Alles ist Beta

INTERVIEW Greta Taubert  |  FOTOS Stephan Pramme

Es ist ein kühler Sommertag. Van Bo Le-Mentzel hat seine Tochter im Tragetuch vor den Bauch geschnallt und marschiert mit ihr über die Rasenfläche vor dem Bauhaus-Archiv in Berlin. Auf diesem Areal soll bis zum 100-jährigen Jubiläum des Bauhauses ein Campus voller winziger Häuser entstehen, so genannte Tinyhouses. Van Bo Le-Mentzel ist der Kurator des Projekts und hat verschiedene Menschen, Gruppen und Gemeinschaften eingeladen, selbst aktiv zu werden, sich und ihren Ideen ein Haus zu bauen. Ein erstes Tinyhouse steht schon, das New Work Studio, in dem über die Zukunft der Arbeit nach­gedacht werden soll. Dort setzen wir uns auf einen Berliner Hocker, ein Objekt der „Hartz-IV-Möbel“, mit denen Van Bo bekannt geworden ist.

Van Bo, kannst du dich mit dem
Begriff des „Makers“ identifizieren?

Ich bekomme sehr unterschiedliche Begriffe zugewiesen: Manche sagen einfach Architekt, weil ich das studiert habe. Manche nennen mich Designer – das gefällt mir nicht so, weil darin das Verkaufen so starkes Gewicht bekommt. Manche bezeichnen mich als Social Designer, aber darunter kann ich mir selbst nicht viel vorstellen. Ganz schön fand ich den Begriff Anarchotekt, den mir eine Wochenzeitung verliehen hat. Ich selbst bezeichne mich als Karma-Ökonom oder Zeitmillionär. Aber „Maker“ ist mir von allen Begriffen der liebste.

Warum?

Er ist so schön bodenständig. Im Deutschen würde man Heimwerker sagen. Das sind Menschen, die machen und anpacken und keine Angst haben. Außerdem klingt er politisch, und das gefällt mir auch.

Also gibt es einen Unterschied
zwischen einem Heimwerker und einem Maker?

Ein Maker ist ein Heimwerker mit einem „taz-Abo“ (er lacht). Er glaubt an die Kraft des Reparierens und erkennt darin einen politischen Akt. Wer repariert, der kauft nicht. Und wenn alle nicht mehr ständig neu kaufen, dann würde die Wirtschaft
zugrunde gehen. Also ist das Reparieren und auch das Do-it-yourself eine sehr, sehr kapitalismuskritische Angelegenheit.

Ab wann ist man Maker?

Man ist von dem Moment an Maker, in dem man sich selbst ermächtigt und erlaubt, aus den vorgefertigten Strukturen herauszutreten. Warum schreibt mir eine Industrie vor, wie groß ein Fenster sein muss? Warum schreibt man mir vor, in welche Richtung eine Tür aufzugehen hat? Am Ende geht es darum, sich selbst zu fragen: Wie möchte ich leben? Ein Maker ist jemand, der sich weigert, in eine feste Form gepresst zu werden – nicht von der Politik, der Wirtschaft, der Gesellschaft oder sonst irgendetwas.

Wann hat das bei dir angefangen?

Ich bin mit den Hartz-IV-Möbeln eher zufällig zum Maker geworden. Das Wort gab es damals noch gar nicht im Deutschen. Ich hab mich einfach gefragt, wie das sein kann, dass diese schönen Möbel aus dem Bauhaus so kommerziell ausgeschlachtet werden und nur für ein paar reiche, privilegierte Menschen erschwinglich sind. Dabei geht das den Grundideen von den Bauhaus-Gründern total entgegen. Sie wollten, dass möglichst viele Menschen in den Genuss eines ästhetisch und funktional schönen Lebens kommen. Gropius, van der Rohe, Dieckmann und wie die alle heißen, haben von „Volksbedarf statt Luxusbedarf“ gesprochen. Aber die Erben verklagen jeden, der den Ulmer Hocker und den Wassily-Chair nachbaut. Stattdessen werden die Lizenzen ganz teuer an Möbelfirmen verkauft. Das hat mich geärgert und ich hab mir überlegt: Ich werde jetzt einfach mal was machen. Ich kann bloggen, ich kann mit einem Akkubohrer umgehen, also los.

Du hast dann einen Blog gestartet, in dem du erklärst,
wie man zum Beispiel mit 10 Euro, 10 Schrauben und
10 Minuten sich selbst einen Berliner Hocker bauen kann.
Die Resonanz darauf war enorm.

Ja, ich habe unzählige Interviews gegeben. Mir ist erst durch diese Aufmerksamkeit und die vielen Fragen der Journalisten bewusst geworden, welche Dimensionen dieses ganze Thema des Selbermachens hat. Das ist mir vorher gar nicht bewusst gewesen.

Warum traf und trifft das so einen Nerv?

Viele von uns tragen einen Zweifel am System in sich. Die neoliberalen Achtziger- und Neunzigerjahre haben uns erzählt, dass du dich immer schön anstrengen musst, gut in der Schule sein musst, gut in deine Abschlüsse investieren musst, und dann bekommst du einen guten Job, der gutes Geld bringt, dass du dann in gute Aktien oder gute Rentenversicherungen investierst. Aber seit der Finanzkrise vor sieben Jahren wissen wir, dass diese Erzählung nicht mehr stimmt. In Griechenland und Portugal nützt den Jugendlichen ihr guter Schulabschluss auch nichts mehr. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es in Deutschland so weit ist.

Kann das Selbermachen diese Angst nehmen?

Maker, DIY, Aquaponik, Terra preta, Tinyhouses, 3D-Drucker und was weiß ich nicht alles, versuchen eine neue Geschichte zu erzählen. Es ist nicht mehr die Narration, dass es jeder schaffen kann, der immer schön fleißig ist. Sondern es ist eine ganz neue Erzählung.

Das Bauhaus als bedeutendste Schule für Architektur
im 20. Jahrhundert hat sich auf die Fahnen geschrieben,
„keine überlieferten Gewissheiten zu akzeptieren“.
Versucht ihr daran anzuknüpfen? Seid ihr deswegen hier
auf dem Bauhaus-Campus?

Das Besondere am Bauhaus waren für mich nicht die Vertreter oder die Schule oder die Designs, sondern die Zeit. Da fand gerade ein Paradigmenwechsel statt: von der Monarchie zu Demokratie. Als die Weimarer Republik gegründet wurde, haben sich viele Gestalter gefragt, wie sich dieses neue Paradigma ganz konkret gestalten lässt. Kann jetzt wirklich jeder in einer Wohnung wohnen? Auch die Bauern? Mit Dusche und Balkon? Und die Gestalter haben das mit „Ja“ beantwortet und den Wandel in eine andere Zeit architektonisch, gestalterisch, ästhetisch begleitet. Ich glaube, wir stecken auch gerade in einem Systemwandel, und wir versuchen dem hier auch eine Form zu geben.

Dieses neue Paradigma ist aber kein geschlossenes,
sondern ein bewusst offenes, an dem jeder mitarbeiten kann.

Ja, die Produkte, die wir zusammen als Crowd erschaffen, sind eigentlich nie fertig. Man sieht das bei der Wikipedia, bei Linux oder auch bei Fairphone. Ich selbst hab mir mal die Karma-Chucks ausgedacht, wo wir zusammen mit der Crowd transparent Turnschuhe produzieren. Wenn du so was machst, gibt es nur noch Beta-Versionen. Alles ist Beta. Das ist für viele in diesem Land noch schwer zu verkraften, weil hier ja auch Flugzeuge, das Auto und der Buchdruck erfunden wurden. Jetzt entspringen viele gute Ideen einer gemeinsamen Denk- und Probierweise, die immer wieder Fehler findet und optimiert. Es ist ein ewiges Werden. Vielleicht müssen wir uns damit abfinden, dass es keine endgültigen Lösungen gibt. Lass uns mal Beta bleiben.

Wir verabschieden uns also von der Leistungslogik. Der
Prozess ist entscheidend. Die Tatsache, dass ich selbst teilhabe.

Das zeichnet einen Maker aus: Er sieht im Prozess keine Gefahr. Wenn du dir mal die Nerds anguckst, die mit Arduino arbeiten. Die sitzen bei Hackathons und löten irgendwelche kleinen Roboter zusammen, die irgendwelche Probleme lösen sollen. Meistens sind das gar keine echten Probleme, sondern erstmal nur ein paar Dioden, die leuchten. Da merkst du ganz schnell, dass die Maker das aus Spaß am Prozess machen.

Das ist ja alles schön, mit anderen zu löten und
zu basteln. Etwas zu gestalten. Aber wie wird aus
dem Experiment der Systemwandel? Wie ernst
sind zum Beispiel die Tinyhouses gemeint?

Tinyhouses sind ähnlich wie die Hartz-IV-Möbel trojanische
Pferde.
Du kannst den Leuten ja nicht sagen: „Hey, verändere mal dein Leben, konsumiere mal weniger!“ Das sind Sprüche, die nicht so gut ankommen. Du musst eine Geschichte erzählen, die Spaß macht. Bei so einem Tinyhouse denkt man doch sofort an ein kleines Knusperhäuschen oder ein Baumhaus. Solche positiven Assoziationen nutze ich, um ernste Themen darin zu verpacken. Es geht ja nicht darum, dass 7 Milliarden Menschen in einem Häuschen auf vier Rädern leben.

Worum geht es?

Es geht am Ende um die Frage, wie wir in Zukunft leben werden. Die Weltbevölkerung wächst, die Städte werden enger. Wir sollten überprüfen, ob wir immer größere Wohnungen brauchen, ob sie immer aus Stahlbeton sein müssen, wie wir Siedlungspolitik betreiben. Auch die Eigentumsfrage spielt da mit hinein: Mit einem Tinyhouse brauchst du kein Grundstück. Wie bei einem Auto kannst du es überall hinstellen. Das ist doch sehr interessant. Die Eigentumsfrage zu stellen, wird vielen nicht gefallen. Aber sie wird tagtäglich aufgerüttet. Wenn an den Mittelmeerküsten jeden Tag Menschen sterben, stellt sich doch automatisch die Frage, wer wo wann sein darf. Wir müssen nicht nur kleine Häuser bauen, sondern auch große Fragen stellen.

 

LE-MENTZEL, 40, ist einer der bekanntesten deutschen Aktivisten des Do-it-together.
Der selbst ernannte Karma-Ökonom propagiert eine Wirtschaftsweise, in der Menschen nicht nur mit Geld und Waren in Austausch treten, sondern auch mit Karma – also Engagement, Solidarität und Liebe. Unter dem Motto „Konstruieren statt konsumieren“ motiviert er Menschen dazu, sich selbst Möbel, Häuser, Gesellschafts­utopien zu bauen. Im Moment arbeitet Van Bo als Aushilfslehrer an einer Schöneberger Gesamtschule. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Berlin.

 

 

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