Becherowski

Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe mag Kaffee.
Allerdings in Tassen und nicht in Wegwerfbechern. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, gegen die wachsende Flut der Pappbecher anzutreten. Das sind immerhin 450.000 pro Tag – allein in Berlin. Wir treffen ihn in einem Café, natürlich zum Kaffee.

Das würde man schon gerne wissen: Wie Thomas Fischer reagiert, wenn man ihm zum Gespräch über seinen Kampf gegen die Berliner Coffee-to-go-Marotte einen Pappbecher Kaffee mitbringt – und dann auch noch so tut, als wäre das nicht als Provokation, sondern nett gemeint. Aber so was kann man nicht machen, oder?

Was sich ein Porzellanverfechter wie Fischer dagegen gefallen lassen muss, ist eine dreiste Frage zum Einstieg. Und die liegt ja auch auf der Hand bei einem, der: Erstens ständig durch die Republik reist, um die Umwelt zu retten (Termine, Termine, Termine). Zweitens ein Kaffeejunkie sein muss (schließlich hat er kleine Kinder und braucht nach den kurzen Nächten tagsüber sicher Koffein als Wachhalter). Und der – wegen erstens und zweitens – drittens bestimmt einer ist, der auch mal unterwegs ein Käffchen schlürft. Also nochmal tief Luft holen. Los geht’s:

Herr Fischer, haben Sie eigentlich noch alle Tassen im Schrank?

Sie meinen, weil ich unterwegs niemals Kaffee aus einem Pappbecher trinke, ist bei mir zuhause langsam das Porzellan alle? Keine Sorge. Ich habe einen schönen Edelstahlbecher mit Schraubverschluss, damit der Kaffee schön heiß bleibt und auch nicht ausläuft.

Oje. Hat der trotz der zweideutigen Frage eine Sekunde überlegt, ob ich ihm die vielleicht stelle, weil ich die Abschaffung von Coffee-to-go-Bechern für völlig übertrieben halte? Hat er nicht. Na, dann anders formuliert:

Sie wollen Berlinern und Hauptstadt-Touristen verbieten, unterwegs Kaffee zu trinken. Ist das wirklich Ihr Ernst?

Nein. Wer sind wir, dass wir irgendjemandem irgendwas verbieten? Wir wollen vor allem auf das Pappbecher-Problem aufmerksam machen und zeigen, dass wir uns von der Austrinken-wegschmeißen-fertig-Mentalität verabschieden müssen. Dazu gehören Verbrauchertipps, wie man seinen Kaffee unterwegs genießen kann – ohne Abfälle zu erzeugen.

Wie groß ist denn das „Pappbecher-Problem“?

Schauen Sie: Wenn auf dieser Welt alle so leben würden wie wir in Deutschland, dann bräuchten wir zwei Erden. Deutschland müllt sich zu. In kaum einem anderen Land in
Europa werfen die Menschen so viel weg wie hier zu lande.

Jeder von uns produziert mehr als 600 Kilogramm Abfall im Jahr – wenn man die Gewerbe- und Industrieabfälle dazurechnet. Der Coffee-to-go-Becher ist ein Beispiel, wie verschwenderisch wir mit Ressourcen umgehen.

Zahlen, bitte!

Wir haben in diesem Jahr eine Umfrage gemacht. Die Ergebnisse waren erschreckend: Allein in Berlin werden pro Jahr insgesamt 166 Millionen Becher weggeschmissen. Das sind umgerechnet mehr als 450.000 Stück am Tag – würde man die alle nebeneinanderstellen, ergäbe das eine Strecke vom Alexanderplatz bis nach Potsdam.

Alles Becher, die recycelt werden können.

Der größte Teil der Becher wird verbrannt. Denn in der Realität landen fast alle Becher in Straßenmülleimern und damit im Restmüll. Oft werden sie auch einfach auf die Straße geschmissen oder sonst wo in die Landschaft. Vermüllung ist in Berlin ein massives Problem.

Okay, kapiert. Aber den Bechertrend zu verfluchen, ist so originell, wie über einen Stau zu schimpfen, in dem man steckt. Wir trinken nun mal unterwegs, nebenbei. Deshalb hat es der Coffee to go ja auch so geschmeidig in unsere Kultur geschafft. Denkt Fischer auch über so was nach? Mal sehen.

Wie erklären Sie sich den Trend zum Mitnehmkaffee?

Das Gefühl der permanenten Beschleunigung hat die Menschen auch zu früheren Zeiten schon gequält. Ich glaube allerdings, dass wir nicht zu wenig Zeit haben, sondern zu viel zu tun. Sobald wir auf unserer To-do-Liste eine Aufgabe abgehakt haben, kommen unten fünf neue hinzu. Wir sind eine gehetzte Gesellschaft auf der Flucht vor der Welle, die jeden Moment über uns zusammenschlägt. Die Folge ist, dass wir permanent nach Möglichkeiten suchen, Zeit zu sparen. Unser Zeitfenster ist so eng, dass wir uns nicht mal mehr hinsetzen für ein paar Schlückchen. Wir suchen Entspannung in Hektik. Wir wollen Genuss und befriedigen ihn im Vorüberhasten.

Insofern ist der Kaffee aus der Schnabeltasse das perfekte Accessoire zu dem, was wir unter Leben verstehen?

Jede Gesellschaft hat die Kultur, die sie verdient. Es ist schade, dass viele bei Kaffee­trinken heute nur noch an Aufwachen, Auftanken, Aufputschen denken. Aber ich werde hier kein Plädoyer für die koffeinhaltige Entschleunigung halten. Oder darüber sinnieren, ob uns die Kunst des Genießens abhandenge­kommen ist. Auch bei mir ist Kaffeetrinken nicht immer nur Genuss, sondern manchmal Mittel zum Zweck. Aber eben nicht aus einem Pappbecher mit Plastikdeckel.

Also gut. Scheint, als ob Fischer doch kein verbohrter Protestkaffeetassentrinker ist. Bleibt die Frage nach den Alternativen.

Wie kommt der Kaffeetrinker ökologisch korrekt durch den Tag?

Eine Variante, die den Müllberg verringert und gleich­zeitig Holz, Wasser und Energie spart, die für die immer währende Neuproduktion der Becher gebraucht werden, ist der Coffee-to-go-Mehrweg­becher. Der lässt sich wieder und wieder befüllen.

Danke für das Gespräch, Herr Fischer.
Gehen wir hier um die Ecke noch eine Tasse Kaffee zusammen trinken?

Tut mir leid. Andermal. Keine Zeit. Muss zum nächsten Termin.
Der Kampf gegen den Kaffeebecher hat schließlich gerade erst angefangen.

Text Max Gehry | FOTOS Stephan Pramme