Alles auf Null

INTERVIEW Nora Marie Zaremba  |  FOTOS Jan Stradtmann

Der Stadtentwickler Julian Petrin hat in einer Art Zukunftslabor überlegt, ob eine Stadt wie Hamburg auf Wirtschaftswachstum verzichten könnte. Im Interview erklärt er, warum eine „Zero City“ harte Verhaltensregeln des suffizienten Lebens braucht, welche leicht und welche schwierig umzusetzen sind und weshalb ein selbst gebautes Fahrrad auch nicht ökologisch perfekt ist.

Herr Petrin, Sie haben mit Ihrem Think-Tank Nexthamburg überlegt, wie die Hansestadt zur „Zero City“ werden kann. Eine Nullstadt – was soll das sein?

Es geht um eine Stadt, die schon besteht, sich aber neu er­findet. Die Idee ist, nicht mehr auf das ökonomische Wachstum zu setzen, sondern zu versuchen, mit den Ressourcen so sparsam wie möglich zu wirtschaften. Die wesentlichen Stichpunkte dazu lauten Suffizienz und Subsistenz. Es geht also erstens darum, insgesamt sparsamer zu leben und weniger zu verbrauchen. Und zweitens geht es darum, das, was die Bürger in der Stadt brauchen, innerhalb der Stadtgrenzen zu erwirtschaften, um sich von globalen Stoffströmen zu entkoppeln. Im Projekt „Zero City“ wollten wir ausloten, wie weit sich eine solche Stadt theoretisch verwirklichen ließe. Dafür haben wir zehn harte Regeln erarbeitet.

Diese Regeln sind sehr umfassend und betreffen die Versorgungsstrukturen in der Stadt genauso wie
das Leben ihrer Bürger. Können Sie das näher erklären?

In der „Zero City“ kommen Strom, Wasser und Wärme aus 100 Prozent erneuerbaren Energien. Auch die Mobilität soll zu 100 Prozent nicht fossil laufen. Möglichst alle Lebensmittel in der Stadt sollen selbst oder im direkten Umland erzeugt werden. Möglichst viele der in der „Zero City“ verwendeten Materialien sollen wiederverwendet werden. Auch das Prinzip der Sharing Economy spielt eine große Rolle. Werkzeuge oder Transportmittel werden geteilt. Ein Teil der Regeln bestimmt aber auch eben sehr konkret darüber, wie jeder Einzelne zu leben hat. Es gibt eine Grundsicherung für alle Bürger. Auch gilt die 20-
Stunden-Woche und die Vorgabe, dass jeder Bürger einen Teil seiner Zeit gemeinnütziger Arbeit widmet.

Wer setzt denn diese Regeln?

Das haben wir in unserem Projekt nicht näher bestimmt. Aber es gibt ja heute schon Gemeinden, Öko-Dörfer zum Beispiel, da bestimmt die Gruppe selbst die Regeln und alle Mitglieder
leben danach. Das geht meiner Meinung nach nur in kleineren Gruppen. Wenn nun aber eine ganze Stadt nach diesen zehn Regeln leben soll, dann müssten sie wohl von einer höheren Instanz durchgesetzt werden, also beispielsweise vom Gemeinde- oder Stadtrat. In diesen Fällen setzen demokratisch gewählte Vertreter die Regeln. Und doch gäbe es dabei immer so einen Beigeschmack. Man kommt leider sehr schnell auf den Begriff der Öko-Diktatur.

Wo liegen die Grenzen der „Zero City“?

Zum einen gibt es ganz praktische Grenzen. Wer sich ein Fahrrad bauen will, braucht Gummireifen. Die werden meistens in einem dreckigen Produktionsverfahren hergestellt, auch wenn ich mich später damit umweltfreundlich fortbewege. Auch bei der vollständigen Versorgung aus erneuer­ba­ren Energien wird man an Grenzen stoßen. Bestimmte Quartiere lassen sich eben nicht komplett autark mit PV vom Dach versorgen, weil die Kapazität an Dächern nicht ausreicht. Und natürlich stößt man dort an Grenzen, wo die Regeln ganz konkret das persönliche
Leben betreffen.

Auf einer öffentlichen Veran­staltung in Hamburg wurden die Regeln später mit Bürgern diskutiert. Wie waren die Reaktionen?

Mitunter sehr kritisch. Manche hatten schon ein Problem damit, auf Fleisch verzichten zu müssen. Wo zieht man also nun die Grenzen? Ist Fleisch total verboten oder gibt es Ausnahmen, beispielsweise den Sonntagsbraten? Aber es war ja genau Sinn und Zweck dieses Experiments, diese Fragen aufzuwerfen und die Grenzen aufzuzeigen. Man darf annehmen, dass die Leute aber schon „gebrandet“ waren für das Thema Nachhaltigkeit, sonst wären sie wohl kaum auf der Veranstaltung erschienen, um mit uns zu diskutieren.

Welche „Verbote“ wurden denn eher akzeptiert und welche gar nicht?

Ein großes Problem hatten die Bürger beim Verbot von Fernreisen. Das Argument war hier, dass Reisen in andere Länder bildet. Eher akzeptiert haben die Bürger die Regel, dass der Wohnraum begrenzt wird. Breitere Zustimmung fand auch das Prinzip, dass die Mobilität umweltfreundlich gestaltet werden sollte. Eher akzeptiert wurde auch die Bedingung, dass man Gemeinschaftsarbeit leistet und dafür weniger Zeit der Erwerbsarbeit nachgeht.

Sie haben gesagt, dass die Bürger, mit denen Sie diskutiert haben, ohnehin schon offen waren für das Thema. Müssten nicht viel mehr andere Milieus für mehr Nachhaltigkeit in der Stadt begeistert werden?

In unseren Projekten, die wir als Beratungsbüro urbanista übernehmen, versuchen wir das regelmäßig und stoßen dabei durchaus an Grenzen. Die Leute sind es leider gewohnt, mit ihrem Auto direkt vor dem Laden zu parken. Und der Ladenbesitzer wiederum besteht auf diese Parkplätze, weil er Angst hat, Kunden zu verlieren. Dabei gibt es so viele Beispiele, die bereits zeigen, dass das ja eben nicht der Fall ist. Wären die parken­den Autos erstmal verschwunden, würden sich ja ganz andere Möglichkeiten auftun. Was früher Park­platz war, kann neu und schöner gestaltet werden.

Es braucht mehr mutige Vorreiter,
die zeigen, was an Transformation
in der Stadt alles möglich ist.

Wie erreicht man genau den Autobesitzer und den Laden­inhaber, damit sie vom Gegenteil überzeugt werden können?

Das geht eigentlich nur darüber, dass sie selbst sehen, wie gut die Alternative gelingen kann. In meiner Lieblingsvorstellung müsste es Exkursionen für die Bürger geben, nach Stockholm beispielsweise. Hier wurde ja bereits eine „City-Maut“ eingeführt. Die Höhe der Maut richtet sich nach der Uhrzeit. Gerade zu den Stoßzeiten morgens und abends wird es etwas teurer. Bei Einführung dieses Bezahlsystems gab es am Anfang auch jede Menge Vorurteile. Doch es wurde ausprobiert und die Bürger haben selbst gesehen, was sie bringt. Weniger Stau nämlich und weniger Autos in der Stadt, was für alle angenehm ist.

Die „Zero City“ kann so vielleicht nicht verwirklicht werden, weil sie einfach zu schnell an ihre Grenzen gerät und die Bürger die Regeln nicht mittragen. Hat dieses Ergebnis Sie ernüchtert?

Ja und nein. Wir wussten von Anfang an, mit welchen steilen Thesen wir darangehen. Wir hatten auch nicht die Erwartung, die Stadt von heute auf morgen zu einem besseren Ort zu machen. Mich hat allerdings schon sehr erstaunt, wie kritisch es aufgenommen wird, wenn man Wirtschaftswachstum an sich infrage stellt. Dass unsere Wirtschaft immerzu wachsen müsse, scheinen viele Menschen als gegeben zu sehen und sie scheinen das vehement verinnerlicht zu haben. Da ist es ja gar nicht möglich, überhaupt mal Alternativen in Betracht zu ziehen.

Was braucht es nun?


Ich würde es mir sehr wünschen, wenn wir mehr zeitlich und räumlich begrenzte Experimente starten, in denen Alternativen ausprobiert und gelebt werden. So eine Art Stadtlabor also. Finnland probiert in Gemeinden gerade das bedingungslose Grundeinkommen aus. Stockholm hat die Maut zuerst auf Probe eingeführt und so gute Erfahrungen gemacht, dass sie nun endgültig bestehen bleibt. Nicht alle Experimente werden erfolgreich sein, aber wenigstens haben wir es dann mal ausprobiert. Es braucht mehr mutige Vorreiter, die zeigen, was an Transformation in der Stadt alles möglich ist. Dahinter sollen gar keine großen Projekte oder viel Geld stecken. Man muss einfach anfangen und erzählen. Ich habe beispielsweise den Blog einer Familie verfolgt, die ein Jahr auf Erdöl verzichtet hat, also auch auf Verpackungen und alles Weitere, was im Alltag so selbstverständlich anfällt. An der Herausforderung ist fast die Beziehung der Eheleute zerbrochen. Schreckt das nun ab? Ich glaube nicht. Es zeigt eher, wie viel noch getan werden muss. Solche Geschichten transportieren eine Botschaft.

Also lieber Lust auf die Transformation machen über Geschichten, anstatt den Wandel über Regeln oder Verbote zu erzwingen?

Es wird ja immer behauptet, Verbote bringen nichts. Doch so richtig glaube ich nicht daran. Warum wir in Deutschland nicht längst eine PKW-Maut haben oder das Auto aus dem inner­städtischen Bereich nicht verbannt wird, ist mir schleierhaft. Das sind starke Impulse, die ein Staat setzen kann, die dann auch auf Wirtschaft und Gesellschaft wirken. Es braucht diese Mischung. Über nett reden alleine erlangt man sicher keine Transformation.

Julian Petrin

hat Städtebau und Stadtplanung an der Technischen Universität Hamburg, heute HafenCity Universität Hamburg, studiert. Mit seinem Büro urbanista berät Petrin deutschlandweit Kommunen, Unternehmen und Akteure der Zivilgesellschaft bei urbaner Transformation und der Gestaltung urbaner Zukunftsszenarien. Petrin ist außerdem Geschäftsführer des von ihm 2009 gegründeten Bürger-Stadt-Labors Nexthamburg, das durch die intensive Zusammen­arbeit mit Bürgern neue Impulse für die Stadtentwicklung setzen will. 2012 wurde Petrin in den Konvent
der Bundesstiftung Baukultur berufen. Der 49-Jährige lebt mit seiner Familie in Hamburg.