Der Reisswolf

Peter Lohr leitet eine der modernsten Sortieranlagen für Altpapier und erkennt in der täglichen Papierflut, wie es um Deutschland bestellt ist.

Wenn es klirrt, schüttelt er den Kopf. Scheppert es, winkt er ab. Und wenn es muffig riecht und sich im Mund etwas schal und pelzig als schlechter Geschmack auf die Zunge schiebt, runzelt er die Stirn. Ohne dass er hinschaut, kann Peter Lohr bei jeder Ladung sagen, ob der Laster hier gerade eine gute Fuhre Alt-papier in seine Halle kippt – oder mal wieder jemand halb volle Gurkengläser in die Blaue Tonne geschmissen hat, ein klappriges Bügelbrett oder Tüten mit tropfendem Küchenmüll. Was der Sommelier für Wein ist, ist Peter Lohr für Altpapier. „Papier“, sagt der 33-Jährige, „das ist nicht nur Sehen – das ist Hören, Fühlen, Schmecken.“

„Papier kann man nicht nur sehen – man kann es hören, fühlen, schmecken.“

Papier ist Lohrs Leben. Er hat bei einem Altpapierhändler gelernt. Heute ist er der Betriebsleiter einer der bundesweit modernsten Sortieranlagen. Die Trennfabrik in der Neuköllner Lahnstraße gehört der Wertstoff-Union Berlin, kurz WUB. 120.000 Tonnen Altpapier aus Berlin und Brandenburg werden hier pro Jahr im Zweischichtbetrieb auseinanderklamüsert und zu kubikmetergroßen Würfeln gepresst. Das spart eine Holzmenge ein, die fast so groß ist wie der Grunewald.

Bis Werbeprospekte, Aufwickelhülsen von Küchenrollen oder Medikamentenschachteln in einem der Riesen-Pakete landen, legen sie in Neukölln einen kilometerlangen Weg zurück. Der beginnt in der Entladehalle, wo die weiß-orange karierten Sammelfahrzeuge ihre Fuhren auskippen und der Fahrer eines Radladers den Papier-Mix portionsweise auf ein Förderband schaufelt, das in die benachbarte Halle läuft. Dort fließt der Strom weiter, dann werden die Seiten, Fetzen, Schnipsel durch Siebe gerüttelt, von Infrarot-Scannern durchleuchtet und mit Druckluft auf andere Bänder gepustet. „So wird der Inhalt der Blauen Tonnen immer weiter getrennt“, erklärt Lohr. „Was die Maschinen übersehen, fischt die Sortiermannschaft dann in Handarbeit vom Band.“

Aus Lohrs Hallen rollen die sortierten Papierballen auf LKWs in Papierfabriken. Dort wird das gebrauchte Papier in riesigen Mixern in Wasser verrührt, zerfasert und von allem befreit, was Lohrs Team noch nicht rausfischen konnte: Druckfarben zum Beispiel. Aus dem Faserbrei macht eine Maschine frisches Papier, von dem irgendwann ein Teil wieder in den Blauen Tonnen von Mietshäusern, Schulen oder Firmen landet – und schließlich wieder bei Peter Lohr. Papier ist geduldig, sagen die Leute. „Papier ist heikel“, sagt Peter Lohr. Bleibt Altpapier zu lange liegen, werden seine Fasern brüchig und der Ausschuss bei der Wiederaufbereitung wird größer. Ideal ist ein Umlauf in vier bis sechs Monaten: von der Papierfabrik zur Druckerei, in den Briefkasten, in die Sammeltonne, zum Sortier-Team von Peter Lohr und wieder zurück in die Fabrik.

Wenn es stimmt, dass man eine Gesellschaft an dem erkennen kann, was sie wegwirft, dann ist Peter Lohr dafür ein guter Gradmesser. Er sagt: „Einerseits beobachten wir, dass der
Anteil von Zeitungen immer weiter abnimmt. Andererseits steigt der Anteil von Verpackungen, seit die Menschen immer häufiger im Internet einkaufen.“ Die Deutschen konsumieren pro Kopf und Jahr fast 250 Kilogramm Papier – so viel wie alle Afrikaner und Südamerikaner zusammen. Für die Produktion allein aus frischen Holzfasern gingen dafür etwa 400 Kilogramm Holz, viel Energie und 73.000 Liter Wasser drauf. „Zum Glück“, sagt Peter Lohr, „liegt die Altpapiereinsatzquote bei ca. 70 Prozent.“ Dass wir beim Sammeln von Papier im internationalen Vergleich fast so was wie Muster-knaben sind, sollte uns nicht dazu verleiten, uns selbstzufrieden zurückzulehnen. Recycling ist sinnvoll, die steigende Recycling-rate ein ökologischer Erfolg. Aber damit, dass man die Werbeflyer aus dem Briefkasten zum Sammelcontainer bringt, ist es nicht getan. Ökologisch gesehen ist das beste Altpapier das, das gar nicht entsteht.

TEXT Max Gehry | FOTOS Stephan Pramme

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