabendlohn oder Wegzehrung. Sogar die Frankfurter Allgemeine Zeitung musste mittlerweile feststellen: „Das wahre Wahrzeichen Berlins ist nicht das Brandenburger Tor und auch nicht der Reichstag, sondern eine braune Pfandflasche.“

MEHR WEG FÜR MEHRWEG

Sechskantig, mit Relief und ungewöhnliche Formen – Experten schätzen, dass der Anteil der Designflaschen weiter steigen wird.
Die Hüllen sollen das schaffen, was dem Inhalt immer weniger gelingt: unterscheidbar zu sein. Die Folge: Die Flaschen müssen aufwändig aussortiert und hunderte Kilometer weit durch die Republik zum Abfüller gekarrt werden, wo sie herkommen. Im Gegensatz zu den genormten Flaschen. Sind diese geleert, können sie zur nächstgelegenen Brauerei gebracht, gereinigt, neu befüllt und etikettiert werden.

WRACKBIER

Als Christian Ekström zwischen Finnland und Schweden nach einem gesunkenen Segelschiff taucht, findet er an Bord des Wracks fünf braune, mundgeblasene und verkorkte Pullen. Wie sich später herausstellt, hatte der Profi-Taucher und Pub-Besitzer damit das älteste erhaltene Bier der Welt entdeckt.
Der Zweimaster, knapp 22 Meter lang
und sechseinhalb Meter breit, war um 1840 untergegangen. Damals wurde Bier normalerweise nur in Holzfässern transportiert. Glasflaschen galten als Luxusware.

WASSER, MALZ, HOPFEN UND HOLZ

Wenn es nach dem dänischen Brauriesen Carlsberg geht, können Biertrinker bald mit Flaschen aus Pappmaché anstoßen. Zusammen mit dem Verpackungsspezialisten EcoXpac sowie Experten der Technischen Universität Dänemark will der weltweit viertgrößte Bierkonzern die erste Flasche aus Holzfasern auf den Markt bringen.
Sie kann angeblich komplett kompostiert oder in der Papiertonne entsorgt werden.
Damit das Bier nicht nach nassem Taschentuch schmeckt, soll die so genannte Green Fiber Bottle innen beschichtet sein. Wann die ersten Kisten mit dem Papierbier bei Getränkehändlern stehen werden, ist noch offen.

DASSELBE IN BRAUN 

Acht von zehn Bierflaschen, die in Deutschland gekauft werden, sind Mehrwegflaschen. Sieben dieser acht Flaschen sind so genannte Pool-Flaschen, die jeder Brauer verwerten kann. Jede Mehrwegflasche wird 30 bis 50 Mal wiederbefüllt werden, bevor sie recycelt wird.

VERSCHLUSSSACHE

Vom schnurumwickelten Stopfen aus Naturkork bis zur Porzellankappe mit Gummidichtung – bevor der Kronkorken erfunden wurde, gab es unzählige andere Arten, eine Bierflasche zu verschließen. Da er aus Blech besteht, können Magneten den 21-Zackigen in Sortieranlagen einfach aus dem bunten Wertstofftonnenmix an Jogurtbechern, Waschmittelflaschen, Milchkartons oder Plastiktüten ziehen. Dann wird er ohne Qualitätsverlust recycelt.

Foto Tom Peschel  |  Text Max Gehry

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