Berge versetzen

Die Baubranche giert nach Material – Millionen Tonnen Stein und Sand schaufeln Bagger jedes Jahr für sie aus dem Boden. Gleichzeitig hinterlässt sie riesige Schuttberge. Was entsteht, wenn Trümmer zum neuen Rohstoff werden?

Auf den ersten Blick sieht der Keller von Rainer Leonhardt wie eine Mülldeponie aus. Grelles Neonlicht beleuchtet den länglichen Raum, der bis unter die Decke vollgepackt ist mit Kram: Fliesen aus dem 18. Jahrhundert, kistenweise Türknäufe, Schlüssel, Beschläge von alten Gründerzeit-Villen.

Rainer Leonhardt
Man merkt dem gelernten Tischler Rainer Leonhardt seine Leidenschaft für alte Baumaterialien sofort an. Obwohl er tausende unterschiedliche Baumaterialien in seinem Lager hat, kann er sich doch an jedes einzelne erinnern. Wenn Kunden nach etwas fragen, weiß er sofort, ob die gewünschte Fliese oder der gewünschte Beschlag vorrätig ist.

Leonhardt steht im Anzug und mit Sandalen in der Tür seines Lagers. Er sieht keinen Müll, er sieht: einen Schatz. In jahre­langer Arbeit hat er ihn zusammengesucht, sein Keller ist jetzt die Schatzkammer von etwas, das erst wenige Menschen in Deutschland als so wertvoll erkennen wie er: alte Baumaterialien. Aber – und davon handelt dieser Text – es werden immer mehr, die aus den Mauerwerken der Vergangenheit die Gebäude der Zukunft bauen. Wer sind die Trümmermenschen des Baugewerbes, was treibt sie an und was steckt in einem Haufen Schutt?

Beginnen wir also bei Rainer Leonhardt, einem gelernten Tischler, der antike Baumaterialien sammelt, restauriert und wieder verkauft. Während in Deutschland immer mehr Häuser abgerissen werden, versucht Leonhardt etwas davon zu retten. Und zwar ein Stück Kultur.

Betritt man seinen Laden in Berlin, fällt der Blick sofort auf ein Zitat von Alexander Demandt, das er sich ausgedruckt und aufgehängt hat: „Denn das, was wir der Vorwelt verdanken, ist ein Vielfaches von dem, was wir für die Nachwelt leisten können.“

„Die Leute müssen verstehen, dass diese antiken Baumaterialien den neuen qualitativ meist weit überlegen sind“, sagt Leonhardt, während er einen Türgriff aus einer Gründerzeit-Villa begutachtet. „Wenn heute etwas produziert wird, gibt es eine Trennung zwischen Hersteller und Designer. Der eine ist für die Funktionalität, der andere für die Schönheit zuständig. Dabei kommen wahnsinnig schiefe Dinge raus. Früher war das im Einklang, weil alles von einem Handwerker konstruiert wurde. Die Funktionalität stand an erster Stelle, Schönheit an zweiter.“

Leonhardts Arbeit hat eine lange Tradition. Bis zur Industrialisierung war es normal, dass noch nutzbare Baumaterialien wieder­verwendet wurden. Doch mit der Massenproduktion lernten die Menschen das Wegschmeißen.

Erst Ende der sechziger Jahre wurde das Potenzial alter Bau­materialien von einigen wenigen wieder erkannt, als damals viele Häuser abgerissen wurden. Sie versuchten sich den massiven Abrissen entgegenzustellen und retteten ein paar alte Eisengitter. Obwohl sie damals dafür noch ausgelacht wurden, begann so die Wertschätzung der Materialien.

Doch während in Frankreich und den Niederlanden ganze Flughallen als Lager für antike Baumaterialien dienen, ist in Deutschland die Szene noch immer klein. „Das hat mit der Identifikation mit dem Land zu tun“, sagt Leonhardt. „Nach Hitler wollten die Deutschen einfach nur alles hinter sich lassen.“ Bis heute trifft seine Liebe zum Alten auf Unverständnis. Als er vor ein paar Jahren sein Sortiment alter Schätze auf einer Messe präsentierte, fragte ihn ein Mann, warum er diesen
alten Mist denn aufhebe. Das gebe es doch alles im Baumarkt. „Wenn ich so was höre, werde ich entweder zum Missionar oder wende mich mit Grauen ab.“

Für Leonhardt begann alles mit antikem Holz. 1980 eröffnete Leonhardt eine Tischlerei und restaurierte alte Möbel. Weil es immer besser sei, Fehler mit gleich altem Holz auszubügeln, legte er sich ein Alt-Holz-Lager zu, das immer größer wurde. „Alle riefen mich an. Hast du dies? Hast du jenes?“ Bald sammelte er auch Beschläge und altes Fensterglas. Wie viel heute in seinem Lager im Keller steht, weiß er selbst nicht mehr.

Immer wieder wird Leonhardt mit dem Vorwurf konfrontiert, seine Branche forciere allein durch ihre Existenz die Abrisse von alten Häusern. „Ich war lange Mitglied des Unternehmerverbandes Historische Baustoffe e.V. Unser Kodex schreibt vor, dass der Erhalt historischer Anlagen an ihrem angestammten Ort für uns Priorität hat. Jedes neue Teil, das ich erhalte, sehe ich mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Wenn mich jemand anruft und fragt, ob ich seine antiken Dachziegel haben möchte, dann frage ich ihn erstmal, warum er die denn loswerden möchte. Wenn man ein neues Dach baut, liegt das
Problem nicht bei den Ziegeln. Manchmal konnte ich die Leute dadurch zum Umdenken bewegen“, sagt Leonhardt. „Im End­effekt habe ich aber keinen Einfluss auf die Entscheidung. Und natürlich darf ich auch nicht hinter nostalgischen Spinn­weben verschwinden.“

Der Zimmermann Martin Blöcher in einer ehemaligen Ziegelei, die er umgebaut hat und die ihm nun als Lagerplatz für alte Baumaterialien dient.
Der Zimmermann Martin Blöcher in einer ehemaligen Ziegelei, die er umgebaut hat und die ihm nun als Lagerplatz für alte Baumaterialien dient.

Was Leonhardt in Einzelteilen macht, macht Martin Blöcher mit gesamten Häusern. Der Zimmermann fing einst auch damit an, alte Baumaterialien zu sammeln und zu restaurieren. Als die Nachfrage danach so groß wurde, spezialisierte er sich darauf, ganze Häuser zu versetzen. Doch mit Inkrafttreten einer härteren Wärmeschutzverordnung vor gut zehn Jahren brach der Markt ein, Blöchers umgesetze Häuser galten als Neubauten und mussten deshalb auch dieselben Vorschriften erfüllen, was nicht ohne hohe zusätzliche Kosten machbar war. Als Normalverdienender war eine solche Ver­setzung finanziell nicht mehr zu stemmen. Also suchte sich der Zimmermann Blöcher eine neue Herausforderung und wandte sich dem Upcycling zu.

Upcycling meint die Umwandlung scheinbarer Abfallprodukte in höherwertige Produkte. Bei Blöcher bedeutet das, dass er mit seiner Firma mithilfe modernster Technik alte Häuser zurückbaut, Ziegel für Ziegel, Nagel für Nagel. Alles wird gesäubert, überholt, nummeriert. „Dann kommt die Herausforderung: Wir schauen uns jedes Material an und schätzen ein, was man aus ihm machen könnte“, sagt Blöcher. So wird aus einem alten Steinfußboden zum Beispiel eine Natursteingrotte mit Kamin – und ein nachhaltiger Kreislauf.

Doch warum sollte sich jemand dafür entscheiden, sein Haus von Blöchers Firma rückbauen und nicht abreißen zu lassen, wenn das finanziell gesehen teurer ist?

Blöcher antwortet mit der Geschichte eines älteren Ehepaars, das vor einiger Zeit zu ihm kam. Sie mussten sich vom Haus ihrer Kindheit verabschieden. „Obwohl unser Angebot für einen Rückbau nicht so günstig wie anderswo war, entschieden sie sich für uns, weil sie nicht wollten, dass das Haus, in dem sie groß geworden sind, irgendwo auf einer Deponie landet.“ Durch Martin Blöchers Idee kann das Haus in anderen Häusern weiterleben. Das Ehepaar fotografierte alle Arbeitsschritte der Handwerker, schenkte später jedem Mitarbeiter von Blöchers Unternehmen eine Mappe und besucht das Unternehmen bis heute immer wieder, um zu schauen, was aus den Materialien ihres alten Hauses entstanden ist. „Ihre Tochter hat sogar noch einen Deckenbalken gefunden, auf dem der Familienname stand. Aus diesem Balken haben wir einen Esstisch gebaut, der nun bei ihr zuhause steht.“ Blöcher sagt, dass seine Kunden jene Menschen sind, die Entschleunigung suchen. Das Leichte, Einfache, Kurz­lebige befriedigt sie nicht. „Sie sehnen sich nach einem Kontrast, etwas mit Charakter, das sie Ruhe finden lässt“, sagt Blöcher.

Letztens hat er das Haus eines Ärztepaars umgebaut, das seit mehr als 60 Jahren in einem modernen Designhaus mit großen Glasfenstern und viel Beton lebte. „Die kamen zu uns und sagten, sie hätten sich da nie wohl­gefühlt. Sie wollten wieder ein schönes Lebensgefühl“, sagt Blöcher. Er hat den Linoleum-Boden durch alte Eichendielen ersetzt und Buntglas-Türen eingebaut. „Das ist alles nicht tierisch spektakulär gewesen, aber das Gesicht des Hauses hat sich dadurch total geändert. Es hatte auf einmal Geschichte.“ Dabei gehe es nicht um die Geschichte an sich, die Menschen interessiert nicht mehr, wo eine Diele wann schon lag. Es geht viel mehr um die Idee von Geschichte, um die eigene Rückbesinnung beim Betrachten der Diele, um die Gewissheit: Irgendetwas bleibt.

Die Wiederverwertung von Baumaterialien bietet aber mehr als nur den Charme alter Dinge, wie bei Blöcher und Leonhardt.
Schon bald wird sie notwendig sein, denn die Baubranche hinterlässt laut NABU (Naturschutzbund Deutschland e.V.) jährlich knapp 200 Millionen Tonnen Bauabfälle. Das ist mehr als die Summe aller restlichen Abfälle zusammen. Bisher wurden Bau­abfälle meist als Füllstoff für ostdeutsche Straßen verwendet, doch diese sind weitestgehend fertig und andere Lösungen müssen gefunden werden.

Versteckte Tonnen

Wer nachhaltig wohnen und leben möchte, trennt seinen Hausmüll. Denn Recycling führt die Ressourcen wieder in den Wertstoffkreislauf zurück. Um das Mülltrennen zu erleichtern, rät Mario Coopmann, Standplatz-Experte der Berliner Stadtreinigung (BSR), bereits beim Hausbau Müllplätze einzuplanen. Gerade weil sich der Wohnraum immer weiter verdichtet, gibt es sonst kaum noch Platz für die verschiedenen Tonnen. Aktuell lobt die BSR einen Architektur-Award aus, bei dem sich Bauplaner, Architekten, Unternehmen der Wohnungswirtschaft wie auch Studenten und Auszubildende Ideen und Konzepte für „innovative Müllplätze“ überlegen sollen. Weitere Infos unter www.competitionline.com/BSR.

Walter Feeß recycelt Beton aus alten Gebäuden. Daraus entstehen neue Wände wie diese. Für seine Arbeit bekam er dieses Jahr den Recycling-Award „Die Grünen Engel“ verliehen.
Walter Feeß recycelt Beton aus alten Gebäuden. Daraus entstehen neue Wände wie diese.
Für seine Arbeit bekam er dieses Jahr den Recycling-Award „Die Grünen Engel“ verliehen.

Ein Blick in die Schweiz zeigt, was aus dem Bauschutt entstehen kann. Weil dort Steine schwerer abzubauen sind als in Deutschland und in den Bergen kaum Platz zum Deponieren vorhanden ist, mussten die dortigen Bauunternehmer schon vor über zehn Jahren kreativ werden: Sie setzten auf Recycling­beton. Häuser werden bis auf das Skelett zurückgebaut, der
Beton zerschlagen und später wieder zu neuem angerührt. Schon heute macht Recyclingbeton gut die Hälfte des im Kanton Zürich eingesetzten Betons aus. Durch Gesetze wie die LKW-Maut, die Fahrten zu den Deponien teurer machte, oder die Verpflichtung, bei allen öffentlichen ausgeschriebenen Bauvorhaben Recyclingbeton zu benutzen, forcierte die Politik diese Entwicklung.

Gut 60 Milliarden Tonnen Beton stecken in deutschen Brücken, Tunneln, Häusern oder Straßen, schätzt das Umweltbundesamt. Und auch hier wird die Deponiefläche immer knapper. Doch in Deutschland ist Recyclingbeton bis dato selten. Einer der wenigen deutschen Hersteller ist das Familienunternehmen von Walter Feeß. Mittlerweile beliefert Feeß vier Betonwerke – doch es sollen mehr werden, wenn es nach ihm geht, nicht nur um Ressourcen zu schonen. „Allein durch die kürzeren Wege könnten wir Millionen Tonnen CO₂ einsparen.“ Wenn alle Bauherren Beton recyceln würden, würde ein Drittel des Kies­bedarfs wegfallen, es müsste deutlich seltener hunderte Kilometer bis zum nächsten Kieswerk gefahren werden und auch die Fahrten zu den Deponien würden weniger. Alles könnte an einem Recyclingplatz passieren. Aber Feeß stößt ständig auf Kritik. Das lässt ihn richtig wütend werden. „Die sagen, ein Recyclingplatz macht Verkehr, macht Staub, macht Dreck. Dabei geht es hier um Naturschutz! Es ist doch unsinnig. Es wird sich um jeden Käfer gekümmert, aber dann lässt man uns wieder 100 Kilometer und mehr fahren, um Material zu beschaffen und zu entsorgen.“

Walter Feeß hat seine Leidenschaft für Recyclingbeton 2010 entdeckt, als das Umweltministerium von Baden-Württemberg in Stuttgart ein Pilotprojekt startete und den Bau von 108 Wohnungen mit Recyclingbeton initiierte. Der Stuttgarter Bau- und Wohnungsverein fragte Feeß, ob er bereit wäre mitzumachen. Mit einem Bus sind alle Projektbeteiligten nach Zürich gefahren, um die Schweizer Vorreiter des Baurecyclings zu besuchen. „Ich hab mir das vorher auch nicht vorstellen können“, sagt Feeß, „aber ich habe dort gesehen, wie die aus Bauabfällen den besten Beton hergestellt haben. Es war nicht mehr Aufwand. Es wurde gleich viel Zement gebraucht. Etwas mehr Wasser. Und unter dem Strich war es preisgünstiger als normaler Beton. Es gibt nur Vorteile.“ Seitdem hat das Thema Feeß nicht mehr losgelassen. Er ist zum Recyclingbeton-Missionar geworden, hält Vorträge und hat bereits 115 Besuchergruppen mit über 600 Personen in seinem Unternehmen empfangen, darunter Politiker, Architekten und Ingenieure. „Zum Abschluss sage ich immer wieder: Wir tragen die Verantwortung, dass unsere Kinder eine lebenswerte Zukunft haben, wir dürfen nicht weiter­hin auf ihrem Rücken Geld verdienen“, sagt Feeß. „80 Prozent aller Menschen, denen ich das zeige, sind begeistert. Die Politiker sagen: Machen Sie weiter. Doch dann passiert nichts. Wir dürfen nicht nur reden, wir müssen aktiv handeln!“

In Berlin wird gerade ein Anfang gemacht:
Nachdem der Rohbau des Laborgebäudes der Humboldt-Universität mit 5.400 Kubik­meter Recyclingbeton gebaut wurde, sollen nun alle öffent­lichen Gebäude, die das Land Berlin in Auftrag gibt, mit Recycling­beton gebaut werden.

Denken wir noch einen Schritt weiter: Ist also die Stadt selbst die Rohstoffmine der Zukunft? Kann eine aus der Not entstandene Tugend zum Wachstumsfaktor für die Wirtschaft werden?

Vertikale Gärten

Der Kreislaufgedanke beim Wohnen lässt sich noch weiter denken. Der Pariser Botaniker Patrick Blanc hat die so genannten „Vertikalen Gärten“ erfunden. Weil er die grauen Fassaden seiner Heimatstadt nicht mehr aushielt, entschloss er sich, die Natur zurück in die Stadt zu holen, und fing an, Häuserwände im Stil des Regenwaldes zu bepflanzen. Entstanden sind blühende Kunstwerke, die sich als Miniökosysteme weitestgehend selbst erhalten und als biologische Klimaanlagen fungieren. Da die Pflanzen CO₂ und Feinstaub aufnehmen, reinigen sie langfristig die Luft. Am Berliner Kaufhaus-Dussmann-Haus wachsen seit Januar 2012 etwa 6.500 tropische Pflanzen auf 72 Quadratmetern Richtung Himmel. Sie benötigen keine Erde, nur etwas Wasser und Licht.

An der Universität Wuppertal forscht die Architektin Annette Hillebrandt, wie man das spätere Recycling eines Hauses bereits bei seiner Planung konzipiert.
An der Universität Wuppertal forscht die Architektin Annette Hillebrandt, wie man das spätere Recycling eines Hauses bereits bei seiner Planung konzipiert.

Das Phänomen der Rohstoffrückgewinnung in der Stadt nennt sich Urban Mining, was so viel wie Stadtschürfung bedeutet. Die Abhängigkeit von steigenden Rohstoffpreisen und -importen kann dadurch verringert, Milliarden können eingespart und die Umweltbelastung gemindert werden. Annette Hillebrandt ist Architektin, Professorin an der Universität Wuppertal und Mitglied des Urban Mining e.V. „Auch ich habe lange zu den Architekten gehört, die einfach nur gute Architektur machen wollten, avantgardistisch und schön. Einzige Kriterien für die Nachhaltigkeit eines Gebäudes schienen eine große Nutzer­akzeptanz und die würdige Alterung der verwandten Materialien zu sein“, erzählt Hillebrandt. „Ich bin schon seit Jahrzehnten Mitglied bei Greenpeace. Aber erst die Lektüre zu den sich immer weiter verknappenden Rohstoffen und die mit der Rohstoffausbeutung einhergehende Umweltverschmutzung hat mich umdenken lassen. Seitdem konnte ich nicht so weiterbauen wie vorher.“ Heute forscht Hillebrandt, wie man effizient bauen kann, um bereits bei der Planung ein Konzept für das Recyceln des Hauses zu haben. Dafür unterscheidet sie drei Ebenen, die zu durchdenken sind: die städtebauliche Ebene, die Objektebene und die Detailebene.

„Zur städtebaulichen Ebene“, sagt Hillebrandt „gehören folgende Fragen: Wo baue ich überhaupt? Es ist immer besser, auf Flächen zu bauen, die bereits erschlossen sind. Oder kann ich ein bestehendes Haus als Rohbau weiterverwenden? Wenn das nicht geht, wie kann ich den Boden unangetastet lassen? Kann ich auf den Keller verzichten? Wenn man Urban Mining auf der Objektebene planen möchte, sollte man versuchen, das Haus möglichst flexibel und modular zu gestalten. Bei einem Skelettbau ohne tragende Wände kann ich alle Innenraum­abtrennungen flexibel neuen Nutzungen anpassen. Außerdem sollte man Lastreserven einplanen, um später zum Beispiel aufstocken zu können. Zuletzt die Detailebene: Hier müssen Entscheidungen darüber getroffen werden, wie man die Materialien zusammenfügt, um eine Wiederverwendung zu verbessern. Sortenreine Rückgewinnung von Materialien ist die Voraussetzung für gelungenes Recycling. Daher sollte man auf verklebte Verbindungen verzichten.“

Doch genau wie Feeß klagt auch Hillebrandt über mangelnde Begeisterung von Politik und Wirtschaft. „Die Politiker sind noch bei der Energiewende. Aber wir wissen mittlerweile, dass wir genug Energie mit erneuerbaren Quellen erzeugen können. Daher fordern wir eine Ressourcenwende. Wir sollten aufhören, die Welt weiter zu schürfen, und müssen in geschlossenen Ressourcenkreisläufen denken“, sagt Hillebrandt. Sie spricht sich für das Verursacherprinzip auf Ebene der Bauprodukte-Hersteller aus. Und das schlösse auch ein, den Bauherrn oder Investor für den Rückbau und das Recycling seines Gebäudes verantwortlich zu machen.

Matthias Korff
Der Architekt Matthias Korff sitzt auf einem Stück Außenwand seines „Woodcubes“ – ein komplett recycelfähiges Haus.

Matthias Korff steht inmitten der Zukunft des Bauens: auf dem Gelände der Internationalen Bauausstellung (IBA) im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg. Er zeigt auf die Häuser um ihn herum. „Die sind alle an einer wesentlichen Aufgabe gescheitert.“ Mit Aufgabe meint Projektentwickler Korff die Aufforderung der IBA an die Architekten, Bauten zu präsentieren, die zukunftsweisend in Bezug auf den Klimawandel sind. „Was hier am Ende übrig bleibt, ist jede Menge Sondermüll“, sagt Korff und zeigt auf ein Holzhaus. „Nehmen wir das hier: Da hat jemand mit Holz gebaut, nur um das Haus dann mit Brandschutzfarbe anzumalen. Warum baut man Gift in ein Haus?“ Er zieht die Augenbrauen hoch. „Oder hier“, Korff bleibt vor einem quietschgrünen Haus stehen, auf dessen Seite das Wort „Cool“ steht. „Dieses Haus hat eine Bioalgenfassade. Da wird CO₂ hineingeblasen und aus den Algen kann Biomasse gewonnen werden. Aber wer hier einzieht, zieht auch schnell wieder aus. Hören Sie mal!“ Die Bioalgenfassade brummt so laut, dass die Balkone des Hauses quasi unbenutzbar sind. „Und das muss ich jeden Tag aus meinem Wohnzimmer sehen.“

Sein Wohnzimmer befindet sich in der obersten Etage des Hauses, das Korff zur IBA Hamburg 2013 beigetragen hat: der Woodcube – ein schadstofffreies, komplett re­cycelbares Haus. Es besteht aus Massivholz, dessen Außenwände ohne Kleb-, Dämm- beziehungsweise Kunststoff auskommen. „Es wäre also möglich, das ganze Haus zu zerschreddern und im Wald zu verstreuen“, sagt Korff. „Es ist das erste fünfgeschossige Mehrfamilienhaus der Welt, das komplett CO₂-neutral in Herstellung und Betrieb ist.“ Mit der Energie, die für den Bau eines normalen Hauses gebraucht wird, ließen sich nach Berechnungen der Uni Darmstadt 70 Woodcubes herstellen.

Heiße Computer

Wenn ein Laptop zu lange auf den Oberschenkeln liegt, werden diese ziemlich warm. Was im Winter angenehm und im Sommer lästig ist, brachte Christof Fetzer, Professor an der TU Dresden, auf eine Idee. Als er beim Bau seines Hauses nach einer kostengünstigen Lösung fürs Heizen suchte, fielen ihm die vielen Server aus dem Fachbereich Systems Engineering ein, die durch­gehend laufen und somit viel Wärme abgeben. Er fragte sich, ob man diese Wärme nicht umwandeln könne, um damit kostenlos zu heizen und Wasser zu erwärmen. Er wandte sich an den Physiker Jens Struckmeier und den Betriebswirtschaftler Marcel Schretzmann und nach einigen Versuchen entwickelten sie einen Serverschrank, der die Wärme in die Zentralheizung und die Warmwasserversorgung einspeist. Im Oktober 2011 gründeten sie die Firma Cloud&Heat. Für 12.000 Euro kann man sich dort einen Serverschrank bestellen. Ob klassisches Einfamilienhaus oder Gewerbeimmobilie, Cloud&Heat ist in jedem Zuhause einsetzbar. Außerdem sind die Server so programmiert, dass sie je nach Wettersituation unterschiedlich ausgelastet werden. So wird im Winter mehr und im Sommer weniger Rechenleistung abgerufen.

Text: Zola Schumacher | FOTOS: Jann Klee

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